Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Elieser blickte bewundernd zu Hannah hinüber, die sich scheu gab, ihm aber im Schutz ihrer gegen das Licht gehaltenen Handarbeit verheißungsvoll zulächelte.
Ruben ben Makkabi trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, kann Lea nicht hier sein, weil sie als Samuel unterwegs ist. Ich vermisse aber auch deine andere Schwester, Rachel. Warum begrüßt sie uns nicht? Ist sie so krank, dass sie nicht aufstehen kann, oder gibt es noch mehr Dinge, die ich erfahren müsste?«
Elieser hatte schon seit Ruben ben Makkabis Ankunft überlegt, wie er ihm beibringen konnte, was Rachel trieb, ohne dass der Rabbi empört das Haus verließ. Er be-schloss, nichts zu beschönigen. »Meine Schwester Rachel lebt nicht mehr bei uns. Sie ist die Mätresse des Markgrafen geworden.«
Ruben ben Makkabi hatte das Gefühl, der Boden würde sich unter seinen Füßen öffnen. Für einen Augenblick glaubte er noch, sich verhört zu haben, doch der peinlich berührte Gesichtsausdruck des jungen Mannes verriet ihm, dass es die Wahrheit war. »Beim Gott unserer Väter, wie konnte das geschehen? Wieso hat Samuel ... ich meine, Lea das zugelassen?«
Elieser verbarg sein Gesicht in den Händen. Jetzt lag es in seiner Hand, Lea so unmöglich zu machen, dass der Rabbi ihre Herrschaft in diesem Hause mit allen Mitteln beenden würde. »Als der Markgraf an Rachel Interesse zeigte, hat Lea ihr sogar dazu geraten, sich ihm an den Hals zu werfen, weil sie hoffte, ein paar Privilegien mehr für uns herausschlagen zu können.«
»So viel Verworfenheit ist mir noch nie untergekommen!«, rief Ruben ben Makkabi erbittert, ließ aber nicht erkennen, ob er Lea oder Rachel damit meinte, »Da sieht man, was alles geschieht, wenn Juden ihre Gemeinden verlassen. Das schlechte Beispiel der Christen verdirbt sie, so dass sie die Sitten und Gebräuche des Volkes Juda vergessen und sich von Gottes Gesetzen abwenden. Was aus solchen Leuten werden kann, sieht man ja an Medardus Holzinger, dem Judenschlächter. Sein Vater wurde in Trient als Joschia ben Isai geboren, trat aber später zum Christentum über und wurde der schlimmste Ankläger unserer Brüder in Trient. Er unterstützte die infame Beschuldigung, die Juden dort hätten einen christlichen Knaben namens Simon getötet und sein Blut getrunken. Zahllose unseres Volkes verloren daraufhin ihr Leben, nicht nur in Trient, sondern auch in vielen anderen Städten des Reiches. Dabei wurde schon bald bekannt, dass der Bischof von Trient den Knaben durch einen seiner Handlanger ermorden und die Leiche in das Haus eines unserer Brüder schaffen ließ, um diesen zu verderben.«
Elieser hob erschrocken die Hände. »Rabbi, ich ... , wir sind gute Juden, glaube mir. Bitte hilf uns, auf dem rechten Weg zu bleiben!«
Ruben ben Makkabi strich sich über den Bart und musterte Elieser so eindringlich, dass dieser in sich zusammenkroch. Dann nickte er. »Ich werde es versuchen. Für Rachel kann ich wohl nichts mehr tun, denn sie ist eine Verworfene. Doch auch sie kann noch etwas Gutes bewirken. Ich werde versuchen, ihren Einfluss auf den Markgrafen auszunützen, um die Erlaubnis für die Ansiedlung einer lebensfähigen jüdischen Gemeinde zu erhalten. Was Lea betrifft, so wird sich auch für sie ein Weg finden lassen. Wenn der Geist, der sie beherrscht, ausgetrieben worden ist, kann sie, wenn sie noch als Ehefrau taugt, mit Jiftach unter den Hochzeitsbaldachin treten. So oder so werde ich sie auf den Platz verweisen, auf den sie als Weib gehört.«
Elieser entnahm diesen Worten, dass Ruben ben Mak-kabi von nun an die Zügel in die Hand zu nehmen gedachte, und verzog das Gesicht. Seine Befreiung von Lea hatte er sich anders vorgestellt, aber er tröstete sich damit, dass er von nun an offiziell das Haupt der Familie war und seine Schwester ihm in Zukunft gehorchen musste.
Siebter Teil.
Heimkehr
1.
Als Lea Hartenburg verlassen hatte, war es Spätsommer gewesen und die Landschaft hatte von der langen Hitze staubig gewirkt, bei ihrer Rückkehr aber prangten Wald und Flur in den frischen Farben des Frühlings. Diese Jahreszeit hatte Lea immer besonders geliebt und war dann gerne auf Reisen gegangen. Diesmal aber schenkte sie weder dem zarten Grün des Weinlaubs noch den mit weißen Blüten überzuckerten Apfelbäumen einen Blick, und sie hatte auch kein Ohr für den Gesang der Vögel in den Zweigen. Je näher sie der Heimat und damit der Trennung von Orlando kam, umso tiefer kroch sie in sich hinein, bis sie sich wünschte, sie wäre tot. Dabei hätte sie glücklich sein müssen, dass ihr Spanienabenteuer ohne größere Probleme zu Ende gegangen war.
Auf dem Ritt nach Santa Pola hatte sie sich immer wieder zu der Idee beglückwünscht, um die Begleitung ihrer vier burgundischen Freunde gebeten zu haben, denn sie waren einige Male Reitern begegnet, die so aussahen, als hielten sie die Reisegruppe unter Beobachtung, und kleinere Trupps von Bewaffneten hatten ebenfalls ein verdächtiges Interesse an ihnen gezeigt. Eingedenk des Streichs, den sie Alvaro de Arandela gespielt hatte, hatte sie ihren Begleitern gleich zu Beginn der Reise vorgeschlagen, nur von den eigenen Vorräten zu leben und den mitgeführten Wein mit Wasser aus Quellen zu verdünnen, um nicht hereingelegt zu werden.
Van Grovius hatte de Poleur, de la Massoulet, van Haalen und von Kandern nur mitgeteilt, Königin Isabella selbst habe den Wunsch geäußert, dass sie Leon de Saint Jacques begleiten und unterwegs beschützen sollten, und so erfuhren die vier erst während des Ritts, um was es ging. Lea hatte sich nicht lange mit Erklärungen aufgehalten, sondern ihren Freunden nur gesagt, sie müssten einen Mann abholen und beschützen, der sich den Herzog von Montoya zum Feind gemacht hatte. Da die vier Burgunder sich nur allzu gut an die Gefangenschaft im Kloster San Isidro bei Sanlucar erinnerten, fragten sie nicht weiter, sondern setzten kampflustige Mienen auf und hielten die Hände in der Nähe ihrer Schwertgriffe.
Jetzt, nachdem alles vorbei war, vermochte Lea nicht zu sagen, ob ihre Vorsicht oder die Bereitschaft ihrer Freunde, sie zu verteidigen, sie heil in der Festung von Santa Pola hatte ankommen lassen. Damals war sie innerlich auf alles vorbereitet gewesen, aber es war glatter gegangen, als sie es sich hatte vorstellen können. Don Julio Vasquez de Frugell, der Kommandant der Festung von Santa Pola, hatte dem Befehl der Königin widerspruchslos gehorcht und ihr Orlando ohne Zögern übergeben, obwohl Alvaro de Arandela, der kurz vor ihnen dort eingetroffen sein musste, scharf protestiert und ihm Vorhaltungen gemacht hatte. Zu seinem Pech hatte Montoyas Wachhund den burgundischen Edelmann de Saint Jacques nicht mit der Weinhändlerin von Bereja in Verbindung gebracht, daher hatte ihm das einzig handfeste Argument gefehlt, welches ihm beim Kommandanten der Festung hätte Gehör verschaffen können.