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Mrs. Pollifax und der Hongkong-Buddha. Ein heiterer Roman

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Mrs. Pollifax und der Hongkong-Buddha. Ein heiterer Roman
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Sie winkte ein Taxi heran und ließ sich zum Hotel zurückfahren. Diesmal nahm sie den Haupteingang und ohne sich von etwaigen Beschattern beeindrucken zu lassen, strebte sie direkt auf den Lift zu und fuhr nach oben. In Zimmer 614 angelangt, warf sie ihre Handtasche auf das Bett und griff nach dem Telefon. Über eine Deckadresse in Baltimore schickte sie ein Telegramm an Carstairs: >FREUNDSCHAFT ERNEUERT, WETTER REGNERISCH, EMILY POLLIFAX.< Sie legte den Hörer auf die Gabel und warf einen Blick auf ihren Reisewek-ker. Es war kurz nach halb zwölf. Es war ein langer Tag gewesen. Sie erhob sich müde, ging zu ihrem Koffer und öffnete ihn.

Sie nahm ihren Schlafanzug heraus und suchte unter der Wäsche nach ihrer Nachtcreme, als ein lautes Poltern an der Tür sie zusammenschrecken ließ.

Sie legte den Pyjama beiseite und ging an die Tür. »Wer ist da?« rief sie.

Keine Antwort.

Behutsam schob Mrs. Pollifax den Riegel zurück und drückte die Klinke nach unten. Die Tür flog auf, und der Mann, der Mrs. Pollifax in die Arme fiel, hätte sie beinahe umgerissen. Sein Gesicht war blutüberströmt. Mrs. Pollifax riß sich instinktiv los und sprang einen Schritt zurück. Der Mann stürzte zu Boden und blieb regungslos liegen.

Entsetzt starrte Mrs. Pollifax auf den Mann zu ihren Füßen. Er war Mr. Hitchens.

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Mrs. Pollifax' erste Reaktion war schiere Verwunderung, denn normalerweise rechnet man nicht damit, eine flüchtige Flugzeugbekanntschaft, mit der man nichts weiter als ein angenehmes Gespräch und ein gemeinsames Frühstück verbracht hatte, wiederzusehen -und schon gar nicht so spät in der Nacht und blutüberströmt wie Mr. Hitchens. Doch die konkreten Tatsachen waren nicht zu übersehen - es war Mr. Hitchens, der zu ihren Füßen lag -, und Mrs. Pollifax schob die Tür zu, kniete neben ihm nieder und untersuchte behutsam Mr. Hitchens' Schädel unter dem blutverklebten Haar.

Sie zuckte zusammen, als sie die breite Platzwunde entdeckte, aus der das Blut sickerte. Sie rannte ins Badezimmer und kehrte mit einem trockenen und einem nassen Handtuch zurück. Während sie das trockene Handtuch gegen die Wunde preßte, wischte sie mit dem feuchten Mr. Hitchens das Blut aus dem Gesicht.

Seine Augen waren geschlossen, doch seine Lippen begannen, sich zu bewegen. »Etwas...«, flüsterte er undeutlich.

Sie beugte sich näher über ihn.

»Etwas stimmt nicht. Nicht in Ordnung...«, murmelte er. »Wie... wie...?«

»Sprechen Sie jetzt nicht«, sagte Mrs. Pollifax leise. »Ich hole einen Arzt.«

»Nein!« keuchte er. »Keinen Arzt!« Er versuchte sich aufzurichten und öffnete dabei die Augen. »Zu gefährlich...«, flüsterte er. »Sind hinter mir her. Wie... wie...? Muß... wie... finden... «

Erschöpft schloß er die Augen und sackte erneut ohnmächtig in ihre Arme zurück. Unschlüssig blickte Mrs. Pollifax in das Gesicht des Bewußtlosen und versuchte abzuwägen, was im Augenblick wichtiger war: Die ärztliehe Versorgung der Wunde oder seine Angst vor Verfolgern. Die Platzwunde an sich war sicherlich nicht lebensgefährlich, doch es bestand die Gefahr einer Infektion, wenn die Wunde nicht fachmännisch versorgt wurde. Andererseits bewies allein schon sein Zustand und seine Gegenwart, daß seine Panik nicht unbegründet war; denn weshalb sonst hätte er bei ihr Zuflucht gesucht - im Hongkong-Hilton, wo für die Touristen jede nur erdenkliche Annehmlichkeit und natürlich auch ärztliche Hilfe zur Verfügung stand.

Offenbar war er in seinem Zimmer niedergeschlagen worden, denn sehr viel weiter wäre er in seinem Zustand sicherlich nicht gekommen, ohne einen mittleren Volksauflauf zu verursachen. »Zu gefährlich... Sind hinter mir her!« hatte er gesagt! Konnte dies bedeuten, daß...?

Sie hatte die Tür zwar geschlossen, aber sie hatte sie nicht zugesperrt! Sie sprang auf und warf den Riegel vor. Im selben Augenblick, als der Riegel mit einem metallischen Klicken ins Schloß sprang, hörte Mrs. Pollifax, daß sich draußen vor der Tür jemand bewegte. Sie wich erschreckt einen Schritt zurück, und ihr Blick fiel auf die Türklinke, die sich langsam nach unten bewegte. Starr vor Schreck hörte sie, wie Metall leise Metall berührte.

Mrs. Pollifax unterdrückte einen Angstschrei. »Gleich muß ich schreien!« flüsterte sie lautlos und starrte mit aufgerissenen Augen auf die Klinke, die sich auf und ab bewegte. >Schreien... schreien... schreien...<

Das Schloß schnappte, und die Tür ging langsam auf. Herein trat Robin Burke-Jones. »Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte er grinsend und schloß die Tür hinter sich. »Ich habe dich vorhin in der Halle gesehen und dachte...« Sein Blick fiel auf den Mann zu seinen Füßen. »Großer Gott!« rief er und schüttelte mißbilligend den Kopf. »Hast du wieder Karate trainiert? Wer zum Henker... «

Noch immer um Fassung ringend stotterte Mrs. Pollifax: »K-K-kein Karate. D-d-das ist Mr. Hi-Hi-Hitchens. Er fiel mir soeben mit der Tür ins Haus, die Angst vor irgendwelchen Verfolgern im Nacken. Und dann kamst du durch die Tür!«

Robin pfiff leise durch die Zähne. »Und du dachtest... Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe, aber - ob du's glaubst oder nicht - hinter mir war ebenfalls jemand her, und es blieb mir einfach nicht genügend Zeit, in aler Form anzuklopfen und zu warten.« Interessiert betrachtete er Mr. Hitchens und brummte: »Ich denke, der Bursche braucht einen Arzt.«

»Aber er hat mich inständig gebeten, keinen Arzt zu holen.«

»Du kennst ihn natürlich?«

»Nur flüchtig«, erwiderte sie. »Wir saßen im Flugzeug nebeneinander und hatten ein sehr interessantes Gespräch über parapsychologische Phänomene. Er ist übrigens Psychologe und kam nach Hongkong mit dem Auftrag, eine vermißte Person aufzuspüren. Wir frühstückten zusammen - das war heute morgen, obwohl es mir bereits wie eine Ewigkeit vorkommt -, aber ich habe nicht im Traum damit gerechnet, ihn wiederzusehen.«

»Und nun liegt er hier in deinem Zimmer.«

»Das läßt sich wohl kaum abstreiten - ja.«

Robin beugte sich über Mr. Hitchens. »Eine scheußliche Wunde... Da hat jemand ganze Arbeit geleistet. Aber wenn er noch gesprochen hat, dann kann es nicht so schlimm sein. Was hat er gesagt, weshalb er so...äh... Knall auf Fall bei dir auftauchte?«

Mrs. Pollifax schloß die Augen und dachte angestrengt nach. »Zunächst murmelte er: >Etwas stimmt nicht... Nicht in Ordnung... Wie... wie?< und dann, als ich sagte, ich werde einen Arzt rufen, flüsterte er: >Nein! Keinen Arzt! Zu gefährlich... Sind hinter mir her... Wie... wie... ? Muß... wie... finden.<«

Robin richtete sich abrupt auf und starrte sie verblüfft an. »Würdest du das noch mal wiederholen? Wort für Wort.«

Sie wiederholte die Worte Mr. Hitchens'. »Was hast du?« fragte sie verständnislos.

Robins Augen waren schmal geworden. »Du sagtest, er ist in Hongkong, um eine vermißte Person zu finden?«

Sie nickte. »Ja. Weshalb fragst du?«

Ohne auf ihre Frage einzugehen, sagte er: »Ich kenne einen Arzt, der keine überflüssigen Fragen stellt. Außerdem würde ich ganz gerne hören, was dieser Mr. Hitchens noch zu erzählen hat, wenn er wieder bei Bewußtsein ist.« Er ging zum Telefon, wählte eine Nummer und wartete. »Es ist schon verrückt«, brummte er kopfschüttelnd und warf ihr ein jungenhaftes Lächeln zu, »denn eigentlich wollte ich dir nur mal schnell hallo sagen und ein bißchen über alte Zeiten plaudern. Erinnerst du dich, wie du damals diesem Hafez das Leben gerettet und die Männer des Scheichs mit deinen Karatekünsten auf die Bretter geschickt hast? Und... Hallo? Chiang?« rief er in den Hörer. »Hier ist Drei-null-eins. Ich bin im Hotel. Können Sie unbemerkt in Zimmer 614 kommen? Zimmer 614 - ja. Ein Mann -vermutlich mit einer Gehirnerschütterung. Im Augenblick bewußtlos... Platzwunde am Kopf. Muß wahrscheinlich genäht werden. Richtig - ja. In Ordnung.« Er legte auf. »Er ist in fünf Minuten hier. Als ich deinen Mr. Hitchens liegen sah, dachte ich zuerst, es sei Cyrus. Aber du hast uns geschrieben, daß Cyrus einsneunzig groß ist, und der gute Mann hier kann sich so lang machen, wie er will - einsneunzig wird der nie.«

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