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Mrs. Pollifax und der Hongkong-Buddha. Ein heiterer Roman

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Mrs. Pollifax und der Hongkong-Buddha. Ein heiterer Roman
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Mrs. Pollifax nickte. »Ja - sicherlich. Aber was ist das für eine Arbeit, die sie von ihm verlangen?«

»Stehlen!« erwiderte Lotus. »Zwei Monate lang hat ihm ein Mann namens Hoong beigebracht, wie man als Taschendieb arbeitet. Sie schicken ihn als Taschendieb zum Arbeiten.«

»Was?!« rief Mrs. Pollifax entsetzt.

Sheng Ti nickte bekräftigend. »Alles schlimm jetzt. Sehr schlimm. Mr. Detwiler schlägt mich. Ist sehr böse. Mr. Feng macht Laden jetzt - aber auch sehr böse. Mr. Detwiler nimmt Heroin«, berichtet Sheng Ti aufgeregt. »Ich einmal gesehen - lange Nadel und weißes Pulver. Dann schlägt mich wieder, wenn ich gesehen.«

»Mein Gott!« flüsterte Mrs. Pollifax voller Anteilnahme.

»Ja.«

»Und was mußt du stehlen?« erkundigte sie sich.

»Pässe«, antwortete Sheng Ti.

Dies war eine Überraschung. »Pässe?« fragte sie erstaunt. »Kein Geld?« Sheng Ti schüttelte den Kopf. »Welche Pässe?« erkundigte sich Mrs. Pollifax und versuchte, eine Erklärung für das, was sie soeben gehört hatte, zu finden. »Wie viele? Und von wem?«

Lotus antwortete für Sheng Ti. »Er hat mir nicht alles erzählt, aber soweit ich weiß, schicken sie ihn in einem sehr eleganten Anzug in das Regierungsviertel oder manchmal auch zum Flughafen. Zwei der Pässe, die er gestohlen hat, habe ich gesehen. Einer war bulgarisch und einer kanadisch.« Sheng Ti sagte etwas auf chinesisch zu ihr, und sie nickte. »Er sagt, bisher habe er elf Pässe für Mr. Detwiler gestohlen.«

»Elf«, wiederholte Mrs. Pollifax und legte ratlos die Stirn in Falten.

»Wenn Sheng Ti und ich nicht Freunde geworden wären, und er mir nicht alles erzählt hätte, hätte ich gar nichts bemerkt«, sagte Lotus. »Bei Feng-Imports ist alles sehr undurchsichtig, und man hält alles von mir fern. Ich schreibe nur die Rechnungen, erledige die Geschäftspost und wische im Laden Staub. Aber ich habe den Streit, die Auseinandersetzungen zwischen Mr. Feng und Mr. Detwiler gehört; ihre Stimmen zumindest und...« Sie schüttelte den Kopf. »Etwas ist nicht in Ordnung bei Feng-Imports. Sheng Ti würde am liebsten weglaufen, aber sie haben ihm alle seine Papiere abgenommen. Und ohne Papiere kommt er nicht weit.«

Mrs. Pollifax beugte sich über den Tisch, und ihre Stimme klang heiser. »Er soll nicht weglaufen. Sagen Sie ihm, er soll bitte bleiben und uns helfen. Die Leute, die ihn zu Feng-Imports geschickt haben, wissen, daß dort etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb binich hier.«

»Diese Leute werden dir helfen«, sagte sie zu Sheng Ti gewandt. »Wenn du ihnen hilfst, werden sie auch dir helfen.« Die Worte Bishops fielen ihr wieder ein, der gesagt hatte: »Wir sind bereit, ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten anzubieten; allerdings nur, wenn er eine angemessene Gegenleistung bringt. Er muß es sich verdienen. Seine Informationen müssen ausreichen, um...« Sie wagte im Augenblick nicht, davon zu sprechen, dennnoch genügten seine Aussagen nicht, das Problem >Feng-Imports< zu lösen. »Könntest du mehr herausfinden, Sheng Ti? Könntest du Mr. Detwiler beschatten? Feststellen, wohin er geht und wen er trifft? Wenn du das herausfindest, verspreche ich dir, daß du deine Papiere zurückbekommst - und eine andere Arbeit und eine Ausbildung... Man hat mir gesagt, das kann ich dir versprechen. Aber zunächst müssen wir herausbekommen, was bei Feng-Imports los ist. Und das kannst nur du allein herausfinden.«

Sheng Ti runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Seine Augen suchten Lotus' Blick. »Ich kann schon nicht mehr klar denken«, sagte er und lachte bitter. »Ich alles tun, alles - will weg von dort! Sie mir geben neue Hoffnung.« Er wechselte mit Lotus ein paar Worte in Chinesisch.

»Er ist dazu bereit«, sagte das Mädchen. »Und ich ebenfalls.«

»Sehr gut. Ich glaube nicht, daß sie gegen mich einen Verdacht hegen - obwohl oder gerade weil sie mich heute morgen beschatten ließen.« :

Noch im selben Augenblick bereute sie, daß sie davon gesprochen hatte, denn Sheng Ti sprang erregt auf. Panik stand in seinen Augen. »Sie wurden verfolgt? Hierher?!«

»Nein, nein«, beruhigte ihn Mrs. Pollifax. »Heute morgen, als ich den Laden verließ. Hierher ist mir niemand gefolgt -dessen bin ich mir ganz sicher.«

»Aber sie haben vielleicht... Ich muß weg!« Er versuchte, der Angst Herr zu werden, die ihn ergriffen hatte. »Oh, bitte! Was machen wir jetzt?« rief er verstört.

»Setz dich bitte wieder hin, Sheng Ti«, versuchte Mrs. Pollifax ihn zu beruhigen.

»Nein! Lassen Sie ihn gehen«, mischte sich Lotus ein. »Geh' wieder in die Nummer 40 zurück, Sheng. Du hast jetzt zwei Nächte nicht mehr geschlafen. Ich erzähle dir später, was sie gesagt hat.«

Sheng Ti gelang es, ein mattes Lächeln zustande zu bringen, doch er stand auf, um zu gehen. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um und warf Mrs. Pollifax einen flehenden Blick zu, dann war er verschwunden.

»Sie haben keine Angst vor ihnen?« wandte sich Mrs. Pollifax nach einer Weile wieder an Lotus.

»Nein. Aber ich habe Angst um Sheng Ti«, antwortete das Mädchen. »Er fürchtet, man könnte ihn wieder nach Rotchina zurückschicken. Dort wird er früher oder später wieder in einem Arbeitslager landen. Ohne Papiere hat er keine Chance!«

Jemand klopfte an der Tür, und Mrs. Pollifax - deren Nerven von der bedrückenden Atmosphäre in dem engen Zimmerchen offenbar ebenso überreizt waren, wie die der beiden jungen Leute - sprang erschreckt auf und starrte gebannt zur Tür. Das Mädchen erhob sich, öffnete die Tür einen winzigen Spalt und redete in Chinesisch auf den späten Gast, oder wer immer dort draußen im Korridor stehen mochte, ein. Lotus schloß die Tür und kehrte an den Tisch zurück. »Ich teile das Zimmer mit zwei Mädchen, und ich mußte sie bestechen, damit sie heute abend ausgingen. Sie sind zurück und wollen nun schlafen gehen. Sie müssen jetzt gehen.« Besorgt und unruhig ging sie auf und ab. »Aber was soll ich nur Sheng Ti sagen?«

Mrs. Pollifax kramte ihren Notizblock aus der Handtasche, riß ein Blatt heraus und schrieb etwas darauf. »Hier ist mein Name und die Adresse des Hotels, in dem ich zu erreichen bin. Das hier ist meine Zimmernummer. Am besten. Sie merken es sich - Sheng Ti ebenfalls - und verbrennen den Zettel dann.« Sie erhob sich und blieb zögernd stehen. »Wir müssen eine andere Möglichkeit finden, uns zu treffen. Könnten Sie mich morgen abend um zehn Uhr im Hotel anrufen?«

Lotus nickte. »Morgen abend um zehn.« Sie schien etwas beruhigt. Die Angst war aus ihren Augen gewichen, Und ihr Gesicht war nun wieder gefaßt und anmutig wie am Vormittag. »Ich bin so froh, daß Sie hier sind«, sagte sie schüchtern. »Wir waren so furchtbar alleine. Doch, Gott sei Dank, ist das nun vorbei.« Die Hand bereits auf der Türklinke, wandte sie sich noch einmal um und fügte hinzu: »Sie werden sehen, er wird alles tun, was in seiner Macht steht.« Sie schob den Zettel in ihren Ärmel, ehe sie die Tür einen Spalt öffnete und vorsichtig in den Korridor hinausspähte. »Kommen Sie«, flüsterte sie. »Sie können durch die Küche nach draußen gelangen. Ich zeige Ihnen den Weg.«

Als Mrs. Pollifax endlich wieder in der dunklen Straße stand, erlaubte sie sich zunächst einmal einen tiefen Seufzer der Erleichterung. Sie war froh, diesem winzigen Raum, der bis zum letzten Winkel von Sheng Tis Angst und Lotus' Sorge um ihren Liebsten erfüllt war, entronnen zu sein. Die beiden jungen Leute taten ihr aufrichtig leid, und ihr war klar, daß auf Sheng Ti noch mehr Gefahren warteten, ehe er dem Einfluß von Feng-Imports für immer entkommen würde. Am liebsten hätte sie Sheng Ti bei der Hand genommen und ihn in die nächste Maschine nach San Francisco gesetzt, doch dem stand - wie sie sehr wohl wußte - die Bürokratie der amerikanischen Behörden im Wege: Ein Flüchtling ohne gültige Einreisepapiere hatte keine Chance, in das Land gelassen zu werden.

Ihr Gartenbauclub würde Sheng Ti - und Lotus ebenfalls, sollte ihre Beziehung weiter bestehen - massiv zur Seite stehen müssen, überlegte sie entschlossen, während sie die engen Gassen hinabeilte. Bis dahin mußte ihre ganze Sorge der physischen Unversehrtheit Sheng Tis gelten... Es schien ihr durchaus möglich, daß Mr. Detwilers Sucht nach Heroin die Erklärung für seine nachlässigen Berichte an Carstairs' Ministerium war, doch die Sache mit den elf gestohlenen Pässen wollte ihr gar nicht gefallen. Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. Nein - diese Geschichte gefiel ihr ganz und gar nicht.

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