Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Und ... Katerina Iwanowna?«
»Katerina Iwanowna wird Ihnen nicht entgehen, sie wird schon selbst zu Ihnen kommen, wenn sie schon aus dem Hause gelaufen ist«, fügte er mürrisch hinzu. »Wenn sie Sie nicht antrifft, werden Sie doch schuld sein ...«
Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl. Raskolnikow schwieg, blickte zu Boden und überlegte sich etwas.
»Nehmen wir an, Luschin wollte es jetzt nicht«, begann er, ohne Ssonja anzusehen. »Wenn er es aber wollte oder wenn es in seinem Interesse wäre, hätte er Sie doch ins Zuchthaus gebracht – wenn ich und Lebesjatnikow nicht dabei gewesen wären! Wie?«
»Ja«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Ja!« wiederholte sie zerstreut und unruhig.
»Ich hätte ja wirklich auch nicht dabei sein können! Lebesjatnikow kam aber schon ganz zufällig dazwischen.«
Ssonja schwieg.
»Nun, und wenn Sie ins Zuchthaus kämen, was dann? Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen gestern gesagt habe?«
Sie antwortete wieder nicht. Er wartete eine Weile.
»Und ich dachte, Sie würden wieder schreien: ›Ach, sprechen Sie nicht davon, hören Sie auf!‹« sagte Raskolnikow und lachte, doch irgendwie unnatürlich. »Nun, Sie schweigen wieder?« fragte er nach einer Weile. »Man muß doch über etwas reden? Nun wäre es mir sehr interessant zu hören, wie Sie jetzt eine gewisse ›Frage‹, wie es Lebesjatnikow nennt, lösen würden. (Er schien etwas aus dem Konzept zu kommen.) Nein, wirklich, ich meine es ernst. Stellen Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus wüßten, daß Sie wüßten (das heißt ganz sicher wüßten), daß dadurch Katerina Iwanowna und die Kinder ganz zugrundegehen würden; auch Sie selbst als Draufgabe (da Sie sich selbst für nichts achten, sage ich: als Draufgabe). Poljetschka ebenfalls ... ... weil ihr der gleiche Weg bevorsteht. Nun also: Wenn es jetzt nur von Ihrer Entscheidung abhinge, ob er oder Sie leben sollen, das heißt, ob Luschin leben und seine Gemeinheiten weiter begehen soll, oder Katerina Iwanowna sterben soll – wie würden Sie entscheiden: wer von ihnen soll sterben? Ich frage Sie!«
Ssonja sah ihn unruhig an. Sie glaubte in seiner unsicheren, weit ausholenden Rede etwas zu hören.
»Ich wußte schon vorher, daß Sie mich etwas Ähnliches fragen würden«, sagte sie und sah ihn forschend an.
»Gut, meinetwegen. Aber wie soll man diese Frage entscheiden?«
»Warum fragen Sie etwas, was unmöglich zu beantworten ist?« sagte Ssonja mit Widerwillen.
»Es ist also besser, wenn Luschin am Leben bleibt und seine Gemeinheiten weiter treibt! Sie wagen nicht mal, dieses zu entscheiden!«
»Ich kann ja nicht Gottes Vorsehung kennen ... Und warum fragen Sie mich, was man nicht fragen darf? Wozu solche dummen Fragen? Wie wäre es möglich, daß dies von meiner Entscheidung abhinge? Und wer hat mich zum Richter bestellt, um zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll?«
»Sobald die Vorsehung Gottes mit im Spiele ist, ist nichts zu machen«, brummte Raskolnikow mürrisch.
»Sagen Sie lieber einfach, was Sie wollen!« rief Ssonja gequält. »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie denn nur dazu gekommen, um mich zu quälen?«
Sie hielt es nicht aus und fing plötzlich zu weinen an. Finster und schwermütig sah er sie an. So vergingen an die zehn Minuten.
»Du hast ja recht, Ssonja«, sagte er schließlich leise.
Er war plötzlich wie verändert. Der gekünstelte freche und kraftlos herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme wurde auf einmal schwach.
»Ich habe dir gestern doch selbst gesagt, daß ich nicht dazu kommen werde, um Verzeihung zu bitten, und doch hätte ich beinahe damit angefangen ... Das über Luschin und die Vorsehung sagte ich nur für mich selbst ... Ich bat damit um Verzeihung, Ssonja ...«
Er wollte schon lächeln, aber das blasse Lächeln blieb kraftlos und unfertig. Er neigte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
Plötzlich durchzuckte das unerwartete Gefühl eines giftigen Hasses gegen Ssonja sein Herz. Über dieses Gefühl gleichsam selbst erstaunt und erschrocken, hob er plötzlich den Kopf und sah sie aufmerksam an; er begegnete aber ihrem unruhigen und schmerzvoll besorgten Blick; es war Liebe darin: und sein Haß verschwand wie ein Gespenst. Es war etwas anderes; er hatte sein Gefühl für ein anderes gehalten. Es bedeutete nur, daß jener Augenblick gekommen war.
Er bedeckte wieder das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf. Plötzlich erbleichte er, erhob sich vom Stuhl, sah Ssonja an und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, mechanisch auf ihr Bett hinüber.
Dieser Moment glich für seine Empfindung so furchtbar jenem, als er schon hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge herausgeholt hatte und fühlte, daß er keinen Augenblick länger verlieren dürfe.
»Was ist mit Ihnen?« fragte Ssonja, furchtbar erschrocken.
Er konnte kein Wort hervorbringen. Er hatte sich das Geständnis ganz anders vorgestellt und verstand gar nicht, was jetzt mit ihm vorging. Sie ging leise auf ihn zu, setzte sich neben ihn aufs Bett und wartete, ohne den Blick von ihm zu wenden. Ihr Herz klopfte und stockte. Es wurde unerträglich; er wandte ihr sein totenblasses Gesicht zu; seine Lippen zuckten ohnmächtig und bemühten sich, etwas zu sagen. Ein Grauen durchfuhr Ssonjas Herz.
»Was ist mit Ihnen?« wiederholte sie, vor ihm etwas zurückweichend.
»Nichts, Ssonja. Fürchte dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn ich es so überlege, so ist es Unsinn«, murmelte er wie ein Besinnungsloser im Fieber. »Warum bin ich bloß hergekommen, um dich zu quälen?« fügte er plötzlich hinzu und sah sie an. »Wirklich, wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«
Vielleicht hatte er sich diese Frage wirklich vor einer Viertelstunde vorgelegt, jetzt sagte er es aber in voller Ohnmacht, kaum sich selber bewußt und am ganzen Körper zitternd.
»Ach, wie Sie sich quälen!« sagte sie mit Schmerz und sah ihn aufmerksam an.
»Alles ist Unsinn! ... Hör mal, Ssonja (er lächelte plötzlich aus unbekanntem Grunde bleich und kraftlos, es dauerte an die zwei Sekunden), – weißt du noch, was ich dir gestern sagen wollte?«
Ssonja wartete voll Unruhe.
»Ich sagte beim Weggehen, daß ich mich von dir vielleicht für immer verabschiede, aber wenn ich heute käme, so würde ich dir sagen ... wer Lisaweta ermordet hat.«
Sie erbebte plötzlich am ganzen Körper.
»Nun bin ich gekommen, um es dir zu sagen.«
»Sie haben es also gestern im Ernst ...« flüsterte sie mühevoll. – »Woher wissen Sie es denn?« fragte sie plötzlich scheu, als wäre sie zur Besinnung gekommen.
Ssonja fing an, schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer blasser und blasser.
»Ich weiß es.«
Sie schwieg eine Weile.
»Hat man ihn vielleicht gefunden?« fragte sie scheu.
»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«
»Woher wissen Sie es dann?« fragte sie wieder kaum hörbar und wieder nach einem längeren Schweigen.
Er wandte sich zu ihr um und sah sie sehr aufmerksam an.
»Rate einmal«, sagte er mit seinem früheren verzerrten und ohnmächtigen Lächeln.
Ihr ganzer Körper erzitterte wie im Krampf.
»Sie ... machen ... was machen Sie mir solche Angst?« sagte sie und lächelte wie ein Kind.
»Also bin ich wohl mit ihm gut befreundet ... wenn ich es weiß«, fuhr Raskolnikow fort, ihr immer unverwandt ins Gesicht blickend, als hätte er nicht die Kraft, die Augen von ihr zu wenden. »Er hat diese Lisaweta ... nicht ermorden wollen ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er wollte die Alte ermorden ... als sie allein war ... und war gekommen ... Da trat aber Lisaweta ein ... Und da ermordete er sie.«
Es verging wieder eine schreckliche Minute. Sie sahen einander noch immer an.