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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Räumen Sie sofort mein Zimmer! Wollen Sie sofort ausziehen, und zwischen uns ist alles aus! Wenn ich bloß bedenke, wie ich mich bemühte, wie ich ihm alles erklärte ... ganze zwei Wochen! ...«

»Ich habe Ihnen auch selbst vorhin gesagt, Andrej Ssemjonowitsch, als Sie mich zurückzuhalten versuchten, daß ich ausziehe; jetzt füge ich dem noch hinzu, daß Sie ein Dummkopf sind. Ich wünsche Ihnen eine Gesundung Ihres Verstandes und Ihrer blinden Augen. Erlauben Sie doch, meine Herrschaften!«

Er drängte sich durch; aber der Proviantbeamte wollte ihn nicht so einfach, bloß mit Schimpfworten beladen, abziehen lassen; er nahm ein Glas vom Tisch, holte aus und schleuderte es gegen Pjotr Petrowitsch; aber das Glas flog direkt auf Amalia Iwanowna. Sie kreischte auf, aber der Proviantbeamte verlor, als er zum Wurfe ausholte, das Gleichgewicht und fiel schwer unter den Tisch. Pjotr Petrowitsch begab sich auf sein Zimmer, und nach einer halben Stunde war er nicht mehr im Hause. Sjonja, die von Natur schüchtern war, wußte es schon früher, daß man sie leichter als jeden anderen Menschen zugrunderichten konnte und daß sie jeder fast straflos beleidigen durfte. Und doch hatte sie bis zu diesem Augenblick geglaubt, daß sie jedem Unheil durch Vorsicht, Sanftmut und Demut vor jedem Menschen entgehen könnte. Ihre Enttäuschung war darum allzu schwer. Sie konnte natürlich mit Geduld und fast ohne zu murren alles, selbst dieses ertragen. Aber im ersten Augenblick war es ihr doch zu schwer. Trotz ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, – als der erste Schreck und die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles klar erkannt und begriffen hatte, krampfte sich ihr Herz vor Hilflosigkeit und Kränkung schmerzhaft zusammen. Sie bekam einen hysterischen Anfall. Schließlich hielt sie es nicht aus, stürzte aus dem Zimmer und rannte nach Hause. Dies geschah, gleich nachdem Luschin fortgegangen war. Als das Glas unter dem lauten Lachen der Anwesenden Amalia Iwanowna traf, wurde es ihr doch zu bunt. Wie wahnsinnig kreischend, stürzte sie auf Katerina Iwanowna zu, der sie die Schuld an allem zuschob.

»Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!«

Mit diesen Worten fing sie an, alle Sachen Katerina Iwanownas, die ihr unter die Hände kamen, auf den Boden zu werfen. Katerina Iwanowna, schon ohnehin halbtot, beinahe ohnmächtig und blaß, sprang vom Bette auf (auf das sie in ihrer Erschöpfung hingesunken war) und fiel über Amalia Iwanowna her. Der Kampf war aber zu ungleich; jene stieß sie wie eine leichte Feder von sich.

»Wie! Nicht genug, daß man uns gottlos verleumdet hat, geht diese Kreatur auch noch gegen mich los! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt man mich zum Dank für die genossene Gastfreundschaft mit den Waisen aus dem Hause! Wo soll ich denn hingehen?!« schrie keuchend und schluchzend die arme Frau. »Gott!« schrie sie plötzlich mit brennenden Augen: »Gibt es denn keine Gerechtigkeit? Wen willst du denn schützen, wenn nicht uns Waisen? Nun, wir wollen es sehen! Es gibt Recht und Wahrheit in der Welt, ich werde sie finden! Gleich, wart, du gottlose Kreatur! Poljetschka, bleib du bei den Kindern, ich komme gleich zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der Straße! Wir wollen sehen, ob es Gerechtigkeit in der Welt gibt! ...«

Und Katerina Iwanowna warf sich dasselbe grüne Tuch, das der verstorbene Marmeladow in seiner Erzählung erwähnt hatte, über den Kopf, drängte sich durch den unordentlichen Haufen betrunkener Mieter, die noch immer im Zimmer herumstanden, und lief weinend und schluchzend auf die Straße – mit der unbestimmten Absicht, gleich, auf der Stelle irgendwo Gerechtigkeit zu finden. Poljetschka drückte sich voller Angst mit den Kindern in die Ecke, setzte sich, die beiden Kleinsten umschlingend, auf den Koffer und fing an, am ganzen Leibe zitternd, auf die Rückkehr der Mutter zu warten. Amalia Iwanowna rannte hin und her, kreischte, lamentierte, warf alles, was ihr unter die Hände kam, auf den Boden und gebärdete sich wie rasend. Die Mieter schrien durcheinander – die einen besprachen noch, soweit sie es noch konnten, das Geschehene, die anderen zankten sich und fluchten, andere wieder stimmten Lieder an ...

– Jetzt ist auch für mich Zeit! – dachte Raskolnikow. – Nun, Ssofja Ssemjonowna, wir wollen mal sehen, was Sie jetzt sagen werden! –

Und er ging zu Ssonja in die Wohnung.

IV

Raskolnikow war ein mutiger und eifriger Advokat Ssonjas gegen Luschin, obwohl er selbst so viel eigenes Leid und Grauen in der Seele trug. Da er aber am Morgen so viel gelitten hatte, war er beinahe froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich geworden waren, zu ändern, schon ganz abgesehen davon, wie viel Persönliches und Herzliches in seinem Streben, für Ssonja einzutreten, lag. Außerdem stand ihm noch die Zusammenkunft mit Ssonja bevor, und dieser Gedanke beunruhigte ihn in manchen Augenblicken schwer: er mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hatte, er sah die schreckliche Qual voraus und wehrte sie von sich gleichsam mit beiden Händen ab. Als er beim Verlassen der Wohnung Katerina Iwanownas ausrief: »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemjonowna?«, befand er sich noch in einem äußerlich erregten Zustande von Mut, Kampflust, unter dem Eindrucke des eben über Luschin errungenen Sieges. Aber es kam so seltsam. Als er die Wohnung Kapernaumows erreichte, fühlte er plötzlich Ohnmacht und Angst. Nachdenklich blieb er vor der Tür stehen: »Soll ich sagen, wer Lisaweta ermordet hat?« Die Frage war sonderbar, weil er im gleichen Augenblick plötzlich fühlte, daß es ihm unmöglich war, nicht nur zu schweigen, sondern auch diesen Augenblick noch für eine kurze Weile hinauszuschieben. Er wußte noch nicht, warum es unmöglich war: er fühlte es nur, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Ohnmacht der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht länger zu denken und sich zu quälen, machte er die Tür schnell auf und blickte von der Schwelle auf Ssonja. Sie saß, auf das Tischchen gestützt, und hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie aber Raskolnikow sah, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.

»Wie wäre es mir wohl ohne Sie ergangen!« sagte sie schnell, als sie ihm in der Mitte des Zimmers begegnete.

Offenbar hatte sie ihm nur das so schnell wie möglich sagen wollen und ihn nur darum erwartet.

Raskolnikow ging zum Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen, genau wie gestern.

»Nun, Ssonja?« sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme zitterte. »Das Ganze lief doch auf die ›soziale Position und die mit derselben verbundenen Angewohnheiten‹ hinaus? Haben Sie es vorhin verstanden?«

Ihr Gesicht zeigte einen schmerzvollen Ausdruck.

»Sprechen Sie nur mit mir nicht so wie gestern!« unterbrach sie ihn. »Bitte, fangen Sie gar nicht an. Ich hab' auch so genügend Qual ...«

Sie beeilte sich zu lächeln, da sie fürchtete, daß der Vorwurf ihm vielleicht mißfallen würde.

»Ich bin dummerweise weggegangen. Was ist jetzt dort los? Ich wollte eben wieder hingehen, dachte aber immer, daß ... Sie kommen würden.«

Er erzählte ihr, daß Amalia Iwanowna die Ihrigen aus der Wohnung jage und daß Katerina Iwanowna irgendwohin gelaufen sei, »um die Gerechtigkeit zu suchen«.

»Ach, mein Gott!« fuhr Ssonja auf. »Kommen Sie schnell ...«

Und sie ergriff ihre Mantille.

»Ewig dasselbe!« rief Raskolnikow gereizt. »Sie haben nur sie im Sinn! Bleiben Sie mit mir.«

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