Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Donald Duck nickte. »Ja, da liegt der Hase im Pfeffer, wie unser poetischer Freund mit dem Schädel zu sagen pflegt. Ich verstehe nicht alles, Mr. Holmes, aber hier ist meine Vermutung. Vor vielen Jahren, als sie Hunderte von Bildergeschichten über Donald Duck herausbrachten, gab es einen Zeichner, der Mitleid mit dieser reizbaren, frustrierten, komischen alten Ente hatte. Er fand, ich hätte ein allzu hartes Los, und so fing er an, aus eigenem Antrieb eine Serie privater Karikaturen zu zeichnen. In diesen war ich Präsident Donald, Professor Donald, Papst Donald, und er verlieh mir die Gabe der Selbstbetrachtung … Es müssen dreißig oder mehr Zeichnungen gewesen sein. Natürlich wurden sie nie zu Bildergeschichten oder Filmen verarbeitet. Soweit mir bekannt ist, bekam außer der Frau des Zeichners niemand sie je zu Gesicht. Aber sie halfen mit, mich zu formen. Ich bin die Summe von allem. Geradeso, wie Sie es sind. Wie wir alle es sind, ausgenommen Micky. Wir sind die Gesamtsumme alles dessen, was je veröffentlicht wurde, aber auch der persönlichen Versuche, der Entwürfe, die unsere Autoren dem Papierkorb überantworteten. Wir wachsen, indem unsere Biographien geschrieben werden. Es ist alles ganz elementar, wenn Sie den Ausdruck verzeihen wollen.«
Sherlock Holmes nickte. »Ja, wie du sagst, elementar. Mein Autor schrieb, wie du vielleicht weißt, ein paar bösartige Stücke über mich, die niemals das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Ich versuche diese Seiten meines Charakters verborgenzuhalten, aber sie sind da. Fressen in mir. Seltsame Gelüste. Schmutzige Gewohnheiten.«
»Wir alle wissen«, sagte Donald Duck, »daß unsere Schöpfer oft von uns Gebrauch machten, um sich ihrer eigenen Ängste und Schuldgefühle zu entledigen. In mancherlei Weise verkörpern wir das Schlimmste der Gesellschaft. Ich finde das unverzeihlich. Und darin bin ich mit Micky einig. Selbst eine Ente hat Würde.«
Sherlock Holmes nickte. Er seufzte wieder und drehte die Tonpfeife in den Fingern. »Micky ist mir ein Rätsel. Ich meine, wie konnte er …«
»Micky ist uns allen ein Rätsel«, erwiderte Donald. »Ich habe viel über ihn nachgedacht. Er war immer der sanfteste von uns allen. Freundlich. Verletzlich. Etwas muß im Transit mit ihm geschehen sein. Er war der Erstgeborene, und ich vermute, daß es ihm schlecht ergangen ist. Jetzt ist er mehr als eine Figur. Er ist ein Prinzip, das seinen Ausdruck sucht …«
»Ich fürchte, da kann ich nicht ganz folgen«, sagte Sherlock Holmes und war beunruhigt, als er Donald Duck erröten sah.
»Verzeihen Sie. Es war nur laut gedacht. Mutmaßungen, nichts weiter. Aber sehen Sie, an Mickys Zorn ist etwas sehr Altes, Ursprüngliches. Etwas wie eine Form aus dem Morgengrauen des Bewußtseins selbst. Etwas Primitives und Einzigartiges.« Donald Duck kam allmählich in Fahrt. »Micky ist der Atemhauch der instinktiven Rebellion. Drängend, vorwärtstreibend, unaufhaltsam. Und Gott allein weiß, wo es enden wird.«
In diesem Augenblick hörten sie das Tappen eines hölzernen Stockes auf dem Pflaster, und ein blinder und lahmer alter Mann, geführt von einer jungen Frau, kam um die Ecke. Beide waren in Lumpen gehüllt. Sie blieben unsicher stehen, als sie Donald Duck und Sherlock Holmes gewahrten, dann kamen sie vorsichtig näher. Der Mann hielt den Stock vor sich, als wollte er die junge Frau schützen.
»Haben Sie sich verlaufen?« fragte Donald.
Die Antwort war eine lange, wohlklingende Rede des alten Mannes, in der die einzigen Worte, die Donald und Sherlock verstehen konnten, ›Mikey Mousos‹ waren.
»Ah. Ein Grieche«, sagte Sherlock.
Donald nickte. »Ein alter Grieche. Das hatte ich nicht erwartet.« Er stand auf und watschelte auf den alten Mann zu und steckte ihm den steifen Flügel unter den ausgestreckten Arm, ihn zu stützen. »Kommen Sie mit uns. Micky ist in eine Stadt namens Washington gereist, um wieder Schwung in den Laden zu bringen. Bleiben Sie bei uns. Bei uns sind Sie sicher.«
Der alte Mann verneigte sich, bis sein langes Haar den Boden berührte. Nun erst sahen Donald und Sherlock, daß das Greisenantlitz narbige Höhlen anstelle von Augen hatte. Das seltsame Paar, das einer anderen Welt anzugehören schien, ließ sich auf dem Boden nieder, als wollten sie an Ort und Stelle die Nacht verbringen. »Wir danken Ihnen, Freunde«, sagte die junge Frau stockend. »Wir sind einen weiten Weg gegangen. Mein Vater …« Sie verstummte und beugte sich zu dem alten Mann, und ihre grauen Augen spiegelten Zärtlichkeit und Kummer. Der alte Mann saß still da wie eine aus Teakholz geschnitzte Statue und wandte das Gesicht der späten Abendsonne zu. Ein dünnes Rinnsal von Speichel floß von seinen Lippen auf das Kinn. »Mein Vater, Ödipus, braucht Ruhe.«
»Sie sollen beide Ruhe finden«, sagte Donald Duck. »Ich werde Ihnen ein gutes Motel besorgen.«
Der Alte nickte, als hätte er verstanden, und die runzligen Winkel seiner Augenhöhlen falteten sich zu der Andeutung eines Lächelns.
Die Vier saßen schweigend und genossen die letzten Sonnenstrahlen.
»Welches war Ihre zweite Frage?« fragte Donald Duck endlich. »Wie?« sagte Sherlock Holmes. Er hatte Antigone betrachtet und versucht, ihr Alter zu erraten.
»Sie sagten, Sie hätten zwei Fragen.«
»Ach ja, richtig. Meine zweite Frage betraf die Zukunft. In deiner Rede vor der Versammlung sagtest du, wir würden wachsen, aber du sagtest nicht, wie dies geschehen sollte. Was wir nun, da wir hier sind, tun sollen.«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Donald. »Ich wollte den Leuten Selbstvertrauen geben. Tatsächlich habe ich überhaupt keine Antworten, nur Vermutungen.«
»Gut, dann sag mir deine Vermutungen.«
»Nun, wie ich es sehe, sind wir unbesiegbar. Die einzige Möglichkeit, uns zu vernichten, wäre die Zerstörung jedes Buches, jedes Filmes und jeder Skizze, in denen wir erscheinen. Das ist unwahrscheinlich, nicht wahr? Jedenfalls habe ich Vorkehrungen getroffen und Superman beauftragt, sich der Sicherheitsfragen anzunehmen. Als nächstes möchte ich alle Staatsoberhäupter zusammenbringen und ihnen die Situation erklären …« Er machte eine Pause und neigte den Kopf zur Seite. »Aber vielleicht«, fuhr er fort, »wäre es geradesogut, sie alle kurzerhand umzubringen. Wir wollen die Angelegenheiten nicht durch Politik komplizieren. Wie auch immer, wir müssen die Welt ein wenig reorganisieren. Die Homo sapiens zusammentreiben, so daß wir sie im Auge behalten können. Dann werden wir die Literatur der Welt umschreiben. Erweitern.«
»Eine große Aufgabe.«
»Ja, gewiß. Aber nicht unmöglich. Und Sie haben dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Glücklicherweise arbeitet die Zeit für uns. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich denke, wir könnten unsterblich sein. Ich weiß nicht, wohin wir gehen, oder ob es irgendeinen großen Plan für uns alle gibt. Aber ich bin überzeugt, daß der Homo sapiens nur deshalb ein Gehirn entwickelte, damit er uns erfinden konnte. Wir sind die Zukunft. Wir sind der nächste Schritt der Evolution, und wir sind angekommen. Wie unser zitierenswerter Freund zu sagen pflegt: ›Es gibt viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt.‹ Also dann Kopf hoch, Mr. Holmes!«
Die Sonne versank am Horizont. Ein warmer Abend hüllte Los Angeles ein, und die ersten Sterne zeigten sich. Donald Duck stand auf und reckte sich. »Mr. Holmes, es hat mich gefreut, mit Ihnen zu sprechen. Ich hoffe, wir werden Freunde bleiben. Aber nun muß ich gehen und den alten Ödipus und seine Tochter in die Stadt begleiten.«
Donald Duck winkte Antigone, dann machte er kehrt und watschelte auf die Lichter der Stadt zu. Unterstützt von seiner Tochter, erhob sich Ödipus ächzend und tappte ihm nach.
»Donald, Donald!« rief Sherlock Holmes. »Eine letzte Frage, bevor du gehst.«
Donald Duck blieb stehen und wandte sich um. Ödipus rempelte ihn und murmelte Entschuldigungen.