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Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.

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»Und was geschah?« fragte Sherlock Holmes.

»Wir gerieten in einen Stau. Anscheinend hatte jeder Streifenwagen südlich von San Franzisko diesem Hilferuf Folge geleistet.«

»Und als Sie schließlich nach Disneyland kamen?«

»Panik, Mr. Holmes. Das reinste Tollhaus. Kreischende Frauen und Kinder. Brüllende Männer. Niedergetrampelte Menschen. Ineinander verkeilte Fahrzeuge. Ich meine, ich war dabei, als diese zwei Jumbos über dem internationalen Flughafen von Los Angeles zusammenstießen, also weiß ich, was eine Schweinerei ist, aber so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Das waren keine Menschen mehr. Das waren Tiere, blind und taub vor Angst.«

»Und was sahen Sie noch?«

»Sie.«

»Wen?«

»Mickymaus, Sir. Sie sah riesengroß aus und war auf das Matterhorn gestiegen. Von dort winkte und lachte sie der Menge zu, die in kreischender Panik davonrannte. Wirklich, Sir, sie sah aus wie King Kong in dieser Szene, wo er auf das Empire State Building klettert, mit dem Mädchen in den Händen.«

»Und was tat Mickymaus weiter?«

»Bitte, Sir …«

»Ich brauche die Tatsachen, Quin. Die Tatsachen. Ein zutreffendes Urteil beruht auf zutreffenden Tatsachen, ganz gleich, wie unglaubwürdig sie sich zunächst ausnehmen mögen.«

»Ja, Sir. Verzeihung. Mir war noch nie im Dienst übel, Sir, aber diesmal mußte ich mich übergeben. Mickymaus hatte dieses Mädchen in den Händen und … und biß ihm den Kopf ab.«

Sherlock Holmes holte tief Atem. »Einfach so?«

»Einfach so, Sir. Sie hat ein verdammt großes Maul, und diese Zähne sahen gefährlich aus.« Quin unterdrückte ein Schaudern. »Darauf eröffneten wir das Feuer. Mit allem, was wir hatten. Aber es machte ihr überhaupt nichts aus. Sie stand da und grinste und kaute. Dann kletterte Minnymaus auch hinauf, und beide standen Hand in Hand da und winkten uns zu. Es war grausig.«

Sherlock Holmes nickte und klopfte Quin sanft auf die Schulter.

»Was soll nur aus der Welt werden, Mr. Holmes? Sie war immer so friedlich. Ich meine, mit Banküberfällen, Totschlag und gelegentlichen Entführungen konnte man leben. Gehörte alles zum Arbeitstag, sozusagen. Aber dies? Mr. Holmes, ich sage Ihnen, Sir, es ist wie ein Alptraum. Als ob wir in einem Alptraum lebten.«

»Es ist ein Alptraum, Quin«, sagte Sherlock Holmes. »Aber er hat eine logische Grundlage. Dieselbe Kraft, die Mickymaus und ihre Freunde zum Leben erweckte, hat nun, in dieser Stunde der Not, ihre machtvolle Wirkung auf mich gewandt. So seltsam es scheinen mag, diese Mickymaus und ich sind Geschwister. Dennoch sind wir die tödlichsten Feinde. Der Kampf wird gewaltig sein, ehe diese Schlacht endet.«

»Aber was hat das alles zu bedeuten, Sir?«

»Ganz einfach, mein lieber Quin. In Ihrer Welt ist die Wahrheit fremdartiger geworden als die Fiktion. Und nun ist die Fiktion aufgesprungen, der Herausforderung zu begegnen.«

Der Streifenbeamte Quin kratzte sich am Kopf. In diesem Augenblick war ihm zumute, wie Dr. Watson oft zumute gewesen war.

Sherlock Holmes stand auf. Er faßte die Ruinen von Disneyland ins Auge. »Ich zumindest habe nichts von ihnen zu befürchten«, sagte er.

In diesem Moment wurde das Orchestrion lauter und schneller. In wenigen Sekunden raste es in einer wilden Kakophonie durch Greensleeves. Solch lärmendes Tempo war nicht durchzuhalten. Plötzlich brach das Getöse mit einem metallischen Schnarren ab. Stille. Dann bewegte sich etwas.

Zur Verblüffung der beiden Beobachter erstieg Mickymaus, gefolgt von Schneewittchen und Bambi die verbogenen Schienen der Achterbahn und begann zu tanzen. Schwach drangen ihre Stimmen durch die smoggesättigte Luft von Los Angeles: »Heißa! Heißa …«

»Ich muß da hinein. Persönliche Beobachtung ist mehr wert als fünfzig von Ihren Sonderberichten.« So sprach Sherlock Holmes. Er riß ein Streichholz an und hielt die Flamme über den Kopf einer alten und ölig-schwarzen Tonpfeife. Während er paffte, ließ er den Blick über die versammelten Gesichter schweifen.

Es war eine Sitzung der Stabschefs und Einsatzgruppenleiter. Um den Tisch saßen hartgesottene Obristen, stiernackige Majore und narbenbedeckte Hauptleute. Alle hatten Kinnladen wie aus Granit und ernste Mienen.

»Das wird nicht einfach sein, Mr. Holmes«, sagte Major Liebestraum, Held von einhundertfünfundzwanzig Einsätzen hinter den feindlichen Linien in Vietnam. »Wir haben alles eingesetzt, was wir haben, das heißt, ausgenommen Atomwaffen. Panzerfäuste, Raketen, Mörser. Ohne Wirkung. Sie stellten sich entlang dem äußeren Umkreis auf und lachten uns aus. Dann fing dieser große mit den Ohren … wie heißt er noch gleich?«

»Dumbo.«

»Ja, Dumbo. Er fing an mit den Ohren zu schlagen und stieg auf wie ein Ballon. Bespritzte uns aus seinem Rüssel mit Wasser. Da ließ ich das Feuer einstellen. Das einzige, was sie gegenwärtig zurückzuhalten scheint, ist der elektrische Zaun, und ich möchte keine Voraussage wagen, wie lange der ausreichen wird.«

Ein hagerer Mann in einem einfachen braunen Straßenanzug hüstelte höflich in die vorgehaltene Hand und hob die andere.

»Schießen Sie los, Dwight!« sagte Major Liebestraum und setzte sich. Dwight war ein sanftmütig aussehender Mann mit leiser Stimme und einem permanenten Bartschatten. Er wirkte nervös, doch waren die Augen hinter seiner Nickelbrille hell und scharf. Er breitete eine Straßenkarte aus.

»Ich habe die alten Baupläne studiert«, sagte er. »Dieser ist vom Tiefbauamt, Abteilung Kanalbau und Abwasserbeseitigung. Es gibt einen Zugang, an den Sie vielleicht nicht gedacht haben, und den der Feind sicherlich nicht in Betracht gezogen haben wird. Er führt durch den Abwasserkanal des Spukhauses.«

Hinter den glühenden Zigarrenstummeln knitterten und lächelten militärische Gesichter. Die Teilnehmer der Tischrunde beugten sich vor.

»Sie sehen, ich habe den Weg grün markiert. Dieser groß dimensionierte Abwasserkanal hatte meines Wissens den Zweck, bei Unwettern anfallendes Oberflächenwasser aufzunehmen. Soviel mir bekannt ist, hat es nie einen Bedarfsfall gegeben. Wie Sie sehen können, führen vom Hauptkanal Abzweigungen in alle Teile von Disneyland. Für einen Saboteur oder Attentäter ist es ein idealer Zugang.«

»Dwight, Sie sind ein Genie«, sagte Major Liebestraum und schlug ihn auf den Rücken. Zustimmendes Gemurmel kam von allen Seiten.

Dwight hüstelte in die hohle Hand und lächelte schüchtern.

»Was meinen Sie, Mr. Holmes?« fragte Major Liebestraum. »Glauben Sie, daß Sie es schaffen können? Wir werden unterdessen ihre Aufmerksamkeit mit ausgesuchten Eisenwaren, Überflügen und dergleichen ablenken. Aber jenseits davon sind Sie auf sich selbst gestellt.«

Sherlock Holmes fuhr fort, ruhig an seiner Pfeife zu ziehen. Endlich nahm er sie aus dem Mund und klopfte die Asche in einen großen gläsernen Aschenbecher. Er betrachtete die ernsten Gesichter, die ihn umgaben, und ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln, aber seine Augen waren traurig.

»Meine Herren«, sagte er endlich, »wie Sie vielleicht wissen, bin ich in vielen mißlichen Lagen gewesen, darunter manchen, die dem Herrgott selbst Kopfzerbrechen bereitet haben würden. Und doch bin ich heute hier. Wir haben nur ein Leben und müssen es führen, so gut wir es je nach unserer Erleuchtung vermögen, und das Gute mit dem Schlechten hinnehmen. Aber kann man den Ausgang voraussagen? Ich glaube, mein ganzes Leben hat auf diesen Augenblick hingeführt, und ich bin bereit. Niemand kann mit mir in jene Dunkelheit gehen. Sollte ich jedoch nicht zurückkehren, so mögen Sie wissen, meine Herren, daß es innerhalb des Zaunes andere gibt, die für mein Leben teuer bezahlt haben werden.«

Er schwieg, und die Stille wurde nur von Dwight unterbrochen, der zugleich schluchzte und lächelte. Große Tränen sammelten sich in seinen Augen, und er nickte energisch.

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