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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Er hatte keinerlei Absicht irgendwas zu ändern«, erwiderte Adrian.

«Hör endlich auf! Woher willst du wissen — «

«Weil ich ihn darum gebeten habe, okay?«Adrian schob die Hände in die Jackentaschen und sah aus wie ein Häufchen Elend.»Ich habe ihn gefragt«, wiederholte er.»Und sie war dabei. Tante Ruth. Sie war mit im Zimmer. Sie hat uns gehört. Sie hat gehört, wie ich ihn gebeten habe.«

«Sein Testament zu ändern?«

«Mir Geld zu geben. Sie hat alles mitbekommen. Ich habe ihn um das Geld gebeten. Er sagte, er hätte es nicht. Nicht so einen Betrag. Ich glaubte ihm nicht. Es gab Streit. Ich bin schließlich wütend gegangen, und er blieb. «Erst jetzt sah er sie an, Resignation im Gesicht.»Du glaubst doch nicht, dass die beiden nicht hinterher alles durchgekaut haben? Sie wird gesagt haben: Was sollen wir mit Adrian machen? Und er wird gesagt haben: Wir lassen alles, wie es ist.«

Margaret hörte ihm zu und fühlte sich wie von einem kalten Sturm erfasst.»Du hast deinen Vater noch einmal um Geld gebeten?«, sagte sie.»Nach dem September? Du hast ihn nach dem September ein zweites Mal gebeten?«

«Richtig. Und er hat nein gesagt.«

«Wann war das?«

«Am Abend vor dem Fest.«

«Aber du hast mir erzählt, du hättest nicht wieder. seit dem vergangenen September. «Margaret sah, wie er sich erneut von ihr abwandte, den Kopf gesenkt wie so oft bei den unzähligen Enttäuschungen und Niederlagen der Kindheit. Sie wütete gegen die ganze Welt, vor allem aber gegen das Schicksal, das Adrian das Leben so schwer machte. Neben dieser mütterlichen Reaktion jedoch fühlte Margaret noch etwas anderes, das sie nicht fühlen wollte. Und keinesfalls konnte sie riskieren, es beim Namen zu nennen. Sie sagte:»Adrian, du hast mir erzählt. «Im Geist ging sie die Chronologie der Ereignisse durch. Was hatte er gesagt? Dass sein Vater gestorben sei, ehe er Gelegenheit gehabt habe, ihn ein zweites Mal um das Geld zu bitten, das er für die Finanzierung seiner Firma brauchte. Internetzugang, das war es gewesen, die Welle der Zukunft. Eine Welle, die er reiten konnte, um seinen Vater stolz zu machen, einen so weitblickenden Sohn hervorgebracht zu haben.»Du hast gesagt, du hättest bei diesem letzten Besuch keine Gelegenheit gehabt, ihn um das Geld zu bitten.«

«Ich habe gelogen«, sagte Adrian. Er zündete sich eine neue Zigarette an und schaute seine Mutter nicht an.

Margaret wurde der Mund trocken.»Warum?«

Er antwortete nicht.

Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt. Sie musste die Antwort erzwingen, denn nur wenn sie die Antwort hatte, würde sie den Rest der Wahrheit aufdecken können. Nur dann würde sie sich ein Bild davon machen können, womit sie es zu tun hatte, und entsprechend handeln können. Aber neben diesem Drang, zu planen, zu entschuldigen, alles zu tun, um ihren Sohn zu schützen, nahm Margaret bei sich noch etwas anderes wahr, das tiefer ging.

Wenn er sie über das Gespräch mit seinem Vater belogen hatte, hatte er sie auch in anderen Dingen belogen.

Nach seinem Gespräch mit Bertrand Debiere kehrte St. James in nachdenklicher Stimmung ins Hotel zurück. Die junge Rezeptionistin am Empfang überreichte ihm eine Nachricht, aber er faltete den Zettel nicht auseinander, als er die Treppe hinauf zu seinem Zimmer ging. Ihn beschäftigte die Frage, was es zu bedeuten hatte, dass Guy Brouard sich beträchtlichen Mühen und Ausgaben unterzogen hatte, um sich einen Satz Baupläne zu besorgen, die anscheinend nicht in Ordnung waren. Hatte er das gewusst, oder war er einem skrupellosen Geschäftsmann in Amerika aufgesessen, der sein Geld genommen und ihm dafür einen Entwurf für ein Gebäude gegeben hatte, das kein Mensch würde bauen können, weil es kein Originalentwurf war? Und was hatte das wiederum zu bedeuten? Dass es kein Originalentwurf war. War es also ein Plagiat? Gab es das bei Bauplänen überhaupt?

Im Zimmer ging er zum Telefon und kramte in seiner Tasche nach den Notizen, die er sich bei Ruth Brouard und Chief Inspector Le Gallez gemacht hatte. Er fand die Nummer für Jim Ward und tippte sie ein, während er seine Gedanken sammelte.

Es war noch früh in Kalifornien, und der Architekt war offenbar gerade erst ins Büro gekommen. Die Frau am Telefon sagte:»Gerade kommt er rein.«, und dann:»Mr. Ward, da will Sie jemand mit einem absolut coolen Akzent sprechen.«, dann wieder ins Telefon:»Von wo rufen Sie an? Und würden Sie mir Ihren Namen noch mal sagen?«

St. James wiederholte seinen Namen und erklärte, er rufe aus St. Peter Port in Guernsey an, das sei eine der Inseln im Ärmelkanal.

«Wow!«, sagte sie.»Bleiben Sie einen Augenblick dran, okay?«Und kurz bevor sie ihn in die Warteschleife beförderte, hörte James sie noch sagen:»Hey, Leute, wo ist der Ärmelkanal?«

Fünfundvierzig Sekunden lang wurde St. James von flotten Reg- gae-Klängen unterhalten, dann brach die Musik abrupt ab, und eine angenehme Männerstimme meldete sich.»Jim Ward hier. Was kann ich für Sie tun? Geht es wieder um Guy Brouard?«

«Ah, Sie haben also mit Chief Inspector Le Gallez gesprochen«, konstatierte St. James und erklärte dann, wer er war und was er mit der Geschichte in Guernsey zu tun hatte.

«Ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht viel helfen«, sagte Ward.

«Ich habe diesem Kriminalbeamten schon gesagt, dass ich Mr. Brouard nur einmal getroffen habe. Sein Projekt klang interessant, aber ich war noch nicht weitergekommen als bis zur Versendung dieser Arbeitsproben an ihn. Ich hatte ein paar Bilder in den Kasten gesteckt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich auch noch ein paar andere Projekte von mir anzusehen, die gerade im Norden von San Diego im Bau sind. Aber das war's auch schon.«

«Was meinen Sie mit Arbeitsproben?«, fragte St. James.»Wir haben hier einen umfassenden Satz Pläne. Ich habe sie mir heute angesehen. Zusammen mit einem hiesigen Architekten — «

«Stimmt, umfassend kann man sagen. Ich habe ihm sämtliche Unterlagen eines einzigen Projekts von Anfang bis Ende zusammengestellt. Es handelt sich um ein großes Gesundheitszentrum, das hier an der Küste gebaut wird. Er hat von mir alles bekommen außer dem gebundenen Heft. Ich sagte ihm, er wolle doch sicher eine Vorstellung davon haben, wie ich arbeite, bevor er sich entschließt, mir einen Auftrag anzuvertrauen. Das ganze Vorgehen war äußerst seltsam, wenn Sie mich fragen. Aber es war für mich kein großes Problem, ihm entgegenzukommen, und es sparte mir Zeit.«

St. James unterbrach ihn.»Heißt das, die Unterlagen, die per Kurier hierher gebracht wurden, waren gar keine Pläne für ein Museum?«

Ward lachte.»Museum? Nein. Es ist ein hochkarätiges Gesund- heits- und Wellnesszentrum. Verhätschelung von Kopf bis Fuß für Leute, die nicht alt werden können. Als er mich um eine Probe meiner Arbeit bat — einen möglichst kompletten Satz Pläne — , waren diese Unterlagen am leichtesten zur Hand. Das sagte ich ihm auch. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Pläne nichts darüber aussagten, wie ich ein Museum gestalten würde. Aber er meinte, das wäre in Ordnung. Hauptsache, er bekäme einen kompletten Satz und könne halbwegs verstehen, was er vor sich habe.«

«Darum sind das keine offiziellen Pläne«, sagte St. James mehr zu sich selbst.

«Richtig. Das sind schlichte Kopien aus unserem Büro hier.«

St. James dankte dem Architekten und legte auf. Er setzte sich auf die Bettkante und starrte zu seinen Schuhspitzen hinunter.

Was er da gerade erlebte, war eine Art Alice-im-Wunderland- Effekt. Es sah immer mehr so aus, als hätte das Museum Brouard nur zur Tarnung gedient. Aber was hatte es tarnen wollen? Und war es von Anfang an nur Tarnung gewesen? Was, wenn das tatsächlich so gewesen war und einer der Mitarbeiter an dem Museumsprojekt die Täuschung entdeckt hatte — vielleicht jemand, dessen Existenz von dem Bau abhing, in den er auf alle möglichen Arten investiert hatte? — und sich für den Missbrauch, den Brouard mit ihm getrieben hatte, gerächt hatte?

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