Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Kannst du Noten?«
«Kannst du Ironie?«antwortete der Braungebrannte Christian. Die Kruzianer wollten lateinische Vagantenlieder singen, mußten das aber allein tun, da nur sie diese Lieder kannten. Falk begleitete auf der Gitarre, der Blondschopf blies gefühlvoll die Trompete. Die einzigen Lieder, die alle konnten, waren» Bandiera rossa «und» Wann wir schreiten Seit an Seit«, und da das niemand singen wollte, begannen die Kruzianer wieder mehrstimmige Chöre, der Braungebrannte spielte Akkordeon und dirigierte mit Kopfnicken.
Der Zug schlängelte sich durch die Lausitz, Landschaft der Umgebindehäuser und des Gaumen-»r«, verschlafener Dörfer und sanftwelliger, bis zum Horizont reichender Felder; hier wurden die Kartoffeln» Apern «genannt, und viele Ortsnamen auf den Schildern waren in zwei Sprachen zu lesen, deutsch und sorbisch. Wenn der Zug langsam fuhr, hörte man die schlagenden Lerchen über dem Blaßgelb des Weizens; es roch nach Schweiß und Staub und gesüßtem Hagebuttentee. Aus dem vordersten Abteil drang das Knacken der Revolverlochzange des Schaffners, Christian beugte sich vor, Stabenows jungenhafte Stimme war zu hören, er hielt irgendeinen begeisterten Vortrag, bei ihm saßen Hagen Schlemmer und einige andere Physik-Enthusiasten, die immer noch bei Namen wie Niels Bohr und Kapitza leuchtende Augen bekamen. Auch Stabenow trug die Wehrlager-Uniform. Dr. Frank leitete den Zivilverteidigungs-Kurs der Mädchen an der EOS.
Das Wehrlager, ein hektargroßer Bezirk mit Baracken, Fahnenmasten, Kantine und Appellplatz, lag am Rand des Städtchens Schirgiswalde inmitten von grünen Hügeln, auf denen, hoch oben, Einfamilienhäuser mit heruntergelassenen Rolläden und vereinzelte Miniaturfichten standen; sie wirkten künstlich wie die Staffage einer Modelleisenbahn. Die Waldbrunner wurden von einem Unteroffizier empfangen, der ihnen ihre Baracke zuwies: zwei Gemeinschaftsräume für je zehn Schüler, Doppelstockbetten, Wecken sechs Uhr, Frühsport, Laufschritt mit freiem Oberkörper zum Waschen im zentralen Waschraum, Bettenbau und Revierreinigen, Frühstück sieben Uhr, dann Ausbildung.
«Gibt’s auch Freizeit?«
«Wie heißen Sie?«Der Unteroffizier baute sich vor Jens Ansorge auf, der kaugummikauend in der Tür stand.»Und Kaugummi raus, wenn ich mit Ihnen spreche.«—»Ansorge. «Der Unteroffizier notierte.»Sie sind hier nicht im Urlaub, merken Sie sich das. Sie haben den ersten Toilettendienst, Ansorge. Melden Sie sich nachher bei mir. Verstanden?«
Jens schwieg.
«Ob Sie kapiert haben, Sie Nullnummer!«
«Hm.«
«Hacken zusammen, Pfote zum Gruß ans Käppi und: Jawohl, Genosse Unteroffizier! — Das üben wir noch.«
Die Tage begannen mit einem durchdringenden Trillerpfeifenstoß, dem Unteroffizier Hantschs gebrülltes» Neunter Zug — aufstehen, fertig machen zum Frühsport!«folgte. Dann kamen ein, zwei zerstruwwelte, mißmutige Köpfe zum Vorschein, Gähnlaute, Seufzlaute, ungläubiges Grinsen, nicht zu Hause, im eigenen kuscheligen Bett erwacht und von einer liebevollen Mutter sowie dem Duft von Frühstück und Tee geweckt worden zu sein, sondern von ihm, dem Unteroffizier, der von einer Mot.-Schützen-Einheit nach Schirgiswalde kommandiert worden war und glaubte, dies sei die unmittelbare Verlängerung eines NVA-Kasernenhofs, auf dem man die verzärtelten und hochmütigen EOS-Laffen nach Herzenslust drillen konnte. Während des Morgensports, der aus Laufschritt, Häschen-Hüpf-Einlagen sowie Liegestütz und Kniebeugen auf dem Appellplatz bestand, beobachtete Christian Hantsch: Zum ersten Mal in seinem Leben lernte er einen Menschen kennen, dem es offensichtliches Vergnügen bereitete, andere zu kommandieren, ihnen seine Macht zu zeigen, indem er ihre Schwächen herauszufinden versuchte und, wenn er sie gefunden hatte (Hantsch schien dafür einen untrüglichen Instinkt zu besitzen), sie zu seiner Befriedigung und zur Qual des Opfers bloßstellte. Das war schamlos, und Christian verstörte es, daß Hantsch die Grenze nicht zu kennen schien (oder von ihr nichts wissen wollte), hinter der Demütigung begann. Natürlich entdeckte Hantsch, daß Christian nach dem Frühsport, wenn es mit nacktem Oberkörper im Laufschritt zum Waschraum ging, aus Scham über seine Akne das Handtuch wie eine Toga zu drapieren versuchte — was schon deshalb mißlang, weil das Handtuch viel zu kurz war —, daß er sich einen Platz ganz hinten in der Reihe suchte, damit die anderen seine Hautunreinheiten nicht sahen. Hantsch ließ den Zug halten, kam auf Christian zu, riß ihm das Handtuch von den Schultern, musterte Christian von oben bis unten mit dem Ausdruck der Überraschung und des Ekels und sagte:»Mensch, dich will doch nie eine vögeln. Alles kehrt!«Der gesamte Zug wandte sich um, Christian schloß die Augen, aber er spürte die Blicke der anderen auf seinem Körper brennen.»Na, jetzt ist er so rot, daß die Pickel fast verschwunden sind. Ist ja direkt eklig, Mann, wäschst du dich nicht richtig, und kann man da nichts gegen tun?«Hantsch machte ein bedenkliches Gesicht, ließ kehrtwenden und abrücken. Im Waschraum stellte er sich hinter Christian und beobachtete, wie er sich wusch.»Und dein Pimmel?«
«Abends, Genosse Unteroffizier«, preßte Christian, taumelig vor Wut, hervor.
«Du läßt dein Ding tagsüber stinken, du Sau?«
«Lassen Sie ihn doch in Ruhe«, murrte Falk. Hantsch wandte ihm langsam das Gesicht zu, es wurde still im Waschraum. Hantsch zuckte gleichmütig die Achseln.»Na, mir egal. Abiturienten!«Er blies verächtlich durch die Nase.
Die Hitze machte das Exerzieren, das stumpfsinnige Auf-der-Stelle-Treten auf Hochglanz polierter, nach zwei, drei Schwenks auf den trockenen Wegen staubbedeckter Stiefel, das» Links um!«—»Rechts um!«—»Rechts, links schwenkt — marrsch!«, die Geländeübungen, bei denen nur Stabenow seinen Zug im Schatten der Brombeeren und Waldränder rasten ließ, das Sturmbahnlaufen auf der» Werner-Seelenbinder-Kampfbahn «des Wehrlagers zur schweißtreibenden Plage. Nur Siegbert schien sich wohlzufühlen, jedenfalls hatte er für den Tagesablauf nur ein Achselzucken übrig.»Mensch, das ist doch gar nichts!«sagte er leicht verächtlich zu Falk, der beim Marschieren immer wieder aus dem Takt geriet und deshalb von Hantsch als» Bewegungsidiot «eingestuft wurde. Siegbert wurde ungeduldig.»Paß doch auf und reiß dich zusammen! Das bißchen Sturmbahn wirst du doch wohl packen! Ich will nicht, daß du uns die Punkte vermasselst, diese Affen von Kreuzschülern müssen aufs Maul kriegen!«Es gab eine Tafel an der Strecke zur Kantine, wo der tägliche Punktestand im Wettbewerb der verschiedenen Züge notiert war; Siegbert wollte unbedingt als erster abschließen.
«Wir sind nicht im Krieg — und du bist nicht Gilbert Wolzow«, versuchte Falk entgegenzuhalten.
«Ach was, Reina hatte schon recht, du bist einfach nur zu schlapp!«
«Siggi, du spinnst wohl!«Christian stellte sich vor Falk.
Das Wehrlager kommandierte ein ehemaliger Major der NVA, ein untersetzter Mann mit faltigem Gesicht und sonnenverbrannter Haut, dessen dicker Bauch die Uniform über dem Koppel blähte. Abends schritt er jovial und stolzgeschwellt die asphaltierte Lagerstraße auf und ab, begutachtete die Einkäufe der Schüler in der lagereigenen Verkaufsstelle (Vanilleeis zu zwanzig Pfennigen, rosarotes Erdbeereis, das nach Wasser und Erdbeere schmeckte, die dem Erdbeergeschmack auf die Spur gekommen war), grüßte hackenzusammenschlagend» seine«(so sagte er) Zugführer zurück, und manchmal beobachtete ihn Christian, wie er mit auf den Rücken zusammengelegten Händen am Lagerzaun stand und zu den Häusern mit den herabgelassenen Rolläden hinüberblickte.»Seine «Zugführer,»sein Objekt«(das Wehrlager),»seine Soldaten«, wie Major a. D. Volick die Schüler beim Morgenappell und bei den Ansprachen in der Kantine titulierte; sein Lieblingswort war» pikobello«. Ein jovialer, aufgeräumter Mensch, der mit sich und der Welt im reinen zu sein schien — und der mit der gleichen Jovialität und Aufgeräumtheit auch ein entsprechendes Lager vor fünfzig Jahren geleitet hätte, so kam es Christian vor. Er sprach mit niemandem über seine Eindrücke, schrieb auch nicht. Siegbert beantwortete Verenas Briefe, die fast täglich kamen; Christian erkannte sie an ihrer charakteristischen stacheligen Schrift; er selbst bekam einen Brief von Meno, der ihm mitteilte, daß es wenig Mitteilenswertes gebe: Hitze in Dresden, in der Elbe seien die Grundsteine sichtbar, Fische trieben in den Nebenarmen; zwei Mädchen namens Verena Winkler und Reina Kossmann hätten ihm einen Dankesbrief» für Gastfreundschaft und das schöne Erlebnis bei Ihnen «geschrieben. Dann erwähnte er die Kaminski-Zwillinge, die sich immer ungenierter benähmen, dann, daß es ihm gelungen sei, ein genaues Adjektiv für den Farbton eines der Saturniiden im Treppenhaus der Karavelle zu finden. Typisch Meno, dachte Christian.