Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Der Turm - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
1 ... 112 113 114 115 116 117 118 119 120 ... 260
Перейти на страницу:

Die Jungen der 11. Klassen fuhren ins Wehrlager. Christian brachte eine hellgrüne Uniform und eine Gasmaske von der Einkleidung mit, über der Schulter ein Paar schwarze Schnürstiefeclass="underline" »Es sind ja nur zwei Wochen«, beruhigte er Anne. Die Uniform stammte aus einem Depot, roch nach Mottenmittel; Robert, dem es nicht gefiel, daß sein Bruder über die Ferien wieder in der Karavelle wohnte, riß die Fenster sperrangelweit auf:»Das Zeug verpestet die ganze Bude! — Und hör mal, Alter, hier ruft dauernd so ’ne Trulla an, ist das die aus Waldbrunn? Reina Kossmann. Reina — klingt wie chemische Reinigung!«

«Kümmer dich um deinen eigenen Kram«, sagte Christian. Bei Wiener ließ er sich die Haare kurz scheren:»Wennschon — dennschon«, ging in Uniform hin und Schnürstiefeln, das Käppi unter einer Schulterklappe; Wiener bediente schweigend im stumm gewordenen Salon, die Blicke wichen aus; erst als Oberst a. D. Hentter, der ehemalige Generalstäbler aus Rommels Afrikakorps, aufstand und Christian die Hand auf die Schulter legte, warteten Wiener und seine Gehilfen.»Wir dachten, wir haben bezahlt«, sagte Hentter,»solche wie dich hab’ ich vor El Alamein sterben sehen wie Fliegen. Und du kreuzt hier in diesen Lappen auf, mein Junge. Geh nach Hause und zieh das erst an, wenn’s nicht mehr anders geht.«

Christian war enttäuscht, daß der Oberst ihn nicht verstand. Er trug diese Uniform nicht aus Stolz, sondern weil er sich bedauern lassen wollte, vielleicht auch aus Trotz, ein masochistisches» Seht her«-Gefühl, die Ausstellung von Leiden. Noch immer waren die Russen in Afghanistan. Noch immer herrschte Kriegsrecht in Polen. Er ertrug den Gedanken nicht, frei herumlaufen zu können, während die Uniform schon wie eine Mahnung im Zimmer lag. In dem Moment, in dem er die Montur erhalten hatte, war auf seine Freiheit ein Schatten gefallen, war die Frist bis zur Abreise vergiftet — und er hatte das Bedürfnis nach Würde: nach außen hin paßte er sich an, innerlich sagte er: Ich trage diese Kleidung, ich habe sogar kurze Haare, ich tue mehr, als verlangt ist, und ihr habt trotzdem keine Macht über mich. Den eigentlichen Grund überspielte er: Damit der Abschied erträglicher würde, zog er die Uniform schon vorher an.

Richard sah Christian, als er vom Friseur wiederkam, dieser aufgeschossene Schlaks mit hochrotem, schuhbürstenkurz geschorenem Blondschädel sollte sein Junge sein? Anne, die im Garten gearbeitet hatte und eben eine Gießkanne neben den Rosenrabatten vor dem Tor abstellte, stieß einen Schrei aus, hob die Hände, die Türen von Tietzes Shiguli schlugen, Richard sah, daß Niklas im weißen Kittel winkte, die Gießkanne stürzte um, das Wasser rann langsam, in großen blumigen Flecken, über die Gehwegplatten. Christian winkte zurück, blieb vor Anne stehen, sprach kopfschüttelnd auf sie ein, sie reagierte nicht, er nahm die Gießkanne und goß die Rosen, die in der Hitze wie Kreppapier raschelten.

Die Waggons waren überfüllt, die Reichsbahn hatte nur einige Sonderabteile zur Verfügung gestellt, in denen dicht an dicht hellgrün uniformierte Schüler aus ganz Dresden und Umgebung unter Aufsicht ihrer Lehrer hockten. Das Umarmen, Tränenvergießen, Liebesbriefzustecken war vorbei, Türen knallten, ein Schaffner pfiff durchdringend und hob die Kelle zur Abfahrt, langsam, wie eine Walze, die zwischen den aschbraunen Bahnsteigen rollte, setzte sich der Zug in Bewegung und ließ die winkenden, mitlaufenden, Küsse werfenden und nach den rudernden Händen besonders zarter oder bemutterter Jungen greifenden Menschen zurück, die so deutlich in die Kategorien» Eltern «und» Freundin «gehörten, daß Christian ihnen die geballte Sentimentalität nicht verzieh und einen Apfel, den Falk ihm anbot, ergrimmt ablehnte; er mochte diese Abschiedsszenen nicht, sie machten es nicht leichter, das Unabänderliche wurde durch verheulte Gesichter nicht weniger unabänderlich. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er seiner Mutter etwas verboten: ihn zum Bahnhof zu fahren; er hatte es so brüsk getan, daß ihm jetzt das Gewissen schlug. Anne hatte ihm eine Ohrfeige gegeben, die erste seit vielen Jahren, er hatte das Entsetzen in ihrem Gesicht gelesen und war doch türenschlagend hinausgelaufen. Tauben flatterten auf, Christian drückte sich in seine Ecke und sah zum Glasbogen an der Stirnseite der bierbraunen Halle; von den Stahlträgern hingen Riffe aus Vogelunrat. Nachdem sich Jens und Siegbert genug über Christians Frisur ausgelassen hatten, luden sie ihn zu einem Skatspiel ein, sie spielten um Achtelpfennige, und er verlor einige Groschen. Gegenüber saßen Kreuzschüler, tuschelten miteinander, sahen ihnen schläfrig zu. Die Kreuzschule genoß einen elitären Ruf in Dresden, der Chor der Kruzianer hatte unter dem Kantor Mauersberger Weltruhm ersungen, der humanistische Zug der Schule stellte überdurchschnittlich hohe Anforderungen; mittlerweile war die Schule als» rot «verschrien, und auch die sängerischen Leistungen sollten, wie gesagt wurde, gelitten haben. Dennoch: Ein Kruzianer zu sein war etwas Besonderes, damit galt man etwas in Dresden; die Damen in den Kaffeekränzchen hoben die Brauen, die Großmütter schlugen die Hände zusammen und riefen» Ach nein, ach nein «vor Glück, wenn ihr Enkel es in die berühmten Hallen geschafft hatte. Meno war Kreuzschüler gewesen, ebenso Christians Onkel Hans, und sowohl Muriel als auch Fabian sollten diese EOS besuchen. Die Kruzianer frequentierten das Café»Toscana «und stellten dort jenen für sie seit Generationen typischen, gelangweilt-blasierten» Was kost’ die Welt«-Ausdruck zur Schau, der sie im Bürgertum der Insel Dresden, wie Meno sagte, verläßlich und inzestuös» wie eine Eigenblutspende «verankerte. Christian beneidete sie um ihre Sicherheit. Siegbert achtete nicht auf die Jungs in den anderen Abteilen. Er hatte sich einen Stapel» Kompaß«-Abenteuerbücher mitgenommen und begann darin zu schmökern, als sie keine Lust mehr zum Skat hatten. Falk schälte seine Gitarre aus dem Futteral. Jetzt wurden die Kreuzschüler munter:»He, trifft sich gut, wollen wir nicht zusammen was spielen?«Ein braungebrannter Bursche mit schulterlangem Haar wies lässig auf ein Akkordeon in der Gepäckablage.»Und du kannst deine Trompete rausholen, Dicker!«

«Denkst du, ich bin schwul, oder was?!«Der als» Dicker «Angesprochene, ein vogeldünner Blondschopf, dem die Uniform um die Glieder schlotterte, drohte grinsend mit der Faust.

«Die mein’ ich doch nicht, du Brot!«Der Braungebrannte hob das Akkordeon herunter.»Kruzianer — viva la musica!«Er lüpfte eine Braue und wandte sich an Falk.»Kannst du spielen?«

1 ... 112 113 114 115 116 117 118 119 120 ... 260
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)