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Untot

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Aus dem Amerikanischen übertragen von Angelika Weidmann
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Bert Miller hielt seine Augen starr auf den Fernseher gerichtet. Er hatte das Interview mit dem Sheriff McClellan angeschaut und darüber hohngelacht. Jetzt folgte er dem Interview mit dem Pastor, Reverend Michaels, der, nach Berts Ansicht, intelligent und überzeugend sprach. An jenem Morgen hatte der Reverend eine Fernsehstation angerufen, sich vorgestellt, wer er sei, und gestanden, daß er vor drei Tagen eine Gruppe von Gemeindemitgliedern zum Schauplatz des Busunglücks geführt habe, in der Absicht, Bolzen in die Schädel sämtlicher Unfalltoten zu rammen. Er gab zu, daß ihnen dies nur bei dreizehn Leichen gelungen sei, bevor sie durch die Ankunft von Polizei und Krankenwagen verscheucht worden waren, und, so erklärte der Reverend, diese dreizehn müssen jene von ihnen Behandelten sein, die nicht mit den übrigen auferstanden seien und die Leichenhausbeamten ermordet hätten. »Ja, die Toten erwachen wieder«, predigte Michaels. »Dies ist das Werk des Teufels in seinem Kampf gegen Gottes Willen. Wir leben in einer ungläubigen Gesellschaft. Wir verehren Hexerei und Astrologie und andere Formen von Satanismus. Jetzt müssen wir zu Gott beten, daß er uns helfe, unseren Weg des Übels zu verlassen. Niemand will eingestehen, daß das, was vor zehn Jahren geschah, wieder geschieht. Wir versuchen, die grauenhaften Ereignisse aus unserem Gedächtnis zu verdrängen. Sie sind zu schrecklich, als daß wir sie akzeptieren könnten. Aber vor Satan können wir uns nicht verbergen. Jetzt zwingt er uns wieder, der Realität ins Auge zu schauen. Die Toten müssen gepfählt werden. Der Körper muß zu Staub werden dürfen, wie der Herr es befahl. Nur dann können wir auferstehen, wenn der Herr uns zu sich ruft am Tag des Jüngsten Gerichts. Nur die Seele ist heilig..-« Sue Ellen sprang von ihrem Stuhl auf und schaltete den Fernsehapparat aus.

Verärgert faßte Bert nach dem Schaltknopf und brüllte: »Jetzt laß gefälligst die Finger davon!«

Sue Ellen stellte sich vor das Gerät und bot ihrem Vater die Stirn.

»Nein... bitte, bitte laß es aus. Ich kann das nicht mehr hören! Das ist alles Wahnsinn! Was du uns hast tun lassen - alle diese Leichen schleppen - ich kann es nicht mehr ertragen!« Bert sprang auf seine Tochter zu, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. »Hast du nicht gehört, was der Reverend gesagt hat? Die Seuche kommt wieder, und wir müssen uns alle bereitmachen. Es ist das Werk des Teufels - und vielleicht haben wir es alle verdient!«

Sue Ellen fing an zu weinen. Gereizt ließ Bert seinen Blick durch das Wohnzimmer gleiten, wo einige der Fenster schon mit Brettern vernagelt waren. Er hatte den ganzen Vormittag mit Sägen und Hämmern zugebracht, während seine Töchter in ihren Zimmern geblieben waren, zu verängstigt, um sich hinunter zu trauen. Bert nahm es ihnen übel, daß sie ihm nicht geholfen hatten.

Mit schwacher, hoffnungsloser Stimme flehte Sue Ellen ihren Vater an. »Daddy... bitte... ich halte das alles nicht aus. Warum können wir die Toten nicht einfach in Ruhe lassen? « »Weil sie uns nicht in Ruhe lassen werden!« bellte er. »Darum! Ihr habt es vor zehn Jahren nicht miterlebt. Ich habe euch weggeschickt, und ihr habt Glück gehabt. Aber diesmal werden wir nicht vor dem Teufel davonrennen - wir werden hierbleiben und unsere Christenpflicht tun!« Weinend lief Sue Ellen zur Küchentür, durch die ihre beiden Schwestern gerade hereinkamen. Sie nahmen sie in die Arme. Sie riß sich los und rannte die Treppe hinauf. »Verwöhnte Göre!« rief Bert hinter ihr her. Ann warf ihrem Vater einen flehenden Blick zu und bat ihn mit den Augen, sich zu beruhigen.

Zur Antwort zeigte er zornig mit dem Finger auf Karen. »Sieh dir doch deine Schwester an! Der Himmel weiß, von wem sie begattet worden ist. Und falls sie's selber überhaupt weiß, dann sagt sie's natürlich nicht. Wahrscheinlich so ein wildgewordener Drogenpunk! Manchmal bin ich wirklich froh, daß eure Mutter das nicht mehr erleben muß!« Karen versuchte, ihre Tränen zu verbergen, wandte sich um und ging zur Treppe. Sie war siebzehn Jahre alt, mit einem schlichten, traurigen Gesicht, das beinahe hübsch wurde, wenn ein Lächeln es erhellte. Aber zur Zeit hatte sie selten Grund zu lächeln. Es war offensichtlich, daß die Geburt ihres Babys sehr bald bevorstand.

Ann, die Älteste, war die wachste und die hübscheste von Bert Millers Töchtern. Sie trug ihr langes, blondes Haar sorgfältig gebürstet und in der Mitte gescheitelt. Sie hatte tiefblaue Augen, einen vollen Mund und regelmäßige Züge. Viele der jungen Männer in der Stadt interessierten sich für sie, doch sie hatte keinen ständigen Freund, weil ihr Vater jeden, der ihr gefiel, erfolgreich vergrault hatte. Selten, wenn überhaupt, luden sie sie ein zweites Mal ein. Trotzdem liebte sie ihren Vater, wußte, daß er seine Töchter auf seine seltsame Weise liebte, und versuchte, ihn zu verstehen. Aber sie wußte auch, daß sie fortziehen würde, sobald sie konnte. Sie trat zu ihrem Vater, berührte ihn leicht am Arm und sagte: »Daddy, bitte, Karen hat es auch so schon schwer genug.« Bert schaute Ann an und wußte nicht, was er entgegnen sollte. Von allen drei Töchtern war sie diejenige, die am ehesten von ihm erreichen konnte, was sie wollte. Statt zu antworten, stieß er heftig die Luft aus, nahm seinen Hammer wieder auf, den er auf einen Stuhl gelegt hatte, trat an eines der verbarrikadierten Fenster und begann zu hämmern. Er schlug zwei weitere Nägel in ein dickes Brett, das er schon vorher an den Fensterrahmen genagelt hatte. Dann wählte er ein neues Brett aus, ging an ein anderes Fenster und begann, es dagegen zu nageln.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, daß es wieder losgeht? « fragte Ann.

Die ganze Angelegenheit erschien ihr unglaublich. Vor zehn Jahren hatte die Tante, bei der die drei Mädchen untergebracht worden waren, sämtliche Informationen über die Seuche von ihnen ferngehalten. Sie hatten nicht aus dem Haus gedurft und weder Radio- noch Fernsehsendungen verfolgen dürfen. Anschließend war es gesetzlich verboten gewesen, die Krise wieder aufzuwärmen. Die Begründung für diese Maßnahme, gerechtfertigt oder nicht, bestand darin, daß erklärt wurde, es sei moralisch und emotional schädlich, in der Bevölkerung die Erinnerung an die schrecklichen Erlebnisse wachzuhalten, und es sei am besten, man versuche, sie zu vergessen, da sie sich voraussichtlich nicht wiederholen würden.

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