Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Wir kamen näher, der Junge, der auf einem Felsblock gesessen war, erhob sich und trat auf uns zu.
»Wer bist du?« fragte Boyd.
Der Junge lächelte. »Mein Name ist nebensächlich. Ich wurde abgesandt, um ein kurzes Gespräch mit euch zu führen. Seid ihr dazu bereit?«
»Warum nicht?« fragte Boyd. Er schlug vor, wir sollten uns ins Raumschiff zurückziehen, doch der Junge schüttelte den Kopf. »Es dauert nicht lange. Zunächst haben wir den Sicherheitsfaktor zu hoch angesetzt – es kam zu einer Zerstörung des Siedlungsgebäudes; wir wissen noch nicht, durch welche Ursache, doch das wird noch geklärt werden. Jedenfalls können wir eine unkontrollierte Kommunikation nicht mehr zulassen. Ihr habt um Asyl gebeten, und wir wollten euch ein wenig Zeit lassen bis zur Entscheidung.«
»Zu welcher Entscheidung?« fragte Ingrid.
»Der Entscheidung, ob ihr euch dem aktiven oder dem passiven Teil der Bevölkerung anschließen wollt.« Er bemerkte, daß wir nicht verstanden, was er von uns wollte. Wieder lächelte er, und ich glaubte, eine Nuance von Geringschätzigkeit darin festzustellen – aber das kann auch an meiner Überempfindlichkeit liegen.
»Dieser Planet«, erklärte der Junge, »ist ein Reservat für jenen Teil der Bevölkerung, der in der genetisch fixierten Form in Frieden leben will. Diese Form unterscheidet sich nicht allzusehr von eurem Genotyp – ich glaube nicht, daß eine Eingliederung Schwierigkeiten machen würde. Der andere Teil der Bevölkerung hat sich dafür entschieden, aktiv an der Bewältigung aller Aufgaben, die sich stellen, mitzuarbeiten. Dazu gehört auch die Betreuung der passiven Bevölkerung, die ohne intensive Betreuung nicht lebensfähig ist. Über Nacht nehmen wir die physische Regeneration vor - Zufuhr von Nährstoffen, Kontrolle des Metabolismus, die Ergänzung von Wirkstoffen und dergleichen mehr. Die psychische Regeneration erfolgt zweimal am Tag, einmal vormittags und einmal nachmittags; wir prüfen die Gleichgewichte der Werteinschätzungen, Antriebe und so fort. Bis zum 14. Lebensjahr wächst jeder in der ursprünglichen Bioform auf, und alles was er lernt, dient letztlich der Befähigung zur freien Entscheidung über die endgültige Lebensform.« Der Junge ließ uns einige Sekunden Zeit zum Nachdenken, dann fragte er: »Wie wollt ihr euch entscheiden?«
Ein wenig zögernd fragte Mischa: »Jene andere Form … ist das …?« Er sprach seinen Satz nicht zu Ende, deutete aber in die Höhe, wo drei Spindeln regungslos in der Luft hingen.
Der Junge nickte. »Ja, es sind Kyborgs – isolierte Gehirne, über Funk mit einem Manipulationssystem und einer zentralen Einheit verbunden. In dieser Form ist man physisch und psychisch in ein riesiges System eingegliedert. Es ist jene Form, die dem gestaltenden Eingriff in die Welt am besten angepaßt ist. Es liegt nun an euch, was ihr vorziehen wollt – ein sorgenfreies, glückliches Leben in ewiger Jugend, oder eine Existenz mit einer unabmeßbaren Freiheit des Handelns, freilich der Verantwortung unterworfen, die die Möglichkeit zur Entscheidung mit sich bringt.«
Erst allmählich begriffen wir die Möglichkeiten, die sich hier boten – doch keine entsprach dem, was wir uns als Lebensziel vorstellten.
Der Junge gab uns Zeit zur Beratung. Wir zogen uns ins Raumschiff zurück, Mara blieb draußen. Wir brauchten uns nicht lange zu beraten – unsere Entscheidung stand fest: Wir wollten Menschen bleiben, die wir bisher gewesen waren – Geschöpfe, die vielleicht auf einer tieferen Entwicklungsstufe standen als die Einwohner dieses Planeten, beschränkt in ihren Möglichkeiten, gefährdet von innen und von außen … aber doch im Gleichgewicht zwischen Körper und Geist, Stationen auf einer Entwicklung, der wir nicht vorgreifen wollten.
Wir verließen das Raumschiff, um einige Fragen zu stellen. Es gab keine Schwierigkeiten, man war bereit, uns zu helfen, uns mit Nahrung. Wasser und Energie zu versorgen.
Der Abschied war kurz. Maras Gesichtsausdruck war noch immer leer. Wir merkten, daß sie sich verändert hatte – wahrscheinlich schon während der letzten Tage. An ihren Augenwinkeln erschienen Falten, in ihrem Haar graue Strähnen. Ich griff in die Tasche und zog Maras Plakette heraus. Ich nahm ihre Hand und legte ihr das Band um, an dem das dunkle Scheibchen befestigt war.
Wir ließen den Gleiter in den Laderaum einfahren und stiegen dann selbst ins Innere. Als wir aus den Luken blickten, waren Mara und der Junge verschwunden.
Nach einer Viertelstunde lieferte ein automatischer Lufttransporter die Vorräte an, wir luden sie ein und waren bereit zum Start. Es wird zwei Jahre dauern, bis wir die äußeren bewohnten Distrikte erreichen – Zeit genug, um unsere Lage noch einmal zu überdenken.
Nach ein paar Minuten lag der Planet als weiße Kugel hinter uns, und noch etwas später tauchte er im Dunkel des nachtschwarzen Abgrunds unter, der uns von der Erde trennt.
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Zentrale der Welt
Die Zentrale war leer. Keiner der acht Tutoren befand sich persönlich im Raum. Und doch war die Konferenz im Gang. Maßnahmen wurden erwogen, Entscheidungen gefällt. Es ging um das Wohl der Welt.
Die Stereoschirme flimmerten. Zahlenkolonnen tauchten auf und verschwanden wieder. Zeichen der Booleschen Algebra gruppierten sich zu Formeln. Nur selten erschien ein Gesicht – die Symbolik des Mienenspiels hatte längst ihre Bedeutung verloren.
Die Tagesordnung folgte ihrer uralten Gesetzlichkeit. Meldungen wurden vorgebracht, analysiert, Schlüsse gezogen. Daten wurden verglichen, integriert. Für jeden Verarbeitungsschritt gab es ein Programm, für jede Information eine Formel. Die Auswertung folgte dem Flußdiagramm. Die Konsequenzen waren nur noch Routine.
Die Versammlung war beendet – das Klingelzeichen zeigte es an. Je nach der Art des Rezeptorsystems manifestierte es sich als Schallwelle, als elektrischer Impuls, als Frequenzmodulation, als Ionisierung von Natriumdampf. Die Bildschirme erloschen.
A7, der auf den menschlichen Namen Lester hörte, vergegenwärtigte sich einige Zahlen – Konzentrationen von Heliumatomen im interplanetarischen Raum. Ihr Anstieg war ihm bedrohlich erschienen, aber der Computer hatte bewiesen, daß schon in 6372 Jahren das stationäre Gleichgewicht eintreten würde, und dann setzten sich auf den Himmelskörpern wieder ebensoviel Atome ab, wie durch die Zerstrahlungstriebwerke abgeschieden wurden. Seine Besorgnis war überflüssig gewesen. Auf seinem Luftkissenstuhl schob er sich an die durchsichtige Außenwand heran. Das Bild seiner Heimat hatte immer noch etwas Beruhigendes für ihn – der Doppelstern Heliopont, die Diskusform der nahen Galaxis M 51 und das Oval des Ionengürtels – Staub aus den Reaktoren –, das die Station in einer riesigen, schwach leuchtenden Schleife umschlang.
Die Schnarre durchbrach seine schweifenden Gedanken. Er drehte den Stuhl herum und öffnete durch einen mentalen Impuls das Kommunikationsnetz. Der Bildschirm blieb dunkel, doch vor seinem inneren Auge erschienen die Zeichen A1. A1 – Jonathan –, der gegenwärtige Vorsitzende der Weltregierung, konnte sich nicht mehr körperlich zeigen, er war längst eingespeichert worden. Von seinem ursprünglichen Organismus war nichts mehr übrig, er bestand nur noch aus Erinnerung und Willen. An einige Milliarden Speicherelemente gebunden, mit dem Impulsgeber gekoppelt, Jonathan und Lester – sie waren Vertreter der humanoiden Rassen in der Regierung.
»Darf ich dich stören Lester?«
»Aber sicher, Jonathan.«
»Bei unserer heutigen Besprechung erfuhr ich etwas, was mir Gedanken macht.«