Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Väterchen! Das habe ich doch von Ihnen selbst erfahren, von Ihnen selbst! Sie merken ja gar nicht, daß Sie das alles in Ihrer Erregung mir und auch den anderen erzählen. Auch von Herrn Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern viele interessante Einzelheiten erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen, ich aber will Ihnen sagen, daß Sie durch Ihren Argwohn bei all Ihrem Scharfblick selbst das gesunde Verhältnis zu den Dingen verloren haben. Nehmen wir als Beispiel wieder das mit der Klingeclass="underline" so einen wertvollen Schatz, eine solche Tatsache (es ist doch eine ganze Tatsache!) habe ich, der Untersuchungsrichter, Ihnen mit Haut und Haaren ausgeliefert! Sehen Sie denn nichts darin? Wenn ich Sie doch nur ein wenig verdächtigte, dürfte ich so handeln? Im Gegenteil, ich müßte zuerst Ihren Argwohn einschläfern und durch keine Miene verraten, daß ich über diese Tat schon unterrichtet bin. Ich müßte Sie in eine entgegengesetzte Richtung ablenken und dann plötzlich wie mit einem Beilhieb auf den Scheitel (wie Sie sich selbst ausdrückten) betäuben: ›Was haben Sie, verehrter Herr, gestern in der Wohnung der Ermordeten gemacht, um zehn Uhr abends, oder vielleicht gar um elf? Und warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum haben Sie nach dem Blute gefragt? Und warum haben Sie die Hausknechte konfus gemacht und aufgefordert, aufs Revier zum Polizeileutnant zu gehen?‹ So hätte ich vorgehen müssen, wenn ich auch den geringsten Verdacht gegen Sie hätte! Ich müßte Sie in aller Form vernehmen, eine Haussuchung bei Ihnen abhalten und Sie vielleicht auch verhaften ... Folglich hege ich doch nicht den Verdacht gegen Sie, wenn ich anders vorgehe! Sie aber haben jedes gesunde Verhältnis zu den Dingen verloren und sehen nichts, wiederhole ich!«
Raskolnikow fuhr am ganzen Körper zusammen, so daß Porfirij Petrowitsch es allzu deutlich merkte.
»Sie lügen immer!« rief er aus. »Ich kenne Ihre Absichten nicht, aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen, und ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«
»Ich lüge?« fiel ihm Porfirij ins Wort, scheinbar erregt, doch mit der gleichen lustigen und spöttischen Miene; er schien sich nicht im geringsten darum zu kümmern, welche Ansicht über ihn Herr Raskolnikow hatte. »Ich lüge? ... Wie habe ich mich aber vorhin Ihnen gegenüber benommen (ich, der Untersuchungsrichter), – indem ich Ihnen selbst alles suggerierte, alle Mittel zur Verteidigung lieferte und Ihnen selbst die ganze Psychologie erklärte: ›Es war die Krankheit, ein Fieberwahn, ich war beleidigt; die Melancholie und die Beamten auf dem Polizeirevier‹, und dergleichen! Wie? He-he-he! Obwohl ich Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen möchte, daß alle diese psychologischen Mittel zur Verteidigung, alle diese Ausflüchte und Finten wenig nützen und zwei Enden haben: ›Es war die Krankheit, das Delirium, Träume, es kam mir nur so vor, ich weiß nichts mehr,‹ – das stimmt alles, aber warum sind Ihnen, Väterchen, in der Krankheit, im Fieber gerade solche Träume gekommen und keine anderen? Es hätten ja auch andere kommen können? Nicht wahr? He-he-he!«
Raskolnikow blickte ihn stolz und mit Verachtung an.
»Mit einem Worte,« sagte er eindringlich und laut, indem er aufstand und Porfirij dabei ein wenig zur Seite stieß, »ich möchte wissen: halten Sie mich für endgültig frei von jedem Verdacht – oder nicht? Sagen Sie es, Porfirij Petrowitsch, sagen Sie es positiv und endgültig, und schnell, sofort!«
»Ist das ein Kreuz! Was Sie einem für Schwierigkeiten machen!« rief Porfirij mit vollkommen lustiger, verschlagener und durchaus nicht besorgter Miene. »Ja, was brauchen Sie das zu wissen, warum wollen Sie so vieles wissen, wenn man noch nicht mal angefangen hat, Sie irgendwie zu belästigen? Sie sind doch wie ein Kind: Sie wollen unbedingt, daß man Ihnen das Feuer in die Hand gibt! Und warum regen Sie sich so auf? Warum drängen Sie sich uns so auf, aus welchem Grunde? Wie? He-he-he!«
»Ich sage Ihnen noch einmal,« rief Raskolnikow, außer sich vor Wut, »daß ich es nicht länger ertragen kann!«
»Was denn? Die Ungewißheit?« unterbrach ihn Porfirij.
»Verhöhnen Sie mich nicht! Ich will es nicht! ... Ich sage Ihnen ja, daß ich es nicht will! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« schrie er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.
»Stiller doch, stiller! Man wird Sie hören! Ich warne Sie ernsthaft: Schonen Sie sich. Ich spaße nicht!« flüsterte Porfirij Petrowitsch; diesmal war aber in seinem Gesicht nicht mehr der frühere weibisch-gutmütige und erschrockene Ausdruck, im Gegenteil, jetzt befahl er streng, mit gerunzelten Brauen, als ließe er alle Geheimnisse und Zweideutigkeiten auf einmal fallen.
Das dauerte aber nur einen Augenblick. Der anfangs bestürzte Raskolnikow geriet plötzlich in echte Wut; aber seltsam: er folgte wieder dem Befehl, leiser zu sprechen, obwohl er auch in höchster Raserei war.
»Ich lasse mich nicht quälen!« flüsterte er wie vorhin und merkte zugleich mit Schmerz und Haß, daß er nicht umhin konnte, dem Befehle zu folgen, und dieser Gedanke versetzte ihn in eine noch größere Raserei. »Verhaften Sie mich, durchsuchen Sie mich, aber behandeln Sie mich nach der gesetzlichen Form, und spielen Sie nicht mit mir! Unterstehen Sie sich nicht ...«
»Kümmern Sie sich doch nicht um die Form«, unterbrach ihn Porfirij mit dem früheren verschlagenen Lächeln, indem er Raskolnikow mit scheinbarem Vergnügen betrachtete. »Ich habe Sie, Väterchen, ganz privat und freundschaftlich eingeladen!«
»Ich will Ihre Freundschaft nicht, und ich spucke auf sie! Hören Sie es? Und sehen Sie; ich nehme meine Mütze und gehe fort. Nun, was wirst du jetzt sagen, wenn du mich verhaften willst?«
Er ergriff seine Mütze und ging zur Tür.
»Wollen Sie denn nicht die kleine Überraschung sehen?« kicherte wieder Porfirij, indem er ihn wieder am Arm oberhalb des Ellbogens nahm und an der Tür festhielt.
Er wurde sichtlich lustiger und vergnügter, was Raskolnikow endgültig aus der Fassung brachte.
»Was für eine Überraschung? Was ist los?« fragte er plötzlich, stehen bleibend und Porfirij erschrocken anblickend.
»Die kleine Überraschung habe ich hier hinter der Tür sitzen, he-he-he! (Er zeigte mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der rückwärtigen Wand, die in seine Dienstwohnung führte.) Ich habe Sie eingeschlossen, damit Sie nicht davonlaufen.«
»Was ist? Wo? Was? ...«
Raskolnikow ging zu der Tür und wollte sie öffnen, sie war aber verschlossen.
»Sie ist verschlossen, hier ist der Schlüssel!«
Und er holte in der Tat aus der Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.
»Du lügst immer!« schrie Raskolnikow, der sich nicht länger beherrschte. »Du lügst, verfluchter Hanswurst!« Und mit diesen Worten stürzte er sich auf Porfirij, der sich zur Tür retiriert hatte, aber gar nicht erschrocken schien.
»Ich verstehe alles, alles!« rief er, indem er auf ihn zusprang. »Du lügst und reizt mich, damit ich mich selbst verrate ...«
»Sie können sich doch nicht mehr verraten, Väterchen, Rodion Romanowitsch! Sie rasen ja schon. Schreien Sie nicht, sonst rufe ich Leute herbei.«
»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe nur deine Leute! Du wußtest, daß ich krank bin, und wolltest mich rasend machen, damit ich mich verrate, das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles verstanden! Du hast keine Tatsachen, du hast nur elende, wertlose Hypothesen im Samjotowschen Stile! ... Du kanntest meinen Charakter, du wolltest mich in Raserei versetzen, um mich dann plötzlich mit Popen und Delegierten zu überfallen ... Du wartest doch auf sie? Wie? Was wartest du? Wo? Zeig sie mir doch!«
»Was für Delegierte meinen Sie denn, Väterchen? Was so ein Mensch sich nicht alles einbildet! Nach den Vorschriften darf man gar nicht so vorgehen, wie Sie sagen, Sie verstehen überhaupt nichts von der Sache ... Und die Form wird uns nicht davonlaufen, Sie werden es selbst sehen! ...« murmelte Porfirij, an der Tür lauschend.