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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Ein erster Eindruck

Ein Kinderspielplatz am frühen Morgen, ein herrlicher Anblick! Man möchte am liebsten mitdirigieren. Die Rhythmusgruppe der Schaukeln, die sanften Glissandi der buckligen Rutsche: helle Farbtupfer gleiten, die kleinen Fäuste in die Luft gestreckt, ins Gras.

Ich ging über die Straße und prallte gegen einen kräftigen Windstoß, ich wandte mein Gesicht ab, Sand kitzelte in meinen Augen. Der Wind warf Falten in die grüne Abdeckplane eines Baugerüsts und in meine Hosenbeine. Ihr Stoff klebte an meiner Haut, ein merkwürdiges Gefühl von beständigem Druck. Unbewegt im Wind stehen, ein Baugerüst, eine Statue, eine umtoste Kathedrale. Und der Heiligenschein verformt sich unter den gewaltigen Kräften des Windes und wird eine Ellipse, wie die Bahn eines Planeten. Das erste, was mir mein Großvater erklärt hatte, diese Bahnen, anhand eines Holzmodells, das wohl aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen stammte und so zerfallen war, dass man es höchstens noch als abstraktes Mobile hätte verwenden können. Aber irgendwann wanderte es, wie alle Dinge, die klein genug waren, in den Müllkorb und sank dort langsam ein wie ein verlassenes Frachtschiff im Eis der Antarktis.

Mein Großvater machte einen Scherz darüber, dass dieses Wissen um die ewigen Bewegungsbahnen, die Entsprechungen und Konsequenzen, immer eine Generation übersprang.

Ich hatte die allerseltsamste Begegnung hinter mir. Gestern Abend klopfte es an meine Tür. Der Sohn der Nachbarin. Ich fragte, was los sei.

— Nichts, sagte er.

— Nein, das kann nicht sein, sagte ich.

— Doch, sagte er. Hier.

Er holte einen ganzen Packen Briefe aus seiner Tasche und sortierte sie vor meiner Nase. Und tatsächlich, es waren auch zwei, nein, sogar vier für mich dabei. Er gab sie mir, als wäre es das Normalste von der Welt.

— Warum zum Teufel hast du meine Post? Und was machst du hier mitten in der Nacht?

— Gar nichts.

— Mit dem Verpiss dich habe ich nicht dich gemeint, okay? sagte ich.

Er nickte.

— Sind die Briefe versehentlich bei euch abgegeben worden?

Er überlegte, dann sagte er:

— Ja.

— Bist du dir da sicher?

— Ja.

— Du wohnst unten, oder?

— Ja.

— Gerald, oder?

Er nickte.

— Hör zu, das kommt nicht noch mal vor, sonst sage ich es deiner Mutter. Verstanden?

Ich schloss die Tür. Seltsames Kind. Stiehlt einfach die Post.

Ein unwichtiger Werbebrief, Kontoauszüge und ein Brief von einer gewissen Hannelore Schnabel. Außerdem ein höchst sonderbares Kuvert ohne Absender, in dem sich nichts als ein Zettel mit einer Reihe verschiedener Zahlen befand.

Während ich den Brief von Hannelore Schnabel durchlas, fielen mir die anderen drei aus der Hand. Sie hatte eine Telefonnummer aufgeschrieben, unter der ich sie erreichen konnte. Ich rief sie sofort an.

Ich beschimpfte sie, während ich mit meiner freien Hand den Zettel mit den Zahlen zerknüllte und zerriss, dann beruhigte ich mich und ließ sie zu Wort kommen. Nachdem sie ein paar Sätze gesagt hatte, fuhr ich fort, sie zu beschimpfen. Steckte sie hinter dem Albtraumanruf von gestern Morgen? Der Zettel mit den vielen sinnlosen Zahlen flog durchs Zimmer. Dann willigte ich ein, mich am nächsten Tag mit ihr zu treffen.

Nachdem sie aufgelegt hatte, schrie ich ins Telefon:

— Du bist tot, verdammt noch mal tot! Ihr alle seid tot!

Ich gab der Frau, auf deren Kopf ein großer Albinosonnenhut saß, die Hand, sagte aber noch nichts. Ich setzte mich, lehnte mich zurück und schlug die Beine übereinander.

— Guten Tag, sagte sie.

Klassische Gesprächseröffnung. Bauer auf e4.

— Guten Tag, parierte ich.

Bauer auf d5.

— Wie geht es Ihnen?

— Gut, danke. Und Ihnen?

— Den frohen Umständen entsprechend, sagte sie und deutete seltsamerweise auf ihren Hut.

— Schön.

— Wenn Sie, ich meine, nur für den Fall, dass Sie etwas trinken wollen –

— Nein, lieber nicht –

— Das ginge dann selbstverständlich auf meine Rechnung.

— Ach so, aha.

— Ja.

— Ja.

— Ich meine nur, falls Sie –

— Ja, sicher. Danke.

Stille. Un ange passa, ein Engel ging vorüber, stolperte und fiel hin.

— Und, was machen Sie so?

— Ach, nichts Besonderes. Ich sitze hier mit Ihnen auf der Straße.

— Auf der … Sollen wir lieber drinnen … vielleicht, wenn Sie –

— Nein, schon in Ordnung. Ich bin flexibel. Eine Eigenschaft, die ich geerbt habe, wissen Sie.

— Oh.

— Ganz genau. Oh.

— Ich …

Sie suchte etwas in ihrer Handtasche. Ich kam ihr zuvor:

— Wie lange wissen Sie es schon?

— Bitte?

— Dass Ihr zukünftiger Ehemann einen Sohn hat, wie lange wissen Sie das?

— Ach, ich … ich weiß nicht genau … Aber es ist doch verständlich, dass ich Sie da …

— Verständlich, sicher, ja.

Ich stand auf, streckte meine Arme aus, als wäre ich gerade erst erwacht.

— Gehen Sie schon? fragte sie.

— Aber ja, natürlich.

— Warum denn?

— Sie wollten mich doch sehen, das stand in Ihrem Brief. Und jetzt haben Sie mich gesehen, oder? War bestimmt nicht so schlimm, wie Sie befürchtet haben.

– Überhaupt nicht, nein. Aber bitte setzen Sie sich wieder, ich –

— Sie haben mir diesen verdammten Brief geschickt und darum gebeten, mich zu sehen. Das war doch alles, oder?

— Regen Sie sich bitte nicht auf, ich weiß, dass Sie –

— Sie wissen?

— Nein, ich …

Ich setzte mich wieder hin.

— Sie wissen also, dass ich. Gut. Das möchte ich nun doch gerne hören. Was genau wissen Sie?

— Entschuldigen Sie, sagte sie, ich wollte Sie nicht beleidigen.

— Den Satz können Sie sich sparen. Wir kennen uns nicht einmal gut genug, dass Sie mich beleidigen könnten.

Sie blickte betroffen. Ihr weißer Hut fühlte sich unwohl und musste zurechtgerückt werden.

— Wissen Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, was er Ihnen angetan hat, muss ich doch davon ausgehen, dass gar nichts war.

— Ja, müssen Sie vermutlich. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe.

Ich starrte auf den großen, albernen Hut. Der Wind strich über meine Wange. Lausbub. Dann tauchte eine große Boeing 747 aus den Wolken herab und landete direkt auf dem Hut. Die Frau kratzte sich auf der Stirn und sagte:

— Ich … ich verstehe zwar, dass das für Sie sehr unangenehm sein muss, aber ich verstehe diese Feindseligkeit nicht, ich meine … da muss doch irgendwas passiert sein.

— Ja, aber das werde ich Ihnen nicht erzählen.

— Was ist denn so Schlimmes passiert?

— Eine Gegenfrage: Warum interessiert Sie das?

— Warum mich die Vergangenheit interessiert?

— Nein, warum interessiert Sie so sehr, was mein Vater getan oder nicht getan hat, als er noch mein Vater war?

— Wie … Sie sprechen von ihm in der Vergangenheit …

— Schütteln Sie nur den Kopf. Sie sind nicht –

— Ihre Mutter, das ist mir schon klar.

— Ha! Das wollte ich bestimmt nicht sagen. Aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Warum interessiert Sie das alles? Warum belästigen Sie andere Leute mit Briefen?

— Ich wollte es eben wissen. Einen tieferen Grund gibt es nicht.

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