Menschen wie Götter
- Автор: Снегов Сергей Александрович
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Verlag MIR Moskau und Verlag Das Neue Berlin
- ISBN: 978-3-45352-519-1
- Переводчик: Heinz Kübart
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Menschen wie Götter». Краткое содержание книги:
»Nur dies unterliegt keinem Zweifeclass="underline" Ich habe keine Ahnung!«
»Der Große Rat will mit Ihnen konferieren.« Romero sprach so ausdrucksvoll, als vertraue er mir ein Geheimnis an, das nicht minder wichtig wäre als die Lösung des Rätsels um den Untergang der Expedition. »Wir bitten Sie, über das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, nachzudenken.«
»Das will ich tun«, sagte ich, und Romeros Gestalt löste sich auf.
Ich zog mir den Wettermantel über und begab mich erneut in den Garten des achtzigsten Geschosses hinauf. Bald darauf gesellte sich Mary zu mir. Ich legte meinen Arm um sie, und wir schmiegten uns aneinander. Der klare Morgen hatte sich in düsteren Abend verwandelt, weder die Wolken noch die Bäume des Boulevards, noch etwa die Gewächse des sechzigsten Geschosses waren zu sehen. Allein der Regen war jetzt in der Welt, glänzend, stimmgewaltig, wohlklingend, derart berauscht von sich selbst und ungestüm, daß ich bedauerte, keine Flügel zu haben. Ich hätte gegen die Ströme dieses frohlockenden Wassers ankämpfen mögen, Flüge mit den Aviettes vermitteln kein so starkes Gefühl.
»Ich weiß, woran du denkst«, sagte Mary.
»Ja, Mary«, antwortete ich. »Vor genau dreißig Jahren bin ich bei ebenso einem Fest des Sommergewitters in den Wasserströmen umhergejagt, und du warfst mir vor, ich zöge eine Schau ab in der Luft.
Wir sind älter geworden, Mary. In dem Geflecht der elektrischen Entladungen könnte ich mich heut nicht mehr behaupten.«
Mitunter erschreckte es mich, um wieviel besser Mary meine Empfindungen versteht als ich selbst. Sie lächelte bekümmert.
»Du hast etwas anderes gedacht.
Es tut dir leid, daß du nicht in jenem Winkel des Weltalls gewesen bist, wo unsere Freunde ums Leben gekommen sind. Du bildest dir ein, die Expedition hätte keine derartigen Verluste erlitten, wärest du dabeigewesen.«
Ich diktiere diesen Text in einem anderszeitlichen Existenzkokon. Was das bedeutet, erkläre ich später.
Vor mir schwebt in einem Kraftfeld bewegungslos eine durchsichtige Kapsel mit dem ewig unverweslichen Leichnam des widerwärtigen Verräters, der uns in einen ausweglosen Abgrund stürzte. Die Raumbildschirme zeigen die Landschaft einer unvorstellbaren, unzulässigen Welt, die Hölle eines katastrophalen Sternenstrudels. Von dieser ungeheuerlichen Welt weiß ich völlig sicher, daß sie nicht mein, nicht menschlich ist, feind nicht nur allem Lebendigen, sondern allem Vernünftigen. Und ich glaube nicht mehr, daß meine Anwesenheit eine Garantie gegen Verluste ist.
Ich trage die Verantwortung für unsere Expedition, und ich führe sie bewußt einen Weg, an dessen Ende wahrscheinlich der Tod steht. Das ist die Wahrheit.
Sollten diese Aufzeichnungen durch irgendein Wunder zur Erde gelangen, so mögen die Menschen wissen : Ich sehe die drohende Wahrheit in ihrem ganzen Ausmaß, und im ganzen Ausmaß bin ich mir meiner Schuld bewußt. Rechtfertigungen habe ich nicht. Das ist keine Verzweiflung, sondern Einsicht.
Doch an jenem Tag auf der schönen grünen Erde, der unerreichbar, unvorstellbar fernen Erde, antwortete ich meiner Frau zur lauten Musik des sommerlichen Wolkenbruchs voller Trauer: »Ich möchte manches, Mary! Die Wünsche verstärken das Beharrungsvermögen der Existenz, zunächst schleppen sie uns vorwärts, dann verzögern sie unser Welken. Jugend und Alter wünschen mehr, als möglich ist. Ich sage dir, ich bin zu alt für meine Wünsche. Uns bleibt eins, meine Freundin: still dahinzuwelken. Still dahinzuwelken, Mary!«
2
Ich war nicht auf dem Kosmodrom, als das Sternenflugzeug aus dem Perseus landete, der Gedenksitzung des Großen Rates blieb ich fern. Die Raumbildschirme in meinem Zimmer schaltete ich nicht ein. Mary schilderte mir die erhabene Trauer der Zeremonie, als die sterblichen Überreste der Astronauten auf die Erde übergeführt wurden. Weinend war sie vom Kosmodrom zurückgekommen. Ich hörte sie an und ging dann schweigend in mein Zimmer.
In den ersten Jahren unserer Bekanntschaft halte mein Verhalten sie gekränkt, und sie hätte mich gefühllos gescholten. Jetzt verstand sie mich. Krankheiten gibt es schon lange nicht mehr auf Erden, selbst das Wort »Arzt« ist außer Gebrauch. Aber nur als Krankheit läßt sich der Zustand bezeichnen, in den mich der Bericht über Allans und Leonids Expedition stürzte. »Es ist erschütternd«, hatte Romero gesagt, als er mir die Rolle gab, in der alle Ereignisse aufgezeichnet sind vom Start auf dem Dritten Planeten im Perseus bis zur Rückkehr der Schiffe mit den toten Besatzungen zur Basis. Das war mehr als erschütternd. Davon mußte man schwer krank werden.
Wahrscheinlich wäre ich auch nicht zur Beisetzung gegangen, wenn ich nicht erfahren hätte, daß Olga zur Erde gekommen war. Sie hätte es mir nicht verziehen, wäre ich der Bestattung ihres Mannes ferngeblieben.
Außerdem wollte ich die alten Freunde gern wiedersehen – Orlan und Gig, Oshima und Grazi, Kamagin und Trub. Sie waren mit Olga auf deren »Orion« angereist, um an der Feier im Pantheon teilzunehmen.
Dennoch zögerte ich lange, ehe ich mich entschloß, das Haus zu verlassen. Die Trauerzeremonie schreckte mich. Romero hatte angedeutet, daß man von mir eine Rede erwarte, doch ich konnte allenfalls sagen, daß die Toten kühne Kosmosfahrer gewesen waren und ich sie sehr liebgehabt hatte.
Im Pantheon hatten sich die Verwandten und die Freunde der Toten eingefunden. Olga weinte, den Kopf an meiner Schulter. Zärtlich streichelte ich ihr graues Haar. Länger als wir alle hatte sie der zerstörenden Wirkung des Alters widerstanden. Das Leid hatte sie gebrochen. Gepreßt murmelte ich, um nicht stumm zu bleiben: »Olga, du solltest deine Haarfarbe ändern, das ist doch ganz einfach.«
Wie sonst nahm sie meine Worte ernst. Ihr trauriges Lächeln schnürte mir das Herz ab.
»Leonid gefiel ich so, wie ich bin, und sonst habe ich niemanden, für den ich mich hübsch machen könnte.«
Mit Olga war Irina gekommen, ihre Tochter. Ungefähr fünfzehn Jahre hatte ich sie nicht gesehen, ich erinnerte mich ihrer als eines unberechenbaren, unscheinbaren Mädchens, das äußerlich und charakterlich Leonid glich. Früher hatte ich mich oft gewundert, wie wenig Besonnenheit, Ruhe, Fähigkeit, sich in beliebige Rätsel zu vertiefen, eiserne Entschlossenheit unter dem Mantel gütiger Höflichkeit Irina von ihrer Mutter geerbt hatte. Nun stand eine schlanke, gebräunte, impulsive Frau vor mir mit so großen schwarzen Augen, deren Weiß bläulich war, daß man schwer den Blick von ihnen abwenden konnte. Ich fand, daß sie noch mehr als früher Leonid ähnelte und nicht nur äußerlich. Heute, da sich schwerlich etwas wiedergutmachen läßt, erkenne ich, wie sehr ich mich in Irinas Charakter täuschte. In der langen Kette von Ursachen, die zu dem Unheil führten, hat auch dieser mein Fehler eine Rolle gespielt.
Ich umarmte Irina und sagte: »Ich habe deinen Vater sehr liebgehabt, Mädchen.«
Sie machte sich los und blitzte mich mit ihren Augen an. Die abgegriffene Wendung »mit den Augen anblitzen« ist in diesem Falle die einzig treffende, anders vermag ich mich nicht auszudrücken. Sie blitzte mich also an und antwortete unerklärlich herausfordernd: »Auch ich habe meinen Vater liebgehabt. Und ich bin kein Mädchen, mehr, Eli.«
Ich hätte über ihre Worte nachdenken, mich in ihren Ton hineinfühlen sollen, vieles wäre dann anders verlaufen. Aber Lussin und Trub näherten sich, und mir stand nicht der Sinn nach unberechenbaren Frauen. Lussin drückte mir kummervoll die Hand, der alte Engel schloß mich in die schwarzen Flügel. Die Unsterblichkeitsrezepte, die uns die Galakten eifrig verabfolgen, helfen meinen Freunden ebensowenig wie mir. Lussin hält sich prächtig, sein dürrer Körper hat zuviel Sehnen und Knochen und zuwenig Fleisch seinesgleichen altert lange nicht. Trub dagegen sieht wie ein Greis aus. Nie hätte ich gedacht, daß es ein so schönes Alter geben könne, ein so mächtiges Hinfälligwerden. Voller Zärtlichkeit spreche ich diese gegensätzlichen Worte »mächtig« und »Hinfälligwerden« aus, voller Schmerz sehe ich den toten Trub, als stehe er wie auf der Trauerfeier vor mir riesengroß, schwarzflüglig, mit grauem Haarschopf und dichtem grauem Backenbart…