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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Am späten Nachmittag saßen Jehuda und Benjamín am Rande des Teiches. Es war sehr heiß, doch hier schien die Hitze weniger drückend; sie kühlten die Füße im Wasser und erfreuten sich der Kühlung. Es war dies aber am zweitletzten Tage vor Jehudas Tod.

Und Jehuda bat: »Sag mir doch, mein junger, der Schrift und vielen andern Wißtums kundiger Don Benjamín: wie denken deine Lehrer, und wie denkst du selber über das Fortleben nach dem Tode?«

Don Benjamín schaute zu, wie die Mücken über dem Teich tanzten, sah ein Blatt ins Wasser fallen, schwimmen, ein wenig treiben. Legte sich seine Antwort zurecht. Sagte: »Es lehrt Unser Herr und Lehrer Mose Ben Maimon: Anteil an der Unsterblichkeit hat nur ›der erkennende Teil‹ des Menschen. Nur ›der erworbene Verstand‹ überlebt den Körper, nur jener kleine, edelste Teil der menschlichen Seele, der sich ehrlich und mit Erfolg um die Erforschung der Wahrheit bemüht hat. So lehrt Mose Ben Maimon.«

Er schwieg eine Weile, dann fügte er hinzu: »Aber im Talmud heißt es: Um des Friedens willen darf sogar die Wahrheit geopfert werden.«

Der Abend fiel ein. Benjamín verzögerte den Abschied. Doch der blasse, dünne Mond färbte sich stärker, und nun mußte er wohl gehen.

Jehuda und Raquel begleiteten ihn zum Tor. »Sei Friede mit euch«, sagte er. An der Biegung des leise ansteigenden Weges wandte er sich um. Im unsichern Licht flirrte die Inschrift Alafia, Heil, Segen. Jehuda und Raquel waren nicht mehr da. Immer heißer wurde die Gier des Volkes von Toledo, die Niederlage von Alarcos an den Schuldigen zu rächen. Nur wenige konnten sich dem heilig wilden Eifer entziehen, dessen die Luft voll war. Wo sich Juden außerhalb der festen Mauern der Judería sehen ließen, wurden sie mißhandelt; mehrere wurden erschlagen. Auch von den christlichen Arabern wurden einige übel zugerichtet. Strengere Schutzmaßnahmen waren geboten.

Die Königin berief Don Gutierre de Castro.

Sie habe Bedenken, eröffnete sie ihm süß und tückisch, die Sicherheit der vielen Bedrohten weiter kastilischen Offizieren anzuvertrauen; diese seien gereizt durch den Verlust von Brüdern und Söhnen und nicht geneigt, Menschen zu verteidigen, welche das Volk, zu Unrecht, für schuldig an dem Unglück halte. Es sei deshalb ein Aragonier wohl besser geeignet, Unruhen in der Stadt zu verhüten. »Tu du mir den Dienst, Don Gutierre!« verlangte sie. Sie schaute ihm mit den grünen Augen voll ins Gesicht und nestelte an ihrem Handschuh. »Ich weiß«, fuhr sie fort, »es ist keine leichte Aufgabe, und vielleicht wird es nicht möglich sein, unter den vielen Tausenden einen jeden zu schützen. Ich kann mir Fälle vorstellen, da man besser einen einzelnen preisgibt im Interesse der vielen Tausende.«

Der Castro dachte nach. Dann, auf seine langsame Art, antwortete er: »Ich glaube, ich verstehe dich, Dame. Ich will mein Bestes tun, mich deines Vertrauens würdig zu zeigen.« Er neigte sich tief und ehrerbietig und nahm, zärtlich geradezu, den Handschuh.

Kaum hatte der Castro die Königin verlassen, als ihr der Domherr gemeldet wurde. Jener wilde Unmut, der Don Rodrigue schon einmal zu ihr getrieben hatte, war nicht von ihm gewichen. Er sah mit Zorn und Schmerz, wie hilflos er war vor der wüsten Tollheit, welche die Stadt durchbrannte. Er mußte Doña Leonor von neuem mahnen und treiben.

In dringlichen Worten forderte er sie auf, die Unschuldigen zu schützen. Sie, mit fürstlich liebenswürdigem Vorwurf, erwiderte: »Glaubst du wirklich, mein sehr verehrter Vater und Freund, Gott habe eine so Unfähige auf den Thron von Kastilien gesetzt, daß sie einer solchen Mahnung bedarf? Was geschehen konnte, ist geschehen. Ich habe von der Aljama keinen einzigen Mann für die Stadtmauern verlangt, so daß die Juden ihre ganze starke Schutztruppe zur eigenen Verteidigung verwenden können. Im übrigen habe ich zu guter Vorsicht den Schutz aller Bedrohten den Aragoniern anvertraut, damit nicht etwa ein kastilischer Ritter mild und langsam gegen die Unruhestifter vorgehe. Hab ich dir’s recht gemacht, Don Rodrigue?«

Der Domherr wußte, daß sich der Zorn der Leute von Toledo vor allem gegen Don Jehuda richtete, und er hätte gern auch nach ihm gefragt. Am liebsten wäre er ins Castillo gegangen und nicht nur aus Freundschaft für Jehuda; immer heißer verlangte es ihn, mit dem weisen Musa die wüsten Dinge zu bereden, die sich ringsum ereigneten. Aber hatte er nicht zur Kasteiung für jene Menschlichkeit, die ihm in dieser Zeit untersagt war, sich’s auferlegt, das Castillo zu meiden? Und wenn er sich jetzt um Jehuda Sorgen machte, war dies nicht vielleicht nur ein Vorwand, ins Castillo zu gehen? Wenn einer, dann war der weltkundige Don Jehuda Manns genug, sich selber zu schützen. Überdies war es undenkbar, daß sich ein Kastilier vergreifen sollte an Leib und Habe eines Kronrats des Königs. Vor den fürstlichen, etwas spöttischen Augen Doña Leonors schien es ihm doppelt lächerlich, Angst um den Escrivano zu bezeigen. Er dankte der Königin für ihre Umsicht und ging. Don Gutierre de Castro, sich seines Auftrages wachsam und genau befleißend, vergewisserte sich zunächst, wie es um die christlichen Araber stand. Sie lebten in ihren gesonderten Quartieren um ihre drei Kirchen herum, zumeist kleine Leute. Es konnte die Menge kaum reizen, sich mit ihnen abzugeben, man hatte denn auch von ihnen abgelassen. Immerhin, ihre Mauern und Tore waren schwach, der Castro legte zwei Fähnlein in ihre Quartiere. Sodann überzeugte er sich von der Festigkeit der Mauern und Tore der Judería. Sie waren fest, ungeordnete Massen konnten sich hier schwerlich Eingang erzwingen. Trotzdem fragte der Castro den Párnas, ob er ihm welche von seinen Bewaffneten abgeben solle; Don Ephraim lehnte höflich dankend ab.

Die Judenviertel vor dem Tor waren geräumt, nur ein paar Alte und Kinder waren geblieben. In vielen der leeren Häuser hatten sich christliche Flüchtlinge einquartiert. Die Häuser, aus denen es etwas zu holen gab, waren geplündert. In der Synagoge war alles kurz und klein geschlagen. Auf dem Almemor, der Estrade, von der am Sabbat die Heilige Schrift verlesen wurde, hatte ein Spaßvogel eine Puppe aufgestellt, die Spottfigur eines alten Juden; der Castro lachte herzlich.

Gab es hier wenig für ihn zu tun, so schien ihm der übernommene Auftrag verfänglicher, wenn er vor dem Castillo stand.

Er stand dort oft. Viele standen oft dort. Da sie in die Judería nicht hineinkonnten und es nicht der Mühe wert war, über die paar kläglichen Verdächtigen außerhalb der Mauern herzufallen, lockte es die Leute von Toledo immer stärker, ihren heiligen kastilischen Zorn an dem üppigen Haus und seinen märchenhaften Schätzen auszulassen. Man mußte das frech glänzende Castillo in Trümmer schlagen. Man mußte den Betrüger und Verräter, der, eine schwarze Spinne, darin saß, fangen und zertreten, mitsamt seiner Tochter, der Hexe, die den König behext hatte. Das war ein gottgefälliges Werk und die rechte Labe für Herz und Gemüt in diesen trübseligen Zeiten. Der Castro fand also, wann immer er an dem Haus vorbeikam, Haufen Volkes, die gierig und gelockt die Mauern anstarrten.

Langsam und plump wälzten sich in dem Castro die Gedanken. War der Jud frech genug und wohnte noch in dem Haus? Der Jud war ein Feigling, aber eingebildet auf seine Stellung und ein Prahler, es konnte sehr wohl möglich sein, daß er noch da war. Das Haus gehörte ihm, dem Castro, es war das Castillo de Castro, seine Väter hatten es erobert vor hundert Jahren, von den Moslems. Es war nach wie vor sein, des Castro, Haus, das hatte auch Doña Leonor gesagt. Wenn erst der Krieg recht im Gang sei, hatte sie gesagt, dann werde man den Juden hinauswerfen. Mehr im Gang sein als jetzt konnte der Krieg schwerlich, und wenn die Schlacht verloren worden war, dann durch die Übeltaten des Juden, und es war unerträglich, daß sich dieser weiter frech in dem Castillo spreizte. Alle andern Juden, viele Tausende, waren bedroht wegen dieses einen Lumpen und Erzverräters. Nicht als ob es schad um sie gewesen wäre, aber er hatte nun einmal den Auftrag übernommen, sie zu retten, und Doña Leonor hatte ihm ausdrücklich befohlen, lieber einen einzelnen preiszugeben, als die Tausende zu gefährden.

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