Die Ordnung der Sterne über Como
- Автор: Zeiner Monika
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Blumenbar
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Ordnung der Sterne über Como». Краткое содержание книги:
«Mister«, Klopfen,»sorry, but you can’t smoke here, please.«
«Mister «hört sich gut an, muss er denken.»Yes!«, sagt er. Leider hat er keine Ahnung, wo er die Zigarette ausdrücken könnte, aber Marina streckt ihm ein Porzellanschälchen herein.
«Thank you!«
Plötzlich glaubt er zu wissen, was Nietzsche mit seiner Wiederkehr gemeint hat. Er drückt die Zigarette ins Porzellanschälchen. Die Erinnerung. Dieses leiernde, immer dasselbe abspielende Erinnerungsvermögen des Menschen. Diese alte, abgenudelte, auf dem kreisenden Plattenteller des Gedächtnisses immer an einem Punkt hängen bleibende Langspielplatte.
Vor dem Vorhang räuspert sich leise Marina. Unter dem Spalt hindurch sieht er ihren Schatten, der sich zögernd entfernt. Schon wieder hätte er große Lust zu rauchen, aber weil er hier ist, um Kleider einzukaufen, entschließt er sich, endlich eine der Hosen anzuziehen. Er zieht sie an, er zieht sie wieder aus, zieht die nächste an, zieht sie aus, setzt sich wieder auf seinen Hocker und starrt in sein Spiegelbild und fragt sich auf einmal, ob Betty ihn überhaupt erkennen wird. Plötzlich fürchtet er den Augenblick des Wiedersehens, das kurze Erschrecken ihrerseits, das sie, was ihm nicht entgehen wird, schnellstens zu verbergen suchen wird hinter höflichen Gesten, Fragen.
Er betastet sein Gesicht. Der Übergang vom Kinn zum Hals droht bereits konturlos zu werden, obwohl er abgenommen hat im letzten halben Jahr, aber dennoch verwischen die Linien. Er nimmt sich vor, nicht zu trinken bis Neapel. Er nimmt sich vor, auch mal Salat zu essen. Er probiert eine weitere Hose an. Wieder beugt Marina den Kopf herein. Sie hat Kämmchen im Haar und eine Lücke zwischen den Schneidezähnen (wie Hedda), denkt er, darüber hinaus diese heisere Stimme, Flamencostimme, die aber nicht zu ihrer Haarfarbe passt.
«Singen Sie?«, fragt er.
«Pardon?«
«Do you sing?«, fragt er.
Sie lacht, schüttelt den Kopf.
«Schade«, sagt er, während sie ihn am Handgelenk nach draußen ins Licht zerrt, vor einen hohen Spiegel, der sicherlich schlank machen soll, es aber nicht tut. Sie zupft und zerrt, an seinem Hintern, an den Hosenbeinen, und wie sie so kniet, kann er in ihren Ausschnitt schauen. Nicht allein deshalb probiert er viele weitere Hosen an, an diesem Nachmittag, er probiert fast alle Hosen dieser Boutique, so kommt es ihm vor, durch, weil Marina alle Hosen dieser Boutique nach und nach anbringt und sagt, dass er sie anprobieren soll, und er kann ihr nichts abschlagen, außerdem ist es vergleichsweise angenehm in der Boutique, klimatisiert, vergleichsweise leer, und Marina kümmert sich um ihn, sie zupft an ihm und nestelt, und er ist nicht allein.
Die Jahre mit Marc aber, denkt er einmal, als er seine Beine mit dunklen Jeans im Spiegel betrachtet, waren die Zeit, da ihm die Zukunft wie ein strahlender Morgenaufgang unter der Türritze entgegenleuchtete. Aber Marina, wie sich später herausstellt, heißt übrigens Claudia.
SILVAPLANA
«Immer noch Musil?«, fragte Marc. Tom, fast erleichtert, dass die Warterei zu Ende und die Gegenwart in Form seines Freundes eingetroffen war, klappte das Buch zu, in dem er nicht gelesen hatte, nickte und sah den Schwaden von Marcs Zigarette hinterher, die an ihm vorüberzogen in Richtung See. Mückenschwärme hingen über dem Wasser. Scheinbar unbewegt.
Ob es gut gewesen sei in Luzern, wollte Betty von Marc wissen, indem sie ihm eine Haarsträhne von der Wange strich, und Tom, der nur mit einem kurzen Seitenblick hingesehen hatte, fragte sich, wo die Unschuld herkam, mit der sie aus ihren länglichen Bernsteinaugen offen, fast zärtlich herausschaute.
Marc, erhitzt von der Fahrt, wollte zuerst ins Wasser.»Was ist? Kommt jemand mit?«Betty und Tom zeigten sich unschlüssig. Ein Ins-Wasser-Gehen erschien ihnen irgendwie nicht angebracht. Daher blieben sie sitzen, kneteten Gräser in ihren Händen, während Marc sich bis auf die Shorts auszog. Als er zum Ufer ging, betrachtete Tom seinen schmalen weißen Rücken, die knapp schulterlangen Haare darüber und den halbrunden Streifen dunklerer Haut, wo der Ausschnitt des T-Shirts verlief. Viel zu nah spürte er die Anwesenheit Bettys neben sich, obwohl Marcs leerer Platz zwischen ihnen lag, Leere aus Sand, aus Grasbüscheln, einem verblichenen Capri-Eispapier, das Tom jetzt aufhob, in seinen Fingern drehte, um sie zu beschäftigen. Dennoch entgingen ihm nicht Bettys Arme, die Knie, die goldenen Flaumhärchen.
Weil sie, wie vereinbart, zum Wandern ins Engadin hinaufwollten, bauten sie die Zelte ab, in denen niemand geschlafen hatte. Aber Marc legte auf dem staubigen Parkplatz den Arm um Toms Schulter, bezog die in der Luft liegende Sentimentalität offenbar auf den Abschied, während sie, ans Auto gelehnt, rauchend ein letztes Mal auf die Spiegelscherbe des Sees hinaussahen und auf Betty warteten, die noch aufs Klo gegangen war.
Tom fuhr, und Marc saß vorn neben ihm und erzählte von Luzern. Von der Stadt, von der schweizerischen Makellosigkeit, dass man dort eigentlich gar keine Neue Musik spielen könne.
«Und dein Quartett?«, fragte Tom.
«Gute Musiker, Schweizer«, sagte Marc. Dann schwiegen sie. Die Serpentinen des Malojapasses krochen sie im zweiten Gang hinauf, das Auto röhrte. Sonnenlicht strömte ins offene Fenster, über Marcs Knie, die fast vorn an der Ablage anstießen. Das Vanillebäumchen pendelte, schlug an den Rückspiegel, darin eingerahmt war Betty mit dem Blick aus dem Fenster. Ein riesiger Lastwagen, dessen Fahrer die Kurven offenbar gewohnt war, donnerte herab, schleifte ein dröhnendes Hupen hinter sich her. Und die hereinströmende Luft wurde dunkler. Marc schloss das Fenster. Über den Gipfeln bedeckte sich der Himmel mit Wolken, als hätte er genug davon, ständig angeglotzt zu werden.
Als sie in Silvaplana ankamen, dämmerte es schon. Sie parkten das Auto auf einem leergefegten Platz nahe der Kirche, stiegen aus, fröstelnd in ihren Sommer-T-Shirts wie Südsee-Urlauber in Februarkälte zurück auf dem heimischen Flughafen. Sie zogen ihre Jacken aus dem Kofferraum, liefen unschlüssig durch die gereinigten Straßen, vom Wind geschoben. Am Ende jeder schmalen Gasse stand mit verschränkten Armen das Bergmassiv, über den Gipfeln aber brannten, rauchten die Wolken.
«Morgen wird es schön«, sagte Marc,»wir können wandern. «Sein Gesicht vor dem Himmel war dunkel und weich im schrägen Gegenlicht, flatterndes silbriges Haar, und Tom würde es aufbewahren in seinem Gedächtnis, auch dieses Bild im Halblicht, als eines der letzten Marc-Bilder in riesiger Vergrößerung, was er da noch nicht wissen konnte, weil es nichts Ferneres, nichts Ungewisseres, Fremderes gibt als die nächste eigene Zukunft, das nächste eigene» morgen«, das zeitlich so nah, dem Einzelnen aber unendlich fern ist, ferner, weil unbekannter und geheimer als die entlegensten Jahrhunderte im alten Ägypten, Jahrtausende in den Wäldern des Holozän.
Die Suche der Unterkunft gestaltete sich, wie erwartet, schwierig. Das Dorf lag verschlossen und versiegelt. Sie klingelten an mehreren Häusern. Schließlich antwortete ein krachendes Geräusch aus einer Gegensprechanlage: Eigentlich nicht, war die Auskunft, eigentlich wirklich nicht, weil ja keine Saison sei, aber wenn sie folgenden Preis bezahlten und so fort, dann, so die Hausfrau, richte sie die Zimmer im oberen Stock, mit Dusche und WC auf dem Flur, Panoramablick.
Während er in seinem Einbett-Zimmer unter dem Dach stand und den teuer bezahlten Panorama-Blick nutzte, indem er in das Nachleuchten des verglühenden Tages über dem schattenhaften Bergmassiv starrte, wartete Tom, dass es bitte vorüberginge, ohne zu wissen, was es eigentlich genau war, das vorübergehen sollte. Als die Nacht alles in Dunkelheit erstickt hatte, hörte er Schritte, Knarren der Dielen, und mit geschlossenen Augen wünschte er sich Betty, ohne es zu wollen. Betty, nur für einen Moment, ihre Hand vielleicht, das kurze Hüpfen ihres Mundwinkels unmittelbar vor einem Lächeln mit gesenktem Kopf, wie es auf ihrem Gesicht vorkam, wenn er einen Witz gemacht hatte, den sie nicht wirklich gelungen fand. Aber es war Marc. Er blieb neben ihm am Fenster stehen, und sie standen, wie sie schon oft schweigend nebeneinander an Fenstern gestanden hatten, obwohl man draußen gar kein Panorama mehr sah. Marc bot ihm eine Zigarette an.