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Die Elfensteine von Shannara

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Die Elfensteine von Shannara
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Seine Stimmung verdüsterte sich. Auch mit Arion war es so —ganz besonders mit Arion. Zwischen ihnen stand eine Wand der Entfremdung, die er nie richtig verstanden hatte; sie hätte vielleicht zum Einstürzen gebracht werden können, wäre einer von ihnen fähig gewesen, darüber zu sprechen. Doch keiner von beiden hatte es je versucht. Und jetzt war es natürlich noch schlimmer geworden. Arion war zornig über das, was sich auf der Sitzung des Hohen Rates zugetragen hatte; war zornig über Andors Bereitwilligkeit, Amberle als rechtmäßige Überbringerin des Ellcrys-Samens anzuerkennen, und über seine Weigerung, von ihr, wie Arion das für richtig hielt, Rechenschaft für ihr Tun zu verlangen; und so lehnte er es nun ab, auch nur ein Wort mit seinem Bruder zu wechseln. So viel Bitterkeit gärte in Arion! Doch es war eine Bitterkeit, die Andor verstand. Als Amberle damals Arborlon verlassen hatte, ohne Erklärung ihre Pflichten als eine der Erwählten im Stich gelassen hatte, da hatten beide Brüder diese Bitterkeit erfahren — er so sehr wie Arion, denn auch er hatte das Kind geliebt. Allzulange aber hatte er sich von dieser Bitterkeit blenden lassen. Erst als er sie wiedergesehen hatte, war es ihm vergönnt gewesen, einen Teil der früheren Gefühle, die er ihr entgegengebracht hatte, wiederzuentdecken. Gern hätte er das alles Arion erklärt; er hatte das Bedürfnis, es ihm zu erklären. Doch es schien keinen Weg zu geben.

Er fuhr zusammen, als er sich plötzlich bewußt wurde, daß Allanon neben ihm stand. Der Druide war geräuschlos aus dem Nichts aufgetaucht, nicht einmal ein Rascheln der schwarzen Gewänder, die seine Gestalt einhüllten, hatte ihn verraten. Das von der Kapuze beschattete Gesicht blickte Andor einen Moment lang an, dann wandte Allanon sich an den König.

»Ihr schlaft nicht?«

Eventine wirkte zerstreut. »Nein. Noch nicht.«

»Ihr müßt aber ruhen, Elfenkönig.«

»Bald. Allanon, glaubt Ihr, daß Amberle noch am Leben ist?«

Andor stockte der Atem, und er warf einen scheuen Blick auf den Druiden. Allanon besann sich einen Augenblick, bevor er antwortete.

»Sie ist am Leben.«

Als er darauf wiederum schwieg, sah Eventine ihn von der Seite an.

»Wie könnt Ihr das so bestimmt wissen?«

»Ich kann es nicht wissen; aber ich glaube es.«

»Weshalb glaubt Ihr dann, daß sie noch am Leben ist?«

Der Druide hob den Kopf, und die tief eingesunkenen Augen blickten gen Himmel.

»Weil Wil Ohmsford die Elfensteine noch nicht eingesetzt hat. Wäre Amberles Leben in Gefahr, so würde er sich der Kraft der Steine bedienen, um sie zu schützen.«

Andor runzelte die Stirn. Die Elfensteine? Wil Ohmsford? Was hatte das alles zu bedeuten? Dann fiel ihm die zweite vermummte Gestalt im Ratssaal ein, die mit Allanon und Amberle eingetreten war und sich nicht geoffenbart hatte. Das mußte Wil Ohmsford gewesen sein. Hastig wandte er sich nach Allanon um. Fragen formten sich auf seinen Lippen. Doch er sprach sie nicht aus. Statt dessen wandte er sich wieder ab. Vielleicht war es besser, dachte er, diese Fragen nicht zu stellen. Wenn Allanon ihn mehr hätte wissen lassen wollen, dann hätte er von selbst gesprochen. Warum aber hatte der Druide überhaupt etwas erwähnt?

Verwirrt starrte er in die wilde Einöde der Rauhen Platte hinaus. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, und ihre leuchtenden Farben verschmolzen langsam mit den Schatten der Nacht.

»Am Eingang zum Paß sind Wachfeuer aufgeschichtet worden«, murmelte Eventine. »Ich muß den Befehl geben, sie zu entzünden.«

Wieder schritt er in die Klamm hinunter, und Andor blieb mit Allanon allein zurück. Schweigend standen sie beide da, reglose Gestalten in der heranbrechenden Dunkelheit, und blickten dem alten König nach, der über Fels und Geröll abwärts wanderte. Die Minuten verrannen. Andor glaubte schon, Allanon hätte ihn vergessen, da schwebte plötzlich die Stimme des Druiden durch die Stille.

»Möchtet Ihr mehr über Wil Ohmsford wissen, Elfenprinz?«

Andor starrte den großen Alten verwundert an und nickte dann erstaunt.

»Gut.« Allanon sah ihn nicht an. »So hört.«

Leise erzählte er Andor von Wil Ohmsford — von seinem Erbe und seinem Auftrag. Erinnerungen kamen dem Elfenprinzen an Berichte seines Vaters von den beiden Talbewohnern Shea und Flick Ohmsford und von ihrer Suche nach dem legendären Schwert von Shannara. Und nun war Sheas Enkel, zauberischer Kräfte teilhaftig, die keinem Elf seit der Vernichtung der Alten Welt zugänglich gewesen waren, zu Amberles Beschützer berufen worden.

Als der Druide zum Ende kam, schwieg Andor lange Zeit. Schweigsam blickte er in die Schatten, in die sein Vater eingetaucht war, und dachte über das Gehörte nach. Dann hob er den Kopf und blickte den Druiden wieder an.

»Warum habt Ihr mir das erzählt, Allanon?«

»Das ist etwas, was Ihr wissen solltet.«

Andor schüttelte langsam den Kopf.

»Nein — ich meine, warum gerade mir?«

Da endlich wandte der Druide sich um und sah ihn an. Das Raubvogelgesicht war kaum zu erkennen im Schutz der Kapuze.

»Aus vielen Gründen, Andor«, sagte er leise. »Vielleicht, weil Ihr Euch für Amberle entschiedet an jenem Abend, als kein anderer im Hohen Rat für sie Partei ergreifen wollte. Vielleicht deshalb.«

Seine schwarzen Augen ruhten lange unverwandt auf Andor, dann wandte er sich wieder ab.

»Ihr solltet jetzt ruhen. Auch Ihr solltet schlafen.«

Andor nickte, in Gedanken weit fort. Hatte der Druide wirklich seine Frage beantwortet? Er streifte Allanon mit einem kurzen Blick. Das dunkle Gesicht verriet keine Regung. Und als Andor wenig später noch einmal den Kopf erhob, um den Druiden forschend zu betrachten, war dieser verschwunden.

30

Der Tag brach an, und dichte graue Nebelschwaden überzogen da: Gebiet der Rauhen Platte. Unbewegt und undurchdringlich hingen sie wie Totenschleier über der Erde. Die Nacht schlich davon, als das bleiche, silberne Licht des Sonnenaufgangs über dem Grimmzacken-Gebirge zu schimmern begann; und als die Nacht endgültig gewichen war, erwachten die Nebel. In trägen, schweren Wellen brandeten sie kreiselnd gegen die Bergkette. Schneller und schneller drehten sie sich, während sie an Hängen und Wänden emporstiegen, bis es schien, als müsse der Fels in ihren weißen Wogen untergehen. Hoch oben, in der von Berggipfeln überschatteten Abgeschlossenheit des Halys-Jochs, stand Andor Elessedil mit seinem Vater und Allanon, von den Soldaten der Leibwache umringt, und blickte in die Tiefe hinab. Dort richtete das Heer der Elfen sich darauf ein, den Paß gegen den Ansturm der Dämonen-Horden zu verteidigen. Reihen von Bogenschützen, Lanzern und Pikenieren versperrten die Klamm, die sich zur Rauhen Platte hinaus öffnete. Ihre Waffen kampfbereit in den Händen, spähten die Soldaten angespannt in den Nebel hinaus, der in dichten Schwaden vor der Öffnung des Passes brodelte. Aus diesem kochenden Nebel mußten die Dämonen auftauchen, aber noch war nichts von ihnen zu sehen. Die Zeit verstrich, und noch immer ließ der Angriff auf sich warten; die Soldaten begannen unruhig zu werden. Andor spürte, wie ihr Unbehagen sich wie das seine langsam in Furcht wandelte.

»Seid unverzagt; habt keine Furcht!« erscholl plötzlich Allanons Stimme, und alle Augen wandten sich dem schwarzgekleideten Druiden zu. »Es sind nur Nebelschwaden, wenn auch von Dämonen gesandt. Habt Mut! Die Mauer der Verfemung wankt schon; die Dämonen werden jeden Augenblick hinter ihr hervorbrechen!«

Noch immer drehten sich die Nebel vor dem Eingang des Passes, als hielte eine unsichtbare Sperre sie auf. Tiefe Stille hing über dem Land. Andors Hände zitterten, als er die Stange ergriff, von der schlaff das Banner des Hauses Elessedil herabhing, und er mühte sich stumm, das Beben zu unterdrücken.

Dann wurden plötzlich Schreie laut, fern und gespenstisch, als stiegen sie aus den Tiefen der Erde auf. Im weißen Nebel sprangen Zungen roten Feuers aufwärts zu dem noch immer dunklen Morgenhimmel, und der brodelnde Dunst schien sich in gewaltigen Wogen zu heben und zu senken. Die Schreie wurden lauter, gingen in ein schrilles, wütendes Kreischen über, das von Wahnsinn erfüllt war. Stetig schwollen sie an, bis sie sich zu einem einzigen gellenden Schrei ohne Ende vereinten, dersich aus dem wüsten Ödland der Rauhen Platte in den schmalen Hohlweg am Halys-Joch ergoß.

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