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Der Idiot

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Der Idiot
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Aber hatte er seine Bestätigung gefunden? Hatte er sich als richtig erwiesen? Wodurch war bei ihm wieder dieses Zittern hervorgerufen, dieser kalte Schweiß, diese seelische Finsternis und Kälte? Dadurch, daß er soeben wieder diese »Augen« gesehen hatte? Aber er war ja aus dem Sommergarten einzig und allein in der Absicht dorthin gegangen, sie wiederzusehen! Darin hatte ja sein »plötzlicher Gedanke« bestanden. Er hatte ein dringendes Verlangen verspürt, diese »Augen von vorhin« wiederzusehen und festzustellen, ob er ihnen dort, bei diesem Haus, wiederbegegnen werde. Das war ein krampfhaftes Verlangen bei ihm gewesen; warum war er also jetzt so bestürzt und niedergeschlagen darüber, daß er sie wirklich soeben gesehen hatte? Als ob er es nicht hätte erwartet gehabt! Ja, das waren eben dieselben Augen (und daran, daß es eben dieselben waren, konnte jetzt nicht mehr der geringste Zweifel bestehen), die ihn am Morgen aus der Menschenmenge angefunkelt hatten, als er aus dem Waggon der Nikolai-Bahn ausgestiegen war; dieselben (ganz dieselben!), deren auf ihn von hinten her gerichteten Blick er nachher aufgefangen hatte, als er sich in Rogoschins Wohnung auf einen Stuhl setzte. Rogoschin hatte es vorhin abgestritten: »Wessen Augen waren denn das?« hatte er mit einem verzerrten, eisigen Lächeln gefragt. Und noch vorhin auf dem Zarskojeseloer Bahnhof, als er in den Waggon stieg, um zu Aglaja zu fahren, und auf einmal wieder, schon zum drittenmal an diesem Tag, diese Augen erblickte, hatte der Fürst die größte Lust gehabt, zu Rogoschin heranzutreten und ihm zu sagen, »wessen Augen es gewesen seien!« Aber er war aus dem Bahnhof weggelaufen und erst vor dem Laden eines Messerschmiedes wieder zur Besinnung gekommen, in dem Augenblick, als er dort stand und einen Gegenstand mit einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken taxierte. Ein seltsamer, schrecklicher Dämon hatte ihn endgültig gepackt und wollte ihn nicht mehr loslassen. Dieser Dämon hatte ihm im Sommergarten, als er selbstvergessen unter einer Linde saß, zugeflüstert: wenn Rogoschin es für so nötig halte, ihn vom frühen Morgen an zu verfolgen und auf Schritt und Tritt zu beobachten, so werde er, nun er gesehen habe, daß der Fürst nicht nach Pawlowsk fahre (was natürlich für Rogoschin eine Erkenntnis von ausschlaggebender Bedeutung war), jedenfalls »dorthin« gehen, zu jenem Haus in der Peterburgskaja, und ihm, dem Fürsten, auflauern, der ihm noch am Morgen sein Ehrenwort darauf gegeben habe, daß er sie nicht aufsuchen wolle, und daß er nicht zu diesem Zweck nach Petersburg gekommen sei. Und nun hatte es den Fürsten krampfhaft nach jenem Haus hingezogen; was war nun Auffälliges dabei, daß er tatsächlich dort Rogoschin getroffen hatte? Er hatte nur einen unglücklichen Menschen gesehen, dessen Seelenstimmung düster, aber sehr begreiflich war. Dieser unglückliche Mensch suchte sich jetzt auch gar nicht mehr zu verbergen. Ja, Rogoschin hatte es vorhin in seiner Wohnung aus irgendeinem Grund abgestritten und geleugnet; aber auf dem Zarskojeseloer Bahnhof hatte er, fast ohne sich verstecken zu wollen, dagestanden. Derjenige, der sich verbarg, hatte dort eher der Fürst zu sein geschienen als Rogoschin. Aber jetzt bei dem Haus hatte er auf der andern Seite der Straße schräg gegenüber in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten mit verschränkten Armen auf dem Trottoir gestanden und gewartet. Hier war er schon vollständig sichtbar gewesen und hatte dies anscheinend auch absichtlich gewollt. Er hatte dagestanden wie ein Ankläger und wie ein Richter, und nicht wie ... Ja, nicht wie wer?

Aber warum war denn er, der Fürst, jetzt nicht selbst an ihn herangegangen, sondern hatte sich von ihm abgewandt, wie wenn er nichts bemerkt hätte, obwohl doch ihre Blicke einander begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren einander begegnet, und sie hatten sich wechselseitig angesehen.) Er hatte ja selbst vorhin beabsichtigt, ihn bei der Hand zu nehmen und mit ihm zusammen »dorthin« zu gehen. Er hatte ja selbst morgen zu ihm gehen und ihm sagen wollen, daß er bei ihr gewesen sei. Er hatte sich ja, während er noch dorthin ging, auf der Hälfte des Weges, als auf einmal die Freude seine Seele erfüllte, selbst von seinem Dämon losgemacht. Oder lag in Rogoschin, das heißt in der ganzen heutigen Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen, Handlungen und Blicke, wirklich etwas, was die schrecklichen Ahnungen des Fürsten und die aufregenden Einflüsterungen seines Dämons rechtfertigen konnte? Etwas, was sich von selbst dem Auge aufdrängt, aber schwer oder unmöglich zu definieren und darzulegen und mit hinreichenden Gründen zu beweisen ist, aber doch trotz all dieser Schwierigkeit und Unmöglichkeit einen starken, unwiderstehlichen Eindruck macht, der unwillkürlich in eine volle Überzeugung übergeht ...?

Eine Überzeugung wovon? (Oh, wie quälte den Fürsten »das Ungeheuerliche«, »das Unwürdige« dieser Überzeugung, »dieser unwürdigen Ahnung«, und wie klagte er sich selbst an!) »Sage doch, wenn du es wagst, wovon du überzeugt bist!« sagte er fortwährend vorwurfsvoll und herausfordernd zu sich selbst; »formuliere es; wage es, deinen Gedanken vollständig auszusprechen, deutlich, genau, ohne Schwanken! Oh, ich bin ein Ehrloser!« so schalt er sich immer wieder voll Unwillen und mit der Röte der Scham im Gesicht; »mit welchen Augen werde ich jetzt mein ganzes Leben lang diesen Menschen ansehen! Oh, was ist das für ein Tag! O Gott, welch ein beklemmendes Gefühl!«

Am Ende dieses langen, qualvollen Weges von der Peterburgskaja gab es einen Augenblick, wo den Fürsten auf einmal ein unbezwingliches Verlangen ergriff, sofort nach Rogoschins Wohnung zu gehen, ihn dort zu erwarten, ihn voller Scham mit Tränen zu umarmen, ihm alles zu sagen und die ganze Sache mit einemmal zu Ende zu bringen. Aber er stand schon vor seinem Gasthof ... Wie sehr hatte ihm heute früh auf den ersten Blick dieser Gasthof mißfallen, diese Korridore, dieses ganze Haus, seine eigenen Zimmer; mehrmals im Laufe des Tages hatte er sich mit besonderem Widerwillen daran erinnert, daß er wieder dahin zurückkehren müsse ... »Aber was ist denn nur mit mir? Ich glaube ja heute wie ein krankes Weib an jede Ahnung!« dachte er nervös und spöttisch, während er im Tor stehenblieb. An eines der Vorkommnisse dieses Tages erinnerte er sich jetzt ganz besonders; aber er tat dies »kaltblütig«, »mit klarem Urteil« und »ohne Beklemmung«. Es fiel ihm plötzlich das Messer ein, das vorhin bei Rogoschin auf dem Tisch gelegen hatte. »Aber warum sollte eigentlich Rogoschin auf seinem Tisch nicht so viele Messer liegen haben, als ihm irgend beliebt?« sagte er, verwundert über sich selbst; und starr vor Staunen erinnerte er sich plötzlich daran, wie er vorhin vor dem Laden des Messerschmiedes stehengeblieben war. »Aber was kann denn da für ein Zusammenhang bestehen!« wollte er ausrufen, sprach aber diesen Gedanken nicht bis zu Ende aus. Ein neuer, unerträglicher Anfall von Schamgefühl, ja fast von Verzweiflung hielt ihn auf seinem Platz, dicht beim Eingang in den Torweg, festgebannt. Er blieb einen Augenblick stehen. Das ist eine nicht seltene Erscheinung: durch unerträgliche, plötzliche Erinnerungen, besonders wenn sie mit dem Gefühl der Scham verknüpft sind, werden die Menschen gezwungen, einen Augenblick auf demselben Fleck stehenzubleiben. »Ja, ich bin ein herzloser Mensch und ein Feigling!« sagte er sich mit düsterer Miene und setzte sich mit einem plötzlichen Ruck wieder in Bewegung, um weiterzugehen; aber ... er blieb von neuem stehen.

In diesem ohnehin schon dunklen Torweg war es jetzt ganz finster; die heraufgezogene Gewitterwolke hatte die Abendhelle verschlungen, und gerade zu der Zeit, wo der Fürst sich dem Haus näherte, öffnete sich die Wolke auf einmal und schüttete ihren Regen herab. In dem Augenblick, als der Fürst nach dem kurzen Stehenbleiben sich ruckartig wieder in Bewegung setzte, befand er sich am Anfang des Torwegs, da, wo man von der Straße aus in den Torweg eintrat. Und plötzlich erblickte er in der Tiefe des Durchgangs im Halbdunkel, da, wo es die Treppe hinaufging, einen Menschen. Dieser Mensch schien auf etwas zu warten, huschte aber schnell davon und war verschwunden. Diesen Menschen hatte der Fürst nicht deutlich sehen können und hätte schlechterdings nicht mit Sicherheit sagen können, wer es gewesen war. Zudem kamen hier so viele Menschen vorbei; es war eben ein Gasthaus, und auf den Korridoren war ein ewiges Kommen und Gehen. Aber er fühlte auf einmal die volle und unwiderlegliche Überzeugung, daß er diesen Menschen erkannt habe, und daß dieser Mensch bestimmt Rogoschin war. Einen Augenblick darauf eilte der Fürst ihm nach, die Treppe hinauf. Das Herz stand ihm still. »Jetzt wird sich sogleich alles entscheiden!« sagte er bei sich mit seltsamer Sicherheit.

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