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Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.

Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:

Herausragende Erzählungen internationaler Autoren, u.a. aus Australien, den USA, Polen und den Niederlanden. Stories, die mit den renommiertesten Preisen des Genres - dem NEBULA und dem HUGO AWARD - ausgezeichnet wurden.
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Selbst unter den Bettlern gab es Kastenunterschiede. Die niedrigsten waren diejenigen, die nicht aus dem Gedächtnis rezitierten, sondern die nichts weiter als Sprecher für ihre Gehirnimplantate waren. Sie hofften, das wußte sie, auf eine Arbeit, und manche mochten sie sogar finden. Allerdings wären ihre Arbeitgeber alles andere als ehrbare Bürger. Ihr Leben würde in der Welt der zwielichtigen Geschäfte weniger schmerzhaft aber deutlich kürzer sein.

Ein alter Mann erregte ihre Aufmerksamkeit. Seine helle, wohlklingende Stimme hob sich über das Gemurmel der anderen Bettler, während er über die Religionen vieler Welten und über die Gemeinsamkeiten ihrer Wege zur Erleuchtung sprach. Er war blind, bemerkte Ashara. In seinen eingefallenen Augenhöhlen war ein rosafarbener Schimmer zu sehen. Sein Bart war lang und grau und mit schwarzem Schmutz besprenkelt. Er hatte tiefe Falten im Gesicht, und auch in ihnen klebte Schmutz. Und er stank. Aber seine Stimme war rein und klar wie die eines Kindes.

Ashara hockte sich hin und hörte ihm zu. Nach einer Weile hielt er inne. Er neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Ashara an, obwohl er sie unmöglich gesehen haben konnte.

»Hat dir meine Geschichte gefallen, Kleines?« fragte er.

»Nein«, erwiderte sie nur.

»Warum nicht? Ist die Erleuchtung nicht ein erstrebenswertes Ziel?«

Vielleicht war es als Scherz gemeint, aber Ashara dachte ernsthaft darüber nach. »Nein«, sagte sie.

»Ah, so etwas auch. Du bist doch keine Ungläubige?«

»Mein Herr erlaubt mir keinen Glauben. Und ich darf keinem Philosophen zuhören.«

»Ach, so ist das. Darf ich fragen, wie alt du bist?«

»Zwölf.« Trotzig.

»Weißt du etwas über die Heiligen, die in Klöstern leben?«

Ashara schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr ein, daß er sie nicht sehen konnte, und sie sagte nein. Sie biß in ihre Frucht und kostete beglückt den süßen Geschmack auf der Zunge, dann bedauerte sie ihre Gedankenlosigkeit. Sie zerbrach die Frucht in zwei Teile und drückte dem alten Bettler eine Hälfte energisch in die Hand.

»Danke, meine Tochter. Sag mir, siehst du das Haus am Ende des Boulevards? Es ist sehr weit entfernt, ein Gebäude wie ein grünes Juwel. Selbst du mit deinen jungen Augen mußt dich wohl anstrengen, um es zu erkennen.«

Sie strengte sich an. Vor dem hellen, klaren Himmel, viele Kilometer den pfeilgeraden Boulevard hinunter sah sie etwas, das ein grüner Fleck sein konnte, über dem ein dunkler Turm aufragte. Um den alten Mann nicht zu enttäuschen, sagte sie ihm, sie könne es sehen. Er nickte erfreut und setzte sich. Jetzt mischte sich Fruchtsaft in die anderen Flecken auf seinem Bart.

»Du weißt sicher von den Welten der Menschen. Wir besiedelten weite Teile der Galaxis. Aber unsere Schiffe würden ohne Hilfe Jahrtausende brauchen, um zwischen den Welten zu reisen. Ohne Hilfe wäre unsere Ausbreitung nicht möglich gewesen. Die Heiligen jedoch können ihre Gedanken in Windeseile fliegen lassen, so schnell, wie eine Wellenfunktion braucht, um in sich zusammenzubrechen. Die Novizen, die die Heiligkeit erreichen, haben einen Wunsch frei, und sie besitzen genug Weisheit und Disziplin, um ihren Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.«

»Heilige? Ich habe von ihnen gehört, aber ich dachte, das wären nur Geschichten.«

»Es sind schreckliche Geschichten, aber sie sind wahr. Die Heiligen suchen den Weg zur tiefsten Erleuchtung, um die Einheit mit den tiefsten Tiefen der Realität zu erlangen.«

»Wer sind sie, Meister?«

»Ich bin nicht dein Meister, Kleines.« Der alte Bettler lachte leise, und es klang fast wie ein Schluchzen. »Jeder kann versuchen, ein Heiliger zu werden. Aber für jene, die sich diesem Ziel nähern, sind die Konsequenzen des Scheiterns – nicht gerade unbedeutend.« Er legte einen Moment eine Hand aufs Gesicht, auf die Stelle, wo seine Augen hätten sein sollen.

Ashara sah seine Geste nicht. Sie blickte in die Ferne und versuchte Einzelheiten des smaragdgrünen Klosters zu erkennen, das sich in der Ferne am Ende des Boulevards verlor.

»Ich muß gehen«, sagte sie und überließ den Bettler, der verstummt war, seinen Grübeleien.

Nachdem sie stundenlang über das kalte blaue Kristall der Straße gewandert war, während die Luft immer heißer wurde, nachdem sie sich stundenlang durch das Gedränge der vornehm gekleideten Bürger einen Weg gebahnt hatte, nachdem sie an den gewaltigen Steinsäulen, die wie himmelwärts gereckte Arme geformt waren, vorbei war, erreichte sie das reich verzierte Kloster. Es bestand aus smaragdgrünem und gelbem Stein, und obwohl kleiner als die benachbarten Gebäude, kam es Ashara beeindruckend und bedeutend vor. Sie umrundete die Mauer, bis sie ein grün strahlendes Tor erreichte. Man mußte sie einfach aufnehmen, denn inzwischen wurde sie bestimmt schon im Haus ihres Herrn vermißt. Sie war nicht sicher, mit welcher Strafe sie deshalb rechnen mußte. Mindestens eine Amputation und schmerzhafte Halluzinogene.

Als sie nun also vor dem Tor wartete, war sie sehr entschlossen. Trotz ihrer ärmlichen, leichten Kleidung, ihrer nackten Füße und ihres ungekämmten Haars stand sie aufrecht und blickte mit klaren, ruhigen Augen in die Zukunft.

Die Torautomatik forderte sie auf, ihr Begehren zu nennen.

»Ich will eine Heilige werden«, sagte sie.

Ihr Name war Ashara, und sie war zwölf Jahre alt. Aber dies war der Wendepunkt ihres Lebens.

»Wer bist du? Wie alt bist du?«

»Ich bin Zenshara, und ich bin so alt wie der Kosmos.«

So nannte sie sich jetzt selbst, und sie gab die Antwort, die man von ihr verlangte, ohne Hintergedanken. Sie kam sich überheblich und dumm vor, aber es schien irgendwie passend, oder das System amüsierte sich über sie oder war neugierig geworden. Jedenfalls schwang das Tor auf, und Ashara ließ ihr altes Leben hinter sich zurück, als sie durch das Portal trat und unwiderruflich zu Zenshara wurde.

Hätte Zenshara überhaupt darüber nachgedacht, wäre ihr die Prozedur als das Gegenteil dessen vorgekommen, was man hätte erwarten müssen. Man brachte sie allein im Quartier der Novizinnen am anderen Ende des Gebäudes unter, weit entfernt von den ordentlichen Schülerinnen. Erst wenn sie bewiesen hatte, daß sie für diese Lebensart geeignet war, würde man sie in den Schlafsaal der Kinder lassen.

Sie verbrachte viele Stunden allein und löste Worträtsel und geometrische Probleme, die als Hologramme in ihr kleines Zimmer projiziert wurden. Manchmal kam ein kleiner, stiller alter Mann wortlos herein und sah Zenshara bei ihren Aufgaben zu. Nachdem er ihr bei den ersten paar Begegnungen mit einer Geste bedeutet hatte, einfach weiterzumachen, ignorierte sie ihn inzwischen, wenn er wiederkam. Oder besser, sie machte keinen Versuch mehr, mit ihm zu reden, sondern entspannte sich und absolvierte ihre Übungen schneller denn je.

Nach fünf Tagen begann man sie die alten Disziplinen zu lehren. Die Zeit der Prüfungen war noch nicht vorbei: Man mußte sehen, wie schnell sie das Denken lernen und zu einem Teil ihres Wesens machen konnte. Die Quantentheorie wurde ihr zunächst nur in den Grundzügen vermittelt, denn die höhere Mathematik sollte erst später unterrichtet werden. Sie hatte menschliche Lehrer, die jeden persönlichen Kontakt vermieden und nur über den Lehrstoff mit ihr sprechen wollten, und sie verbrachte viele Stunden im Wechselspiel mit dem Lernsystem ihres Terminals. Gelegentlich sah der alte Mann ihr schweigend zu.

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