Das Haus der verlorenen Herzen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
Der Anwalt blickte hinüber auf die Startbahn. Die Sondermaschine hob gerade von der Betonpiste ab. Sie saßen im VIP-Raum des Airports und hatten den Start noch abwarten wollen. Im Raum roch es nach Desinfektionsmitteln und dem antibakteriellen Spray, mit dem man Leone Tortalla eingesprüht hatte.
«Das weiß nur Dr. Monteleone«, sagte der Anwalt.»Wenn er noch dort ist.«
Kapitel 18
Zwei Jahre hatten Dr. Volkmar verändert.
Zwei Jahre Chef einer Mafia-Klinik, zwei Jahre Herztransplantationen mit jungen, gesunden Herzen, die man ahnungslosen Männern aus der Brust schnitt. Zwei Jahre lang das unaussprechbare Entsetzen vor sich, hinter einer schalldichten Glaswand: Ein grün abgedeckter, junger Körper, ein Junge, der sich auf die Fremdenlegion gefreut hatte. ein Stück aus der lebenden Herzbank.
Wer hält das aus?
Dr. Volkmar hatte eine große Wandlung durchgemacht. Man sah es ihm nicht an. Er war immer noch der elegante, sportlich aktive, blendend aussehende, von den Damen der sizilianischen Gesellschaft umschwärmte Mann, jetzt noch intensiver auf die weibliche Psyche wirkend, nachdem seine Schläfen weiß schimmerten und sein sonnenbraunes Gesicht eckiger, zerfurchter geworden war.
Aber er war stiller geworden, wortkarg, oftmals beleidigend stumm, was die Frauen als Zeichen großer geistiger Konzentration werteten und entschuldigten. Wenn er nicht in der Klinik war, operierte oder sich um die erstaunlich schnell genesenden Patienten kümmerte, fuhr er am liebsten mit der Motoryacht an der Küste Siziliens entlang, lag auf dem Sonnendeck und grübelte darüber nach, wie sein Leben in einigen Jahren aussehen würde. Reich würde er sein, keinen Wunsch würde er sich versagen müssen — aber der Preis würde der gleiche sein wie heute: Immer wieder die fürchterliche Liftfahrt in die Tiefe der Keller, in die Operationsräume, wo Todkranke durch seine Hände gerettet wurden und gleichzeitig blühendes Leben vernichtet wurde.
Die Ehrenwerte Gesellschaft beaufsichtigte ihn nicht mehr, zumindest merkte er es nicht. Es war ihm klar, daß er aus der Ferne beobachtet wurde und daß man sofort eingreifen würde, wenn er einen neuen Ausbruch versuchte. Die einzige Waffe der Mafia gegen ihn war Loretta. Sie würde immer das Opfer sein. Es gab keine zuverlässigere Fesselung als seine Liebe zu Loretta.
Im Mai 1969 hatten sie geheiratet. Wie Dr. Soriano es versprochen hatte: Es war eine Hochzeit gewesen, die nur noch mit den glanzvollsten Festen der Renaissancefürsten verglichen werden konn-te. Vier Tage lang dauerten die Feierlichkeiten: von der kirchlichen Trauung bis zu einem Feuerwerk, an dem ganz Palermo teilnehmen konnte, weil es im Hafen stattfand und die Stadt in einen farbigen, zuletzt goldenen Sternenregen hüllte. Im Park an der Via della Li-berta baute man riesige Kessel auf, auch Wurstbratstände, Weinpavillons und einen mächtigen Grillspieß. Dr. Soriano, Dr. Mon-teleone und seine wunderschöne Frau Loretta luden die Armen von Palermo zum Essen ein. Von 11 Uhr mittags bis tief in die Nacht hinein saßen die Obdachlosen, die Bettler und Alten an langen Holztischen, bekamen eine Gemüsesuppe, Würste, gebratenes Ochsenfleisch und roten Wein serviert; das Hochzeitspaar, der strahlende Brautvater und zehn seiner Freunde, alles bekannte und reiche Bürger der Stadt, bedienten die schmatzenden Gäste. Man zählte, als man nach Mitternacht den Park schloß, über zweitausenddreihundert Menschen, die das Geschenk, sich einmal wie ein wohlhabender Mann satt essen zu können, dankbar angenommen hatten. Ein Fest, das Palermo nicht vergessen würde.
Nur eine Einschränkung gab es. Fotografieren durften nur zugelassene Fotografen. Sie mußten die Negative beim Anwaltsbüro Dr. Soriano abgeben, und dort wählte man die Bilder aus, die an die Presse weitergegeben werden durften. Wer dennoch fotografierte, ob er Gast war oder nur Passant, erlebte verblüfft, daß Sorianos Überwachung lückenlos funktionierte. Plötzlich standen neben ihm zwei höfliche Männer, verlangten den Apparat, und wer ihn nicht hergeben wollte, auch nach intensivem Zureden nicht, erhielt eine Lektion über sizilianische Überzeugungskunst. Der Apparat wurde ihm aus der Hand gerissen und gegen einen Baum geschmettert, und man hatte die Wahl, entweder dem Apparat zu folgen oder sich in sein Schicksal zu fügen. Die Carabinieri, die überall herumstanden und für Ordnung sorgten, blickten in solchen Fällen immer in eine andere Richtung. Wurden sie trotzdem eingeschaltet, so nahmen sie grundsätzlich den Geschädigten mit auf die Polizeistation — weil er so laut schrie, während der Angeschuldigte sich gesittet betrug —, verhörten ihn gründlich, fertigten ein Protokoll an und sagten ihm dann:»Signore, wir bemühen uns, Sie sehen es! Aber ob wir in dieser Menschenmenge den Kerl noch finden.?«Es war klüger, gleich zu resignieren.
Eine Hochzeitsreise unternahmen Loretta und Volkmar nicht. Sie blieben lediglich acht Tage auf der Yacht, kreuzten vor der nordafrikanischen Küste und waren glücklich, solange sie allein waren. Bei der Rückkehr, als sie von weitem die Silhouette von Palermo auftauchen sahen, bekam sie das Grauen wieder in den Griff.
Morgen! Wieder die Mafia-Klinik. Keine neue Transplantation — aber die Herzbank wurde laufend aufgefüllt. Zwei Fälle — ein Emir aus Arabien und der Bankier Leone Tortalla aus Mailand — hatten gezeigt, daß man auch Herzspender mit extremen genetischen und immunologischen Anlagen zur Hand haben mußte. Die Werbebüros der Fremdenlegion< nahmen jetzt nicht mehr besonders kräftige Jungen, sondern testeten Extremfalle heraus. Der Zulauf hatte sich im letzten Jahr verstärkt. Die Arbeitslosigkeit in Italien hatte bedenkliche Ausmaße angenommen. Hunderttausende gingen nach Deutschland als Kellner, als Maurer, in den Straßenbau, zur Müllabfuhr, an die Bänder der Autofabriken. Der Goldene Westen, der diesmal Deutschland hieß, löste eine neue Völkerwanderung aus. Auch die Fremdenlegion versprach ein sorgloses, wenn auch hartes Leben. Aber die heimlichen Werbelokale, die Gemüseläden mit den Hinterzimmern, wimmelten die jungen Burschen ab.»Überfüllt! Nur für ganz besondere Einheiten sind noch Plätze frei! Also muß jeder Bewerber sorgfältig getestet werden. «Und so wurden die jungen Männer vor allem labormäßig untersucht. Man fand nur vier Extremfälle, vier glückliche Burschen, die jubelten, als man ihnen sagte:»Für euch gibt es einen Platz!«
Einen Platz auf der Herzbank von Camporeale!
Als Volkmar heiratete, lebten sechsundvierzig Herzspender im Kinderheim. Er hatte die Zahl von Dr. Zampieri erfahren; er selbst besuchte nie mehr den obersten Stock von Block III.
«Das ist Selbstbetrug, ich weiß es — «, sagte er einmal zu Loretta.»Eine Flucht in die Blindheit. Ich warte auf den Tag, an dem ich zerbreche.«
«Dann werde ich bei dir sein, mein Liebling.«, sagte sie leise. Sie war bereit, für Volkmar auch sich selbst zu opfern, ein Leben ohne ihn wäre ihr sinnlos erschienen. Das war der unfehlbare Trumpf der Ehrenwerten Gesellschaft: Auf dieser zu jedem Opfer bereiten Liebe war das ganze grauenhafte Unternehmen gegründet. Es war undenkbar, daß Dr. Volkmar sich wissend ins Verderben stürzte.
Die privaten Partys im Hause Dr. Sorianos gehörten, wie früher, zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens in Sizilien. Ab und zu nahm auch der Große Rat geschlossen teil; elegante, dicke Herren, die Volkmar auf die Schultern klopften, Loretta die Hand küßten, sie mit Schmeicheleien überschütteten und sehr zufrieden waren mit den geschäftlichen Erfolgen der Klinik.
Nur zweimal mißlang eine Transplantation. Der Mensch ist nun einmal nicht vollkommen. Aber die Kranken gingen nicht an ihren neuen Herzen zugrunde. Einer starb an einer Hepatargie, einer Leberinsuffizienz, der andere, eine Frau aus Kanada, Gattin eines Ölmillionärs, an einem plötzlich aktivierten Pankreaskarzinom. In beiden Fällen führte man das allerdings auf die unterdrückte Immunreaktion zurück.
Worthlow hatte zum erstenmal in seinem Leben Urlaub genommen. Er durfte sogar in seine Heimat, nach England, reisen, blieb dort zwei Monate und kam mit großen Neuigkeiten zurück.