Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Переводчик: Richard Hoffmann
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
– Er hat es recht gut dargelegt – dachte Raskolnikow.
»Ich soll drauf spucken? Und morgen ist wieder ein Verhör!« sagte er bitter. »Soll ich mich etwa auf Erklärungen einlassen? Ich ärgere mich auch so, daß ich mich gestern im Wirtshause vor einem Samjotow erniedrigt habe ...«
»Hol's der Teufel! Ich will mal selbst zu Porfirij gehen! Und ich werde ihn schon als Verwandter an die Wand drücken: soll er mir nur alle seine Karten aufdecken! Und was diesen Samjotow betrifft ...«
– Endlich ist er drauf gekommen! – dachte Raskolnikow.
»Halt!« rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter. »Halt! Du redest Unsinn! Jetzt bin ich drauf gekommen: es ist Unsinn! Wie soll das eine Falle sein? Du sagst, die Frage von den Arbeitern sei eine Falle gewesen? Begreife doch: wenn du es wirklich getan hättest, würdest du dich dann verplappern, daß du gesehen hättest, wie die Wohnung gestrichen wurde ... und die Arbeiter drin waren? Im Gegenteiclass="underline" nichts habe ich gesehen, würdest du sagen, selbst wenn du sie gesehen hättest! Wer wird denn gegen sich selbst aussagen?«
»Hätte ich die Sache gemacht, so würde ich unbedingt sagen, ich hätte die Wohnung und die Arbeiter gesehen«, antwortete Raskolnikow unwillig und mit sichtbarem Ekel.
»Warum denn gegen sich selbst aussagen?«
»Weil nur dumme Bauern oder die unerfahrensten Neulinge beim Verhör alles und ausnahmslos leugnen. Aber ein einigermaßen intelligenter oder erfahrener Mensch bemüht sich, alle äußeren und unwiderlegbaren Tatsachen unbedingt zuzugeben; er schiebt ihnen nur andere Gründe unter und bringt hier und da eigene, unerwartete Details herein, die ihnen eine ganz andere Bedeutung verleihen und sie in einem anderen Lichte hinstellen. Porfirij konnte gerade darauf rechnen, ich würde unbedingt so antworten und unbedingt – der Glaubwürdigkeit wegen – sagen, daß ich sie gesehen hätte, und dem noch etwas zur Erklärung hinzufügen ...«
»Er hätte dir gleich gesagt, daß vor zwei Tagen keine Arbeiter dort gewesen sein konnten und daß du folglich am Tage des Mordes, gegen acht Uhr dagewesen seiest. Mit dieser Dummheit hätte er dich erwischt.«
»Darauf hat er eben gerechnet, daß ich es mir in der Eile nicht überlege und mich beeile, möglichst wahrheitsähnlich zu antworten, dabei aber vergesse, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein konnten.«
»Ja, wie kann man so was vergessen?«
»Das ist das leichteste! Auf solche Kleinigkeiten fallen die schlauen Leute am leichtesten herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger befürchtet er, auf dem Einfachsten ertappt zu werden. Den schlausten Menschen muß man gerade mit dem Einfachsten fangen. Porfirij ist gar nicht so dumm, wie du glaubst ...«
»Ein Schuft ist er nach alledem!«
Raskolnikow konnte sich des Lachens nicht enthalten. Im gleichen Augenblick kamen ihm aber seine Begeisterung und die Bereitwilligkeit, mit der er die letzte Erklärung vorgebracht hatte, sonderbar vor, um so mehr, als er sich am vorhergehenden Gespräch mit finsterem Widerwillen, nur eines bestimmten Zweckes wegen, aus Notwendigkeit beteiligt hatte.
– Ich bekomme noch Geschmack an manchen Punkten! – dachte er.
Aber im gleichen Augenblick wurde er wieder unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter, beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wurde immer größer. Sie befanden sich schon vor dem Eingange zu den möblierten Zimmern Bakalejews.
»Geh allein hinauf«, sagte plötzlich Raskolnikow, »ich komme gleich zurück.«
»Wo willst du denn hin? Wir sind ja schon da!«
»Ich muß, ich muß; ich hab zu tun ... ich komme in einer halben Stunde ... Sag es ihnen dort.«
»Wie du willst, ich gehe aber mit dir.«
»Nun, auch du willst mich wohl totquälen!« rief er mit so bitterer Gereiztheit, mit solcher Verzweiflung im Blick, daß Rasumichin die Hände sinken ließ. Eine Weile stand er vor der Haustür und blickte finster dem anderen nach, der sich schnell in der Richtung nach seiner Gasse entfernte. Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Fäuste und ging, nachdem er sich das Gelübde geleistet hatte, den ganzen Porfirij heute noch wie eine Zitrone auszupressen, hinauf, um die wegen ihres langen Ausbleibens besorgte Pulcheria Alexandrowna zu beruhigen.
Als Raskolnikow sein Haus erreichte, waren seine Schläfen mit Schweiß bedeckt, und er atmete schwer. Er stieg schnell die Treppe hinauf, trat in seine unverschlossene Kammer und hakte sofort die Tür zu. Dann stürzte er sich in wahnsinniger Angst in die Ecke zum Loch unter der Tapete, wo die Sachen gelegen hatten, steckte die Hand hinein und wühlte einige Minuten sorgfältig herum, alle Winkel und Falten in der Tapete untersuchend. Nachdem er nichts gefunden hatte, stand er auf und holte tief Atem. Vorhin, vor dem Hause Bakalejews war es ihm plötzlich eingefallen, daß irgendein Gegenstand, ein Kettchen, ein Hemdknopf oder sogar ein Papierchen, in das sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von der Hand der Alten auf irgendeine Weise in eine Ritze hineingefallen und dort liegengeblieben sein könnte, um dann als ein unerwarteter und unwiderlegbarer Beweis vor ihm aufzutauchen.
Er stand wie nachdenklich da, und ein sonderbares, demütiges, halb sinnloses Lächeln irrte um seine Lippen. Er nahm schließlich die Mütze und verließ das Zimmer. Seine Gedanken waren verworren. Nachdenklich trat er in den Torweg.
»Das ist der Herr selbst!« rief eine laute Stimme.
Er hob den Kopf.
Der Hausknecht stand vor der Tür seiner Kammer und zeigte ihn einem nicht sehr großen Mann, der wie ein Kleinbürger aussah, mit einer Art Schlafrock und einer Weste bekleidet war und von weitem einem Weibe ähnelte. Sein Kopf, auf dem eine schmierige Mütze saß, hing nach vorn, und seine ganze Haltung war gekrümmt. Sein schlaffes, runzliges Gesicht deutete auf über fünfzig Jahre; die kleinen verschwommenen Augen blickten finster, streng und unzufrieden.
»Was ist los?« fragte Raskolnikow, auf den Hausknecht zugehend.
Der Kleinbürger schielte nach ihm unter der gerunzelten Stirn und musterte ihn durchdringend und aufmerksam; dann wandte er sich langsam um und trat, ohne ein Wort gesagt zu haben, aus dem Torweg auf die Straße.
»Was ist denn los?« rief Raskolnikow.
»Der Mann da hat gefragt, ob hier ein Student wohne, und nannte Ihren Namen und bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade herunter, und ich zeigte auf Sie, da ging er aber weg. Ja, so was!«
Auch der Hausknecht war etwas verblüfft, doch nicht zu sehr. Nachdem er noch ein Weilchen nachgedacht hatte, drehte er sich um und ging in seine Kammer.
Raskolnikow stürzte dem Kleinbürger nach und sah ihn sofort mit gleichmäßigen, nicht zu schnellen Schritten, die Augen zu Boden gesenkt, wie in sich etwas überlegend, auf der anderen Straßenseite gehen. Er holte ihn schnell ein, ging aber erst eine Weile hinter ihm her; schließlich erreichte er ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Jener bemerkte ihn sofort, musterte ihn mit einem schnellen Blick, senkte aber gleich wieder die Augen; so gingen sie eine Weile nebeneinander her, ohne ein Wort zu sprechen.
»Sie haben nach mir gefragt ... beim Hausknecht?« sagte endlich Raskolnikow, aber mit eigentümlich leiser Stimme.
Der Kleinbürger gab keine Antwort und sah ihn nicht mal an. Sie schwiegen wieder.
»Ja, warum ... kommen Sie nachfragen ... und schweigen ... was ist denn das?«
Die Stimme Raskolnikows stockte, und die Worte kamen ihm undeutlich von den Lippen.
Der Kleinbürger erhob diesmal die Augen und sah Raskolnikow mit einem drohenden, finsteren Blicke an.
»Mörder!« sagte er plötzlich mit leiser, doch klarer und deutlicher Stimme.
Raskolnikow ging neben ihm her. Seine Füße waren plötzlich schrecklich schwach geworden, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und sein Herz stand einen Augenblick still; dann fing es plötzlich zu klopfen an, als hätte es sich losgerissen. So gingen sie an die hundert Schritte immer noch schweigend nebeneinander her.