Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Es Salam alejkum, Aisad Effendi.«
»Wa alejkum 's salam«, erwiderte dieser höflich. »Nimm Platz, Aladin. Der Mokka wird sogleich gebracht.«
»Ich danke dir«, sagte Aladin und ließ sich nieder. »Aber ich bin nicht gekommen, um Mokka zu trinken. Die Unterdrückten wollen nicht länger warten. Bist du bereit?« Seiner Würde entsprechend setzte sich Aisad, bevor er antwortete:
»Ja, Aladin, großer Kapudan des tapferen Volkes. Die Stunde ist nahe, da wir die Macht des Tyrannen brechen. Morgen abend, wenn der Mond aufgeht, können deine Getreuen in den Palast eindringen. Ich befürchte keinen großen Widerstand der Leibwachen, obwohl ich nicht aller Offiziere sicher bin.«
»Wir werden jeden Widerstand brechen. Es ist nutzlos, gegen Menschen zu kämpfen, die nichts zu verlieren haben als ihr Leben. Und das ist Allahs Wille. Es werden zweihundert Mann von vorn angreifen. Und hundert warten zu Pferde. Sie bilden unsere schnelle Reserve. Die Dynastie des Tyrannen wird nur noch einen Sonnenaufgang erleben, und dann werde ich Herrscher von Tunis sein, ich, Aladin, der Rächer der Unterdrückten.«
»Kif-kif«, sagte Aisad und neigte sein Haupt ehrerbietig. Das tückische Funkeln in seinen Augen konnte Aladin nicht erkennen.
Aisad hatte nie eine Minute ernsthaft daran gedacht, den Thron von Tunis einem Mann wie Aladin zu überlassen. Aladin war ein Feuerkopf. Ihn und seine Mannen konnte man gut gebrauchen, um sie die schmutzige Arbeit verrichten zu lassen. Aber Bej von Tunis konnte nur einer werden. Und dieser eine war er: Aisad.
Es war zwei Wochen her, daß er zum erstenmal vorseinem eigenen Plan Angst bekommen hatte, in dem Augenblick nämlich, als Michel seine Büchse dreimal auf den Löwen abfeuerte. Eine solche Waffe auf der Gegenseite zu wissen, behagte ihm keineswegs. Deshalb hatte er nicht geruht, bis er den Bej von der Notwendigkeit der Verhaftung Michels überzeugt hatte. Aus Angst vor dieser Waffe und ihrem Träger hatte er den Bej veranlaßt, seinen eigenen Lebensretter ins Gefängnis zu werfen und dadurch unschädlich zu machen.
Aladin ergriff das Wort:
»Es ist mir zu Ohren gekommen, daß der Pascha einen Schießlehrer hat, der wahre Wunder der Schießkunst vollbringen soll. Kannst du diesen gefährlichen Mann auf unsere Seite ziehen? Man erzählt sich im ganzen Land Legenden über ihn.«
»Das ist nicht nötig, Aladin, denn wir brauchen ihn nicht mehr zu fürchten. Er sitzt im tiefsten Kerker der Kasbah.«
»Wer hat ihn dorthin gebracht?«
»Der Bej selbst. Alle meine Bitten haben nichts geholfen. Du weißt: der Bej tut, was er will. Jedenfalls hat er sich dadurch einen unerbittlichen Feind geschaffen. Wir werden ihn befreien, sobald der Palast in unseren Händen ist. Er wird sich uns sicherlich dankbar dafür erweisen.« »Gut, Aisad Effendi, vertrauen wir auf Allah und auf die Kraft unserer Arme. Morgen bin ich Bej von Tunis, und du wirst mein Wesir sein.«
Die beiden Verschwörer erhoben sich. Aladin verließ, vom Diener geführt, das Zimmer. Aisad war allem.
Er ging im Raum auf und ab. Seine Augen glühten wie Kohlen. Morgen, dachte er, morgen schlägt die größte Stunde meines Lebens. Ich werde sie vor mir im Staub sehen, diese ganze verdammte Sippe. Ich werde ihnen die Köpfe abschlagen lassen. Und wenn die Stadt erst in meiner Hand ist, dann wird mir auch die Miliz den Gehorsam nicht verweigern. Mit den Soldaten des Bej werde ich dann diesen eingebildeten Aladin und seine Rabauken vertreiben. Morgen!
55
Michel ging in seiner Zelle auf und ab.
Ojo lag auf der hölzernen Pritsche und schnarchte markerschütternd. Ihn brachte so leicht nichts mehr aus der Ruhe. Zu viel hatte er schon in Gesellschaft des deutschen Doktors erlebt. Sein Vertrauen zum Glück des Pfeifers war grenzenlos.
Michel hingegen hatte diesmal das Vertrauen zu sich selbst weitgehend eingebüßt. Die augenblickliche Umgebung kam ihm düsterer vor als alle Verliese, in denen er bisher gesessen hatte. Hier aus eigener Kraft herauszukommen, war hoffnungslos. Es tröstete ihn zwar, daß Hammuda Pascha sich nach wie vor um ihn kümmerte und sich für seine Freiheit einsetzte; aber er glaubte nicht an einen Erfolg. Der Bej schien ein dickköpfiger, hartherziger Kerl zu sein, der sich von niemandem beraten ließ.
Michel hatte jeden Quadratzentimeter seiner Zelle durchforscht. Es war ein altes, aus fugenlosem Felsgestein erbautes Gemäuer, in dem es keine Geheimgänge oder lockere Wandteile gab, die sich herausbrechen ließen.
Ojo rekelte sich und erwachte.»Du hast einen gesunden Schlaf, Diaz.«
»Si, si, Senor Doktor. Was nützt es mir, wenn ich wache und doch keinen Ausweg finde? Man muß Kraft sammeln, solange man noch dazu in der Lage ist. Der tiefe Schlaf ist das beste Mittel dafür.«
Ein Schlüssel knarrte in der Zellentür. Der Lauf einer Reiterpistole wurde sichtbar. Dann schob sich eine Hand in den Raum, deren Zeigefinger am Abzugsbügel lag. Eine Stimme sagte: »Geht an die hintere Wand zurück, ihr Hunde!«
Ojo und Michel gehorchten widerspruchslos. Sie hatten sich an diese Komödie mittlerweile gewöhnt. Die Hand mit der Pistole gehörte dem Wächter, der zweimal täglich das Essen brachte. Die Tür öffnete sich so weit, daß der Mann sichtbar wurde. Mit dem Fuß schob er eine Schüssel in den Raum. Dann folgte eine Kanne Wasser, und dann wurde die Tür eiligst wieder zugeschlagen.
Das Essen war gut wie immer, das Wasser frisch und klar.
56
Es waren an diesem Tag auffällig viele Leute in der Stadt. Die Einwohner von Tunis, die auf den Märkten und in den Basaren zu tun hatten, wunderten sich über die vielen Gruppen fremder Gesichter, die sich überall gebildet hatten. Es herrschte ein Rummel wie sonst nur an Festtagen. Aber man machte sich weiter keine Gedanken darüber.
Als der Abend hereinbrach, zog sich das fremde Gelichter in der Nähe des Palastes zusammen.
Viele der Unbekannten saßen zu Pferde oder führten ihre Tiere am Zügel mit sich. Sie bildeten auch hier wieder Gruppen und unterhielten sich laut schreiend über Alltäglichkeiten, so daß ihre Gespräche bei dem Posten am Tor keine besondere Aufmerksamkeit erregten.
Der Torwächter machte zwanzig Schritte hin, zwanzig Schritte her und wieder zwanzig Schritte hin — wie jeden Tag. Eigentlich war alles so wie immer. Plötzlich verstummte das Geschrei der Fremden. Sie richteten ihre Blicke gen Himmel, als erwarteten sie einen Kometen.
Die letzten Schatten der Dämmerung sanken in die schwarze Nacht. Hell und strahlend stand die runde Scheibe des Mondes am Himmel.