18 Geisterstories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #61
- Год: 1978
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
Die Schritte gehen, in den Sattel springen – und los. Das sollte er nun tun. Der Colonel stand reglos. Die Größe der Stunde bannte ihn. Er, der nun in Eile und Bewegung sein sollte, fühlte sich zum ersten Schritt außerstande.
Dann vernahm er das Knarren von Erde unter Stiefeln, die rasch ausschritten, und wußte, daß jemand um das Zelt geeilt kam, zweifellos zum Zwecke, den General aufzusuchen. Er trat vom Eingang beiseite. Aber der Ankömmling war schneller. Der Ankömmling bog mit ungestümen Schritten um die Ecke des Zelts, und er und der Colonel prallten gegeneinander. Die beiden Männer sprudelten Entschuldigungen hervor, und dann standen sie Angesicht zu Angesicht und lachten.
Der stürmische Ankömmling war – seiner Kleidung zufolge – ein General der Kontinentalarmee. Er war groß, schlank, elegant und sichtlich stolz, aber hauptsächlich war er jung. Sehr jung. Tatsächlich war er der jüngste General, den die amerikanische Armee jemals haben sollte. Er war Lafayette.
Die Freude, die in seinem Gesicht glühte, entzog sich jeder Beschreibung. Sie war Ausdruck der tiefgründigen Erkenntnis des Neuen, das in die Welt getreten war – ausgedrückt mit der Glückseligkeit eines Knaben. Dies Entzücken fand er augenblicklich auch an Tilghmans Mission, von der man ihn unterrichtet hatte. »Ihr seid’s, Colonel!« rief er. »Ihr seid es, der unser Licht hinaus in die Welt trägt. Und Ihr seid schon en route. Zum Kongreß!« Er unterbrach sich und lachte. Der Colonel, ebenfalls jung, jedoch nachdenklich, der diesen Krieg kannte – ganz genau, in allen Einzelheiten –, entsann sich, daß es dieser junge Mann mit der fröhlichen Miene gewesen war, der mit nur schwachen Kräften die Truppen des Veteranen Cornwallis gebunden hatte, bis Washington, Rochambeau und die Kanonen eintrafen. Lafayette. Er und Tilghman hatten gemeinsam in vielen Begegnungen gekämpft. Nun blickten sie einander in die Augen und lachten. Dann umarmte Lafayette urplötzlich Tilghman. »Reitet, Colonel«, sagte er. »Reitet!«
Und so kam es, daß die fürchterliche Last der Pflicht, die George Washington ihm aufgetragen hatte, ins Gleichgewicht kam. Sie ruhte nicht länger allein auf seinem Willen; sie drang ihm ins Blut.
Innerhalb weniger Augenblicke saß er im Sattel und preschte zum Fluß, wo – wie er wußte – ein Boot für ihn in Bereitschaft lag, und er flog dahin wie ein Vogel – geradewegs über Zäune, Hecken, Bäche und die nun leeren Laufgräben des Schlachtfelds.
Dies, die erste Etappe seines Ritts, verging wie ein Gedanke. Nichts Materielles schien daran teilzuhaben. Da waren er selbst und das prächtige Pferd, und sie ergänzten einander. Da waren das Sausen der Luft, die Geräusche der Hufe und emporgeworfener Erdbrocken – und unaufhaltsam vorwärts, vorwärts, vorwärts. Dann war es vorbei. Er erreichte den Bootssteg. Er hatte weniger als eine Minute benötigt.
Die zweite Etappe würde vierundzwanzig Stunden beanspruchen. Sie führte den York hinab zur Chesapeake-Bucht und nach Rock Hall, wo die Straße nach Philadelphia begann. Sie maß einhundertdreißig und noch ein paar Meilen, und für diese Strecke mußten der Colonel und sein Pferd Passagiere sein, sich an Bord eines Gefährts befördern lassen, ohne auf den Transport Einfluß nehmen zu können, eine Zeit der Untätigkeit für des Colonels Körper, während ein andersartiger Antrieb das Räderwerk seines Verstands in Bewegung hielt. Ein Boot. Segel, Holz, Wind, Wasser, Kapitän und Mannschaft. Alle Vorbereitungen seien veranlaßt worden, hatte Washington ihm gesagt. Nun gut. Sollte die zweite Etappe ihren Anfang nehmen.
Er stieg ab. Nur dies eine Boot lag am einstmals geschäftigen Ufer – die Briten hatten alle Wasserfahrzeuge zerstört, deren sie habhaft zu werden vermochten. Dies eine Boot jedoch war das richtige für die Mission des Colonels. Es handelte sich um einen zweimastigen Küstenschoner, tüchtig und schnell. Offensichtlich war er bereit zum Ablegen. Die Laufplanke lag aus, und als der Colonel eintraf, kam über das Deck ein Mann, der erwartungsvoll wirkte, auf ihn zu. Er war verdreckt vom Wetter und schäbig, aber das waren damals die meisten Amerikaner. Der Colonel erkannte in ihm Autorität. Dies mußte der Kapitän sein. Er stellte sich vor. Das heißt, er nannte seinen Namen und den Bestimmungsort. »Colonel Tilghman. Nach Rock Hall.«
»Zu Diensten, Sir«, sagte der Kapitän. Colonel Tilghman wandte sich ab, um sein Pferd an Bord zu führen.
Da geschah etwas, womit er gerechnet hatte – das Tier brachte seine Eigenwilligkeit zur Geltung. Es war ein junger Hengst mit einer natürlichen charakterlichen Mischung aus vortrefflicher eleganter Feurigkeit und scharfer, grimmiger Klugheit. Auf Schiffen war er schon oft gereist; das war für ihn nichts Neues. Es widerstrebte ihm allerdings, seine natürliche Umgebung mit zuviel Plötzlichkeit zu verlassen. Er verlangte ein Zeremoniell. Deshalb leistete er jedesmal gespielten Widerstand. Der Colonel achtete diese Eigenheit. Als der Kapitän sich umsah und rief: »Hilfe vonnöten, Sir?«, lautete seine Antwort: »Nicht erforderlich.« Eigenhändig führte er Black Damn an Bord und in den Stall unter Deck.
Sein Pferd mit einem Heuvorrat im Stall; General Washingtons Depesche an den Kongreß in seiner Satteltasche; er selbst auf dem Boot; das Boot in Fahrt. Der Colonel kehrte zurück auf Deck. Sie schwammen bereits mitten im Fluß.
Überall an den Ufern sah man die Reste verbrannter Schiffe, von seetüchtigen Frachtschiffen bis zu Nachen. Die Ortschaft Yorktown ähnelte einem von Geschossen zerpflügten Wirrwarr aus Mauerwerk. Die Briten hatten gebrannt und geplündert, Brunnen vergiftet und Zivilisten mißhandelt. Sie hatten Sklaven dazu verlockt, ihre Herren zu verlassen, ihnen Freiheit versprochen, aber ihr Wort nicht gehalten, sondern die Sklaven in Pferche gesperrt, wo viele von ihnen starben. Ereignisse, Bestandteile eines Krieges, dessen Ganzheit jetzt Colonel Tilghman beherbergte, nun zusammengefaßt in einem Wort – vorüber! Cornwallis hatte kapituliert.
Der Colonel war mit dem York vertraut. Er kannte auch die Chesapeake-Bucht. Und ihm war zumute, als segele er über einen neuen Strom in eine neue Grenzenlosigkeit. Er war, so begriff er, allein mit seinem gewaltigen Wissen. Nur er wußte vom Sieg. Er brachte die Neuigkeit. En route …
Im Jahre 1974 war der Fluß in diesem Moment Schauplatz eines spontanen Motorbootrennens. Drei Enthusiasten jener Art, die die Motorbootsaison bis zum Ende des Wasserhochstands auszukosten pflegten, röhrten flußaufwärts, und noch das langsamste der Boote entwickelte eine Geschwindigkeit von fünfzig Meilen je Stunde; die Rümpfe waren nichts als Verkleidungen für die Motoren, Motoren mit der zweihundertfachen Kraft eines Black Damn. Der Kurs einer dieser brüllenden Mücken kreuzte sich mit dem des Schoners, so daß die beiden Fahrzeuge sich wechselseitig eines durch das andere passierten. Der von Gischt umschäumte Bug des Motorboots des zwanzigsten Jahrhunderts drang in den Rumpf des Schiffs im achtzehnten Jahrhundert dicht unterhalb der Füße Colonel Tilghmans ein und glitt darunter weiter durch das Geisterpferd. »Jippiii!« hatte der Mann am Steuerrad geschrien. »Jippiii …!« schrie er, als er weiterbrauste.
Colonel Tilghman kannte sich auch mit Booten aus, gewiß. Er war an Marylands Ostküste geboren, einem mit den Gezeiten vertrauten Land, dessen Bewohner seine Flüsse einhundertfünfzig Jahre lang ganz natürlich als Straßen benutzt hatten. Der Sitz seiner Familie war am Tred Avon gewesen, in der Nähe eines blühenden Welthandelshafens – Oxford. Schon als Knabe hatte er ein eigenes Boot erhalten, und man erwartete von ihm, daß er damit gut umzugehen verstand. Daher war er des Treibens auf dem Schoner sowie der Strömungen in der Luft und im Wasser, die das Tun an Bord bedingten, mit vollem Verständnis gewahr – und doch regte seine Aufmerksamkeit sich nur unterbewußt; sie verzeichnete, daß der Schoner sechs Knoten schaffte und der Kapitän anscheinend sein Handwerk beherrschte. Der gesamte Rest von des Colonels Bewußtsein richtete seine Gedanken vorwärts. Der Fluß schimmerte, denn die Sonne jenes Tages warf alle Schatten nach hinten.