Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Sie schlugen den Weg zur Turmstraße ein und gingen eine Weile schweigend. Er beobachtete Anne. Sie weinte nicht mehr, starrte ins Leere. Wieder fiel ihm einer dieser Abende ein, an dem das ganze Viertel unterwegs gewesen zu sein schien. Menschen, die einander umarmten, hatten schweigend und reglos auf den Straßen gestanden. Die Laternen warfen fahles Licht, das auf einmal verlosch, auch in den Häusern ringsum wurde es dunkel. Stromausfall. Dann war etwas Groteskes geschehen: Jule Heckmann, im Viertel allgemein» Pferde-Jule «genannt, war an der Seite der Zahnärztin Knabe in Gelächter ausgebrochen, ein männlich rauhes, aufschwellendes, dabei kreischendes und stechendes Lachen, wie er es noch nie zuvor gehört hatte; es hatte nach und nach alle Spaziergänger, auch die einander Umarmenden, angesteckt und ein sonderbar befreiend wirkendes, vitales, bald schluchzendes, bald brüllendes, sich in die Straßentiefen fortpflanzendes Gelächter gezündet; in den Häusern ringsum hörte man die Fenster aufgehen, plötzlich schrie jemand:»Bürokratismus!«, ein anderer schrie zurück:»Individualismus!«, wieder ein anderer:»Sozialismus!«,»Ich habe Angst!«rief eine Frau,»Ich ooch!«eine andere, und immer noch das Gelächter auf der ganzen Straße, unterbrochen von» Psst!«- und» Sei doch still!«-Rufen;»Bald gibt’s nischt mehr zu frressen!«rollte jemand mit verstellter Stimme,»In Wismar gibt’s kein Fleisch mehr!«kiekste es aus der Dunkelheit;»Ob’s Krieg gibt in Polen?«—»Beschrein Sie’s nicht, Gott im Himmel!«—»Ob die auch Angst haben?«brüllte eine Frau, in der Richard Zahnärztin Knabe zu erkennen meinte. — »Aber sicher! Vor uns!«und wieder erschütterte das Gelächter die Straße, auch aus den Häusern kam es,»Marxis-muhs!«—»Stalinis-muhs!«—»Mensch: Allgemeinismus!«Hundegebell war zu hören, sofort verstummte das Lachen, und die Menschen zerstreuten sich eilig. Jemand kam auf Richard zu, blieb nah vor ihm stehen, musterte ihn scharf, zögerte; es war Malthakus, er tippte sich mit der Krücke seines Regenschirms an den Hut, flüsterte mit seinem feinen Lächeln:»Na, Herr Nachbar, und was isses bei Ihnen?«und verschwand rasch in der Dunkelheit.
Richard zog den Mantel enger zusammen, die Erinnerung an dieses Vorkommnis hatte ihn in Unruhe versetzt.
«Sie versuchen also, uns zu erpressen«, sagte Anne; dieses» uns «registrierte er dankbar; aber sie suchte nicht seine Hand.»Wir müssen überlegen, was wir tun können. «Ihre Stimme klang jetzt wieder fest. Das gab auch ihm die nüchterne Überlegung zurück.»Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich spiele mit — oder ich spiele nicht mit.«
«Von spielen kann keine Rede sein«, erwiderte sie rasch und knapp.»Ausreiseantrag. Wir müssen hier raus. Wir könnten Regine fragen.«
«Was willst du sie fragen? Wie man korrekt das Formular ausfüllt? Es wird nicht gehen. Die haben mir unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie mich nicht rauslassen werden. Ärzte werden hierzulande gebraucht … Es wäre Verrat an den Patienten, die Ihnen anvertraut sind …«
«Die können uns doch nicht einfach festhalten!«
«Doch, das können sie! Und dann sitzen wir hier, ich fliege aus der Klinik, was mir ja noch egal wäre, aber Robert und Christian … Wir hätten nichts erreicht!«
«Wir müßten nicht denunzieren!«
«Um den Preis, daß wir die Zukunft der Kinder aufs Spiel setzen?«
«Aber Menschen zu bespitzeln, ist das kein Preis?«
Richard antwortete nicht.
«Es gibt auch die Möglichkeit, daß wir hierbleiben — und Christian und Robert können den Antrag stellen. Sobald sie volljährig sind — «
«Anne! Was redest du da! Was würde passieren? Christian fliegt sofort von der EOS, und Robert werden sie gleich gar nicht zulassen.«
«Christian wird in diesem Jahr achtzehn. Robert in zweieinhalb Jahren. Sie werden ohnehin Zeit verlieren. Bei der Armee. Ob sie also auf das eine oder andere warten — «
«Du gehst davon aus, daß alles so läuft, wie du es dir vorstellst! Und wenn nicht? Wenn sie’s nicht zulassen? Wenn die Jungs nicht ausreisen dürfen? Weißt du genau, ob sie das überhaupt wollen? Wir reden hier über ihre Köpfe hinweg, vielleicht wären sie völlig überfordert?«
«Vielleicht auch nicht? Reden wir doch mit ihnen!«
«Und was sollen sie machen, während der Antrag läuft? Regine wartet seit zwei Jahren, und du weißt, wie’s ihr geht. Aus der Stadtverwaltung entlassen, vor allen Kollegen als Agentin des Imperialismus gebrandmarkt — «
«— und jetzt ist sie ungelernte Sekretärin im Joseph-Stift, und die Stelle hat sie auch nur bekommen, weil du den Ärztlichen Direktor kennst. Ich weiß!«
«Und unsere Jungs? Die würden sie aus Rache noch viel länger schmoren lassen, darauf kannst du dich verlassen! Dann sitzen sie hier, haben kein Abitur, können nicht studieren, müssen eine Lehre machen … Christian — was soll der lernen? Und vielleicht kommen sie niemals raus! Sitzen hier mit einem verpfuschten Leben … Glaubst du, das würden sie uns verzeihen?«
«Eine meiner Kolleginnen hat auch die Ausreise laufen. Sie arbeitet trotzdem bei uns, und ihre Tochter kann ihr Abi auch zu Ende machen.«
«Beim einen verfahren sie so, beim anderen so. Wer kann garantieren? Daß es bei uns so läuft wie bei deiner Kollegin, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Willst du’s auf einen Versuch ankommen lassen?«
Sie gingen mit gesenkten Köpfen nebeneinander her.
«Wie steht’s mit Sperber? Könnte der nicht was tun?«
«Ich weiß nicht. Ich kenne ihn nicht besonders gut. Ich traue ihm auch nicht, ehrlich gesagt. Wir gehen ein enormes Risiko ein, wenn ich Kontakt zu ihm aufnehme und ihm alles erzähle. Was passiert, wenn er einer von denen ist … oder mit ihnen zusammenarbeitet? Denkst du, der steht nicht mit einem Bein bei denen? Vielleicht ist er überhaupt nur vorgeschoben? Ein Köder, den sie uns hinhalten.«
«Meno sagt, daß er einigen Autoren geholfen hat.«
«Mag sein. Aber selbst wenn er nicht zu denen gehört: Hilft er auch uns? Wer weiß, welchen Autoren er geholfen hat und in welchem Zusammenhang. Wenn einem halbwegs bekannten Autor ein Haar gekrümmt wird, jault doch die Presse drüben gleich auf, aber bei uns? Bei einem Arzt und einer Krankenschwester, die niemand kennt? Und denkst du, daß Sperber etwas machen kann, wenn die andeuten, daß daran kein Interesse besteht?«»Ich bin müde … Wollen wir uns einen Augenblick setzen?«
Richard nickte. Sie waren bis zum» Oktoberblick «gelaufen, wie das kleine, von einer Pergola umgebene Rund am Mondleiten-Park offiziell hieß; die Anwohner nannten es wie früher» Philalethesblick«, nach dem Künstlernamen König Johanns von Sachsen, des Danteforschers. In der Mitte des Plateaus stand ein Obelisk mit den Namen der Weltkriegsgefallenen aus dem Viertel.»Wollen wir bei deinem Bruder vorbeischauen?«
«Nein … Das möchte ich nicht. Er würde gleich vermuten, daß etwas nicht stimmt. — Auch darüber müssen wir uns klarwerden: Wie sagen wir’s der Familie?«
«Will gut überlegt sein, ob wir’s ihnen sagen.«
«Da gibt es für mich nichts nachzudenken. Natürlich müssen wir’s ihnen sagen!«
«Auch auf die Gefahr hin, daß wir nicht sicher sein können, ob nicht zum Beispiel Ulrich — «
«Er mag in der Partei sein, aber er ist kein Denunziant!«
«Was macht dich so sicher? Hast du mich nicht selbst vor ihm gewarnt, erinnerst du dich, auf dem Heimweg von der Felsenburg?«
«Aber es ist doch die Familie … So weit würde er nicht gehen!«»Weil er dein Bruder ist — und mein Schwager? Weil er die Jungs gern hat und mit ihnen ins Fußballstadion geht?«
«Weiß nicht. Ich kann es mir nicht vorstellen, daß er fähig wäre, dich anzuzeigen. Immerhin … Ja, vielleicht kann ich es mir nicht vorstellen, weil er mein Bruder ist. Vater hat uns weder zu Duckmäusern noch zu Denunzianten erzogen, weißt du, was er gesagt hat? Der größte Lump im ganzen Land — das ist und bleibt der Denunziant!«Sie zitterte, sackte nach vorn, weinte wieder; Richard spürte, daß sie seine Nähe jetzt nicht suchte, und trat an den Rand der Brüstung, in die ein schmiedeeisernes Geländer mit einem rostzerfressenen, stilisierten Nautilus eingelassen war. Dahinter fiel der Park steil ab. Im Tausendaugenhaus und im» Elefanten «gegenüber brannte Licht, bei Teerwagens wurde ein Fenster geöffnet. Musikfetzen, Stimmen, Gelächter. Man schien zu feiern. Wie unbeschwert … Richard verdrängte diesen Gedanken.»Wollen wir zu Regine fahren?«