Der Funke Leben
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der Funke Leben». Краткое содержание книги:
Der Wagen kroch vorüber. »Scheiße!« sagte einer der SS-Leute plötzlich, cm riesiger Schlächter mit einer Boxernase. »Scheiße. Verfluchte Scheiße!« Er meinte nicht die Gefangenen.
Lewinsky lauschte. Das ferne Grollen ertrank eine kurze Zeit im Dröhnen des Mercedes-Motors; dann kam es wieder durch, gedämpft und unentrinnbar.
Unterirdische Trommeln für einen Totenmarsch.
»Los!« kommandierte der Kolonnenführer irritiert. »Los! Los!«
Der Nachmittag schlich dahin. Das Lager war voller Gerüchte. Sie wehten durch die Baracken und änderten sich jede Stunde. Einmal hieß es, die SS sei fort; dann kam jemand und berichtete, sie sei im Gegenteil verstärkt worden.
Einmal hieß es, amerikanische Tanks seien in der Nähe der Stadt; dann kam durch, es seien deutsche Truppen, die die Stadt verteidigen würden.
Um drei Uhr erschien der neue Blockälteste. Es war ein Roter, kein Grüner »Keiner von uns«, sagte Werner enttäuscht.
»Warum nicht?« fragte 509. »Er ist einer von uns. Ein Politischer. Kein Krimineller.
Oder was meinst du mit ›uns‹?« »Das weißt du doch. Wozu fragst du?«
Sie saßen in der Baracke. Werner wollte bis nach dem Abpfeifen warten, um ins Arbeitslager zurückzugehen. 509 hielt sich versteckt, um zu sehen, wie der neue Blockälteste war. Neben ihnen röchelte sich ein Mann mit schmutzigen weißen Haaren an einer Lungenentzündung zu Tode.
»Einer von uns ist jemand, der zur Untergrundbewegung des Lagers gehört«, dozierte Werner.
»Das wolltest du doch wissen, wie?« Er lächelte.
»Nein«, erwiderte 509. »Das wollte ich nicht wissen. Und das meintest du auch nicht.«
»Einstweilen meine ich das.«
»Ja. Solange die Notgemeinschaft hier notwendig ist. Und dann?« »Dann«, sagte Werner, erstaunt über so viel Unwissenheit,»dann muß selbstverständlich eine Partei dasein, die die Macht übernimmt. Eine geschlossene Partei; nicht ein Haufen zusammengewürfelter Menschen.« »Also deine Partei. Die Kommunisten.« »Wer sonst?« »Jede andere«, sagte 509. »Nur nicht wieder eine totalitäre.« Werner lachte kurz auf. »Du Narr! Keine andere, nur eine totalitäre. Siehst du nicht die Zeichen an der Wand? Alle Zwischenparteien sind zerrieben. Der Kommunismus ist stark geblieben. Der Krieg wird zu Ende gehen. Rußland hat einen großen Teil Deutschlands besetzt. Es ist bei weitem die stärkste Macht in Europa. Die Zeit der Koalitionen ist vorbei. Dieses war die letzte. Die Alliierten haben dem Kommunismus geholfen und sich selbst geschwächt, die Narren. Der Weltfriede wird abhängen von -« »Ich weiß«, unterbrach 509. »Ich kenne das Lied. Sag mir lieber, was mit denen geschähe, die gegen euch sind, wenn ihr gewinnen würdet und die Macht hättet? Oder denen, die nicht für euch sind?« Werner schwieg einen Moment. »Da gibt es viele verschiedene Wege«, sagte er dann. »Ich kenne welche. Du auch. Töten, Foltern, Konzentrationslager – meinst du die auch?« »Unter anderem. Je nachdem, was notwendig ist,« »Das ist ein Fortschritt. Wert, dafür hiergewesen zu sein!« »Es ist ein Fortschritt«, erklärte Werner unbeirrt. »Es ist ein Fortschritt im Ziel. Und auch in der Methode. Wir tun nichts aus Grausamkeit. Nur aus Notwendigkeit.« »Das habe ich oft genug gehört. Weber hat es mir auch erklärt, als er mir Streichhölzer unter die Nägel trieb und sie verbrannte. Es war notwendig, um Informationen zu bekommen.« Das Atmen des weißhaarigen Mannes ging in das stockende Todesröcheln über, das jeder im Lager kannte. Das Röcheln setzte manchmal aus; dann hörte nun in der Stille das leise Grollen am Horizont. Es war wie eine Litanei – der letzte Atem des Sterbenden und die Antwort aus der Ferne. Werner sah 509 an Er wußte, daß Weber ihn wochenlang gefoltert hatte, um Namen und Adressen von ihm zu bekommen. Werners Adresse auch. 509 hatte geschwiegen. Werner war dann später von einem schwachen Parteigenossen verraten worden. »Warum kommst du nicht zu uns, Koller?« fragte er. »Wir können dich gebrauchen.« »Das hat Lewinsky mich auch gefragt. Und darüber haben wir beide schon vor zwanzig Jahren diskutiert.« Werner lächelte. Es war ein gutes, entwaffnendes Lächeln. »Das haben wir. Oft genug. Trotzdem frage ich dich wieder. Die Zeit des Individualismus ist vorbei. Man kann nicht mehr allein stehen. Und die Zukunft gehört uns. Nicht der korrupten Mitte.« 509 blickte auf den Asketenkopf. »Wenn dieses hier vorbei ist«, sagte er langsam,»dann soll es mich wundern, wie lange es dauern wird, bis du ebenso mein Feind bist, wie die da auf den Türmen es jetzt sind.« »Nicht lange. Wir hier hatten eine Notgemeinschaft gegen die Nazis. Die fällt weg, wenn der Krieg zu Ende ist.« 509 nickte. »Es soll mich ebenfalls wundem, wie lange es dauern würde, wenn ihr die Macht hättet, bis du mich einsperren ließest.« »Nicht lange. Du bist immer noch gefährlich. Aber du würdest nicht gefoltert werden.« 509 zuckte die Achseln. »Wir würden dich einsperren und arbeiten lassen. Oder dich erschießen.« »Das ist tröstlich. So habe ich mir euer goldenes Zeitalter immer vorgestellt.« »Deine Ironie ist billig. Du weißt, daß Zwang nötig ist. Er ist die Verteidigung für den Beginn. Später wird er nicht mehr erforderlich sein.« »Hoch«, sagte 509. »Jede Tyrannei braucht ihn. Und jedes Jahr mehr; nicht weniger. »Das ist ihr Schicksal. Und immer ihr Ende. Du siehst es hier.« Nein. Die Nazis haben den fundamentalen Irrtum begangen, einen Krieg anzufangen, dem sie nicht gewachsen waren.«
»Es war kein Irrtum. Es war eine Notwendigkeit. Sie konnten nicht anders. Hätten sie abrüsten müssen und Frieden halten, so wären sie bankrott gewesen.
»Es wird euch ebenso gehen.«
»Wir werden unsere Kriege gewinnen. Wir führen sie anders. Von innen.«
»Ja, von innen und nach innen. Ihr könnt die Lager hier dann gleich behalten. Und sie füllen.«
»Das können wir«, sagte Werner völlig ernst. »Warum kommst du nicht zu uns? «wiederholte er dann.
»Genau deshalb nicht. Wenn du draußen an die Macht kämst, würdest du muh liquidieren lassen.
Ich dich nicht. Das ist der Grund.« Der weißhaarige Mann röchelte jetzt in großen Zwischenräumen. Sulzbacher kam herein. »Sie sagen, daß deutsche Flieger morgen früh das Lager bombardieren sollen. Alles zerstören.«
»Eine neue Latrinenparole«, erklärte Werner. »Ich wollte, es wäre schon dunkel. Ich muß nach drüben.«
Bucher blickte zu dem weißen Haus auf dem Hügel jenseits des Lagers hinüber. Es stand in der schrägen Sonne zwischen den Bäumen und schien unversehrt. Die Bäume des Gartens hatten einen hellen Schimmer, als seien sie überflogen vom ersten Rosa und Weiß der Kirschblüten.
»Glaubst du es jetzt endlich?« fragte er. »Du kannst ihre Kanonen hören. Sie kommen jede Stunde näher. Wir kommen heraus.«
Er sah wieder auf das weiße Haus. Es war sein Aberglaube, daß, solange es heil war, alles gut werden würde. Ruth und er würden am Leben bleiben und gerettet werden.
»Ja.« Ruth hockte neben dem Stacheldraht. »Und wohin sollen wir gehen, wenn wir hinauskommen?« fragte sie. »Weg von hier. So weit wie möglich«
»Wohin?«
»Irgendwohin. Vielleicht lebt mein Vater noch.«
Bucher glaubte es nicht; aber er wußte nicht genau, ob sein Vater tot war. 509 wußte es, doch er hatte es ihm nie gesagt.
»Bei mir lebt niemand mehr«, sagte Ruth. »Ich war dabei, als man sie abholte zu den Gaskammern.«
»Vielleicht sind sie nur auf einen Transport geschickt worden. Oder man hat sie anderswo leben lassen. Dich hat man doch auch leben lassen«. »Ja«, erwiderte Ruth.
»Mich hat man leben lassen.«
»Wir hatten in Münster ein kleines Haus. Vielleicht steht es noch. Man hat es uns weggenommen.
Wenn es noch steht, werden wir es vielleicht wiederbekommen. Wir können dann hinfahren und dort unterkommen.«
Ruth Holland antwortete nicht. Bucher blickte zu ihr hinüber und sah, daß sie weinte.
Er hatte sie fast nie weinen sehen und glaubte, es sei, weil sie sich an ihre toten Angehörigen erinnert hatte. Tod aber war etwas so Alltägliches im Lager, daß es ihm übertrieben schien, nach so langer Zeit noch so viel Schmerz zu zeigen. »Wir dürfen nicht zurückdenken, Ruth«, sagte er mit einem Schatten von Ungeduld. »Wie sollten wir sonst jemals wieder leben können?« »Ich denke nicht zurück.« »Warum weinst du dann?«