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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Nein. Ganz und gar nicht.«

»Das dachte ich mir schon, der ist nämlich kein schlechter Junge, dieser Meir.«

»Waren gestern abend auch andere hier in der Gegend unterwegs?« fragte Espina, und der Schäfer sagte ihm, kurz nachdem der Junge weggegangen war, seien zwei Bewaffnete vorbeigekommen, die ihn beinahe niedergeritten hätten. Er habe sie freilich nicht angesprochen, und auch sie hätten ihn keines Wortes gewürdigt.

»Zwei, sagt Ihr?« Bernardo wußte, daß er sich auf die Angaben des alten Mannes verlassen konnte. Der Schäfer hatte die beiden Männer sicher sehr genau beobachtet, konnte er doch froh sein, daß zwei bewaffnete nächtliche Reiter an ihm vorbeizogen, ohne anzuhalten und ihm ein oder zwei Lämmer abzunehmen.

»Zwei Reiter wohl, aber zusammen paßten sie irgendwie nicht. Der eine war bucklig, als trüge er einen Stein auf dem Rücken, den zwei Männer kaum stemmen könnten.« Diego grunzte und lief davon, um seinen Hund vier Schafen nachzuschicken, die sich von der Herde entfernten.

Bernardo nahm seine Stute am Zügel und stieg auf. »Seid mit Christus, Senor Diaz.«

Der alte Mann warf ihm einen schelmischen Blick zu. »Christus sei mit Euch, Senor Espina«, sagte er.

Ein kurzes Stück hinter den mühsam weidenden Schafen wurde die Erde fetter und fruchtbarer. Bernardo ritt durch Weingärten und einige Felder. In dem Feld neben dem Olivenhain der Abtei hielt er an, stieg ab und band die Zügel des Pferdes an einen Busch.

Das Gras war von Hufen platt gedrückt und zertrampelt. Das schien tatsächlich zu den zwei Pferden zu passen, die der Schäfer gesehen hatte.

Irgend jemand hatte von dem Auftrag des Silberschmieds erfahren und vermutlich, als Helkias kurz vor dem Abschluß der Arbeit stand, sein Haus beobachten lassen, um die Lieferung abzupassen.

An genau dieser Stelle war Meir seinen Mördern begegnet.

Die Schreie des Jungen hatte niemand gehört. Der von der Abtei gepachtete Olivenhain lag in freiem, unbewohntem Gelände, einen strammen Fußmarsch vom Kloster entfernt.

Blut. Hier hatte der Junge den Stich in die Seite erhalten, vermutlich von einer ihrer Lanzen.

Über dieses platt getrampelte Stück Gras, das Bernardo jetzt langsam abging, hatten die Reiter Meir ben Helkias vor ihren Pferden hergetrieben wie einen gejagten Fuchs und ihm dabei die Wunden an seinem Rücken beigebracht.

Hier hatten sie ihm den Lederbeutel samt Inhalt abgenommen. Gleich daneben lagen, von Ameisen bedeckt, zwei helle Käse der Art, wie Diego sie beschrieben hatte - der Vorwand des Jungen für seinen nächtlichen Botengang. Ein Käse war noch ganz, der zweite war zerdrückt, wie von einem großen Huf.

Und hier hatten sie ihn vom Pfad in den Olivenhain gejagt, der ihnen zusätzlichen Schutz bot. Hier war er geschändet worden, von einem oder von beiden.

Schließlich hatte man ihm die Kehle durchgeschnitten.

Bernardo wurde schwindelig. Plötzlich fühlte er sich sehr schwach.

Er war noch nicht so weit weg von seiner jüdischen Knabenzeit, um sich nicht mehr an die Angst zu erinnern, an die Furcht vor bewaffneten Fremden, an das Wissen um die Greuel, weil in all den Jahren so viel Böses passiert war. Und er war auch noch nicht so weit weg von seinem jüdischen Leben als Erwachsener, um diese Dinge nicht noch immer zu empfinden.

Einen Augenblick lang war er in seiner Vorstellung dieser Junge. Er hörte sie. Roch sie. Spürte die ungeheuren, bedrohlichen Gestalten der Nacht, die riesigen Pferde, die immer näher kamen, ihn niederritten.

Das grausame Stechen scharfer Klingen. Die Schändung.

Mit einemmal wieder Arzt, wankte Bernardo blindlings auf seine Stute zu. Die Sonne war am Sinken, und er mußte weg von hier. Vielleicht würde es ihm ja erspart bleiben, die Seele Meir ben Helkias' schreien zu hören, aber er hatte trotzdem wenig Lust, sich an diesem Ort aufzuhalten, wenn die nächste Dunkelheit hereinbrach.

4. KAPITEL

DAS VERHÖR

Es war so, wie Espina bereits vermutet hatte: Über den Mord an dem jüdischen Jungen und den Raub des Ziboriums fand er nur sehr wenig heraus. Fast alles, was er wußte, hatte er bei seiner Untersuchung der Leiche, der Unterhaltung mit dem Schäfer und der Besichtigung des Tatorts erfahren. Die einzig sichere Erkenntnis nach einer Woche ergebnislosen Herumfragens in der Stadt war, daß er seine Patienten vernachlässigt hatte, und so stürzte er sich wieder in seinen sicheren und tröstenden ärztlichen Arbeitsalltag.

Neun Tage nachdem er in die Abtei zur Himmelfahrt Maria gerufen worden war, beschloß er, am Nachmittag Padre Sebastian zu besuchen. Er wollte dem Priester das wenige berichten, das er hatte in Erfahrung bringen können, und damit seine Tätigkeit in dieser Angelegenheit abschließen.

Sein letzter Patient an diesem Tag war ein alter Mann, der Atemprobleme hatte, obwohl die Luft zur Abwechslung einmal kühl und frisch war, ein ungewöhnlich linder Tag in dieser Zeit der Hitze. Der magere Körper, der vor dem Arzt stand, war ausgezehrt und kraftlos, und es war offensichtlich, daß den Mann mehr plagte als nur das Wetter. Die Haut über dem Brustkorb war wie Leder, die Brust selbst war schleimgefüllt und verstopft. Als Espina das Ohr daran legte, hörte er ein abgehacktes Rasseln. Er war sich ziemlich sicher, daß die Tage des Mannes gezählt waren, das Sterben aber noch einige Zeit dauern würde, und er suchte eben in seinem Arzneibuch nach einem Trank, der dem Alten die letzte Zeit erträglich machen würde, als zwei nachlässig bewaffnete Männer so selbstsicher sein Behandlungszimmer betraten, als wären sie die neuen Besitzer.

Sie stellten sich als Soldaten des alguacil vor, des Vogts von Toledo.

Einer der beiden, ein kleiner Mann mit tonnenförmiger Brust, trug eine gewichtige Miene zur Schau. »Bernardo Espina, Ihr müßt unverzüglich mit uns kommen.«

»Was wünscht Ihr von mir, Senor?«

»Das Offizium der Inquisition befiehlt Euer Erscheinen.«

»Die Inquisition?« Espina bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Nun gut. Wenn Ihr bitte draußen warten würdet. Ich bin mit diesem Senor in Kürze fertig.«

»Nein, Ihr müßt sofort mitkommen«, sagte der größere Mann leise, aber mit mehr Nachdruck.

Espina wußte, daß Juan Pablo, sein Faktotum, mit dem Sohn des Alten im Schatten des Schuppens neben der Krankenstation plauderte. Er ging zur Tür und rief ihm zu: »Geh ins Haus und sag der Senora, sie möge diesen Besuchern Erfrischungen reichen. Brot mit Öl und Honig, und kühlen Wein.«

Die Männer des Vogts sahen sich an. Der Kleinere nickte. Das Gesicht seines Begleiters blieb ausdruckslos, aber er erhob keinen Einwand.

Espina goß den Trank des alten Mannes in einen irdenen Krug und verkorkte ihn. Gerade gab er dem Sohn des Patienten letzte Anweisungen, als Estrella, gefolgt von einer Dienerin mit Brot und Wein, auf ihn zueilte.

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