Chronos [A Bridge of Years - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-453-52448-4
- Переводчик: Michael Kubiak
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Chronos [A Bridge of Years - de]». Краткое содержание книги:
Mit »Chronos« legt Robert Charles Wilson einen einzigartigen Zeitreise-Roman vor. Der preisgekrönte Autor von »Spin« stellt damit einmal mehr unter Beweis, dass seine Romane zum Besten gehören, was die Science Fiction derzeit zu bieten hat.
»Einigermaßen jung«, sagte Ben. »Jung genug, um ein neues Leben zu beginnen, wenn ich von hier weggehe.«
»Dürfen Sie das denn?«
»Ich bin Angestellter und kein Sklave.«
»Also«, fasste Catherine zusammen, »Sie wollen all diese Schäden reparieren. Sie wollen den Tunnel wieder in Gang setzen und irgendwann nach Hause zurückkehren.«
»Ja.«
»Ist das denn möglich? Können Sie ihn reparieren?«
»Die kybernetischen Helfer reparieren so viele Schäden wie möglich. Dann können wir die Verbindung mit Manhattan schließen, sie isolieren, bis sie dort genauso repariert werden kann. Aber das dauert einige Zeit. Mindestens ein paar Wochen.«
»Und bis dahin«, sagte Catherine, »heißt das Problem Tom Winter.«
»Möglich, dass er völlig sicher ist. Möglich aber auch, dass er es nicht ist. Die kybernetischen Helfer haben versucht, ihn zu warnen, aber sie sahen sich einem enormen Informationshindernis gegenüber — ich fürchte, sie waren nicht sehr präzise. Er könnte den Eindringling aufgescheucht haben, oder er tut es noch.«
Catherine biss sich auf die Lippe. Hier lag das eigentliche Problem. »Sie wollen, dass wir ihn zurückholen.«
Ben machte ein ernstes Gesicht. »Das ist wahrscheinlich in diesem Stadium nicht möglich. Die kybernetischen Helfer könnten eingreifen, und sie bieten vielleicht einen gewissen Schutz vor dem Eindringling, aber die Gefahr ist offensichtlich. Ich werde Sie nicht bitten, keinen von Ihnen.«
Sie brauchen gar nicht zu fragen, dachte Catherine traurig. Sie sah Doug Archer an und wusste Bescheid.
Archer grinste.
»Tom ist ein liebenswerter Hurensohn«, sagte er. »Ich denke, dass ich ihn hierher zurückholen kann.«
Doug ging in die Küche und ließ Catherine mit Ben allein.
Sie zögerte in der Türöffnung, verunsichert durch Bens ausdruckslose Geduld. Schließlich sagte sie: »Ist das wirklich nötig? Wenn Sie Tom Winter nicht zurückholen… würde davon die Welt untergehen?« Sie fügte hinzu: »Ich glaube, Doug riskiert dabei sein Leben.«
»Ich werde alles tun, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich bestehen. Die Welt wird nicht untergehen, wenn Tom Winter in Manhattan bleibt… aber es könnte andere Folgen geben. Ich kann es nicht mit Sicherheit vorhersagen.« Er hielt inne. »Catherine, Doug weiß, dass der Durchgang offen ist. Meinen Sie, er hält sich davon fern, wenn ich es von ihm verlange?«
»Nein… ich glaube nicht, dass er das tun würde.« Catherine ärgerte sich darüber, aber sie begriff auch, dass es zutraf. »Auf diese Art und Weise erfüllt er wenigstens einen Zweck. Ist es das?«
»Dann«, sagte Ben, »wird er wohl zurückkommen.«
14
Tom schlief drei Stunden lang. Er wachte auf und fand Joyce neben sich. Aber er hatte das Gefühl, als hätte er sie bereits verloren.
Er telefonierte mit Max und sagte Bescheid, er komme nicht zur Arbeit. »Vielleicht bin ich am Samstag da und hole die verlorene Zeit nach.«
»Bist du krank?«, wollte Max wissen. »Oder führst du mich an der Nase herum?«
»Es ist wichtig, Max.«
»Wenigstens belügst du mich nicht. Sehr wichtig?«
»Sehr wichtig.«
»Hoffentlich. Das passt mir gar nicht.«
»Es tut mir leid.«
»Bring deine Angelegenheiten möglichst bald in Ordnung, ja? Du leistest gute Arbeit. Und ich habe keine Lust, schon wieder einen Neuen anzulernen.«
Das Problem war nicht Joyce. Das Problem lag in dieser empfindlichen Verbindung, die wahrscheinlich zerbrochen war.
Sie schlief noch, lag entspannt auf ihrer Seite des Bettes und hatte eine Hand unter ihr Kopfkissen geschoben. Das Baumwolllaken war zwischen ihre Beine gerutscht. Ihre Brille lag auf der Apfelsinenkiste neben dem Bett. Sie sah ohne die Brille nackt aus, wehrlos, zu jung. Tom betrachtete sie, trank Kaffee, bis sie einen unglücklichen Laut ausstieß und sich umdrehte.
Er wagte kaum, sich klarzumachen, was dies alles für sie bedeutete. Zuerst war da die interessante Neuigkeit, dass der Mann, mit dem sie zusammenlebte, ein Besucher aus der Zukunft war… gefolgt von einer Begegnung mit etwas Sonderbarem und Monströsem in einem Tunnel unter der Erde. Dies waren Erlebnisse, die eigentlich niemand haben sollte. Vielleicht hasste sie ihn deshalb. Vielleicht sollte sie das auch.
Er wälzte diese Gedanken in seinem Kopf, als sie aus dem Schlafzimmer herausstolperte und sich auf einen Stuhl am dreibeinigen Küchentisch fallen ließ. Tom füllte eine Kaffeetasse für sie und stellte erleichtert fest, dass der Blick, mit dem sie ihn musterte, in keiner Weise hasserfüllt war. Sie gähnte und strich sich das Haar aus der Stirn. »Hast du Hunger?«, fragte er sie. Sie schüttelte den Kopf. »Oh, Gott. Jetzt etwas essen? Bitte, nein.«
Nichts Hasserfülltes in der Art und Weise, wie sie ihn betrachtete, dachte Tom, aber etwas Neues und Beunruhigendes: ein verletztes, gequältes Erstaunen.
Sie trank ihren Kaffee. Sie sagte, sie habe an diesem Abend einen Auftritt in einem Café namens Mario’s. »Aber ich weiß nicht, ob ich das bringe.«
»Das war eine ziemlich harte Nacht«, stellte Tom fest.
Sie starrte stirnrunzelnd in ihre Kaffeetasse. »Es war doch alles real, oder? Ich denke die ganze Zeit, es war ein Traum oder irgendeine Halluzination. Aber das war wohl nicht der Fall. Wir könnten dorthin zurückkehren, und es wäre noch alles da.«
Tom nickte. »Das wäre es. Wir sollten es aber nicht tun.«
»Wir müssen reden«, sagte sie.
Er nickte. »Ich weiß.«
Sie gingen durch den vormittäglichen Sonnenschein und den Juligeruch von aufgeweichtem Asphalt und heißem Beton zum Frühstücken.
Die Stadt hatte sich seit gestern Abend auch verändert, dachte Tom.
Es war eine Stadt, verloren im Brunnen der Zeit, verzaubert und unendlich fremd, unterirdisch, mehr Legende als Wirklichkeit. Er war aus einer Welt der Enttäuschung und des Irrtums hierhergekommen und hatte ein Taschenuniversum voller Optimisten und zynischer Romantiker entdeckt — mit Menschen wie Joyce, wie Soderman, wie Larry Millstein. Sie sagten, sie hassten die Welt, in der sie lebten, aber Tom wusste es besser. Sie liebten sie mit ihrer Entrüstung und ihren Gedichten. Sie liebten sie mit der Überzeugung ihres eigenen Neuseins. Sie glaubten an eine Zukunft, die sie nicht definieren, sondern nur erahnen konnten — sie benutzten Worte wie »Gerechtigkeit« und »Schönheit«, Worte, die ihren eigenen grundlegenden Optimismus verrieten. Sie glaubten ohne Scham an die Möglichkeit der Liebe und an die Macht der Wahrheit. Sogar Lawrence Millstein glaubte an diese Dinge. Tom hatte einen Durchschlag von einem seiner Gedichte gefunden, den Joyce in einer Küchenschublade vergessen hatte. Das Wort »morgen« war unterstrichen — »… morgen wie ein Vater, der seine müden Kinder liebt und sie zusammensucht«. Ja, dachte Tom, du bist einer von ihnen, Larry, immer vor dich hinbrütend und schlecht gelaunt, aber du singst das gleiche Lied wie sie. Und von all diesen Menschen war Joyce die reinste Inkarnation. Ihre Augen waren auf die Bosheiten der Welt gerichtet, aber sie sah darüber hinweg in einer Art Erlösung, unentdeckt, ein versunkenes Jahrtausend, das wie ein Meerestier dem Licht entgegensteigt.
All das in dieser heißen, schmutzigen, oft gefährlichen und rundum wunderbaren Stadt, in dieser Nautilusschale vergessener Ereignisse.
Aber ich habe das verändert, dachte Tom.
Ich habe es vergiftet.
Er hatte die Stadt mit Alltäglichkeiten, mit Langeweile vergiftet. Die Schlussfolgerung war unausweichlich: Wenn er hierbliebe, würde dies lediglich zu einem Ort werden, an dem er lebte, wären die Morgenzeitungen und die Abendnachrichten nicht wundervoll, sondern vorhersagbar, genauso banal und selbstverständlich wie sein morgendlicher Gang zur Toilette. Sein einziger Trost wäre ein großes, privates auf die Zukunft gerichtetes Panoramafenster, dreißig Jahre breit. Und Joyce.