Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Mikhail setzte sich auf den Boden, gab mir etwas zu trinken, was sofort mein Blut erwärmte. Dos half mir, mich anzuziehen, wir kletterten die singenden Dünen hinunter, bestiegen unsere Pferde und kehrten zu unserem improvisierten Camp zurück. Noch bevor Mikhail und Dos anfingen, das Essen zuzubereiten, war ich in einen tiefen Schlaf gefallen.
»Was ist los? Ist es immer noch nicht hell geworden?«
»Doch, schon lange. Es ist nur ein Sandsturm, keine Sorge. Setzen Sie Ihre Sonnenbrille auf, schützen Sie Ihre Augen.«
»Wo ist Dos?«
»Er ist nach AlmaAta zurückgekehrt. Mich hat die Zeremonie gestern tief berührt. Eigentlich hätte er sie nicht durchführen müssen. Vielleicht war es ja auch verlorene Zeit für Sie, und außerdem hätten Sie sich fast eine Erkältung geholt. Hoffentlich haben Sie verstanden, daß er Ihnen damit zeigen wollte, wie willkommen Sie sind. Hier, nehmen Sie das Öl.«
»Ich habe zu lange geschlafen.«
»Es sind nur zwei Stunden zu Pferd. Wir werden ankommen, bevor die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hat.«
»Ich muß baden, mich umziehen.«
»Unmöglich. Wie denn, mitten in der Steppe? Gießen Sie Öl in den Topf, aber bieten Sie es erst der Herrin an − es ist nach dem Salz das wertvollste Gut.«
»Was bedeutet Tengri?«
»Das Wort bedeutet ›der Himmelskult‹, eine Art Religion ohne Religion. Die Buddhisten, die Hinduisten, die Katholiken, die Moslems und viele Sekten sind hier durchgezogen, Glauben und Aberglauben sind hier durchgezogen. Die Nomaden sind nur konvertiert, um Repressionen zu vermeiden, haben aber weiter eine Gottheit verehrt, die überall und zu allen Zeiten da ist. Man kann sie nicht aus der Natur herauslösen und sie in Bücher oder zwischen vier Wände stecken. Seit ich diesen Boden betreten habe, fühle ich mich besser, als hätte ich diese Stärkung tatsächlich gebraucht. Ich danken Ihnen, daß Sie mich mitgenommen haben.«
»Ich danke Ihnen, daß Sie mir Dos vorgestellt haben. Als er mich gestern geweiht hat, spürte ich, daß er ein ganz besonderer Mensch ist.«
»Er hat von seinem Großvater gelernt, der seinerseits von seinem Vater gelernt hat und so weiter. Der nomadische Lebensstil und das Fehlen einer Schriftsprache bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts haben dazu geführt, daß sich die Institution des ›Akyn‹ entwickelt hat. Ein Akyn ist eine Person, die sich an alles erinnern muß und die Geschichten weitergibt. Dos ist ein Akyn.
Wenn ich von ›Lernen‹ spreche, verstehe ich darunter nicht ›Wissen anhäufen‹. Die Geschichten des Akyn haben ebensowenig mit Daten, Namen oder Fakten zu tun. Es sind Legenden von Helden und Heldinnen, Tieren und Schlachten. Sie sind Symbole für das Wesen des Menschen, nicht nur seine Taten. Es ist nicht die Geschichte von Siegern und Besiegten, sondern von Menschen, die die Welt durchwandert, die Steppe betrachtet und sich von der Energie der Liebe haben berühren lassen. − Gießen Sie das Öl langsamer ein, sonst spritzt es.«
»Ich habe mich gesegnet gefühlt.«
»Ich würde mich auch gern so fühlen. Gestern habe ich meine Mutter in AlmaAta besucht. Sie fragte, ob es mir gutgehe. Ich habe gelogen, ihr gesagt, es ginge mir ausgezeichnet, ich hätte in Paris eine sehr erfolgreiche Show.
Heute kehre ich zu meinem Volk zurück, mir ist so, als wäre ich erst gestern aufgebrochen und hätte in der Zeit meiner Abwesenheit nichts Wichtiges vollbracht. Ich rede mit Bettlern, bin mit den Stämmen unterwegs, organisiere Treffen im Restaurant, und was kommt dabei heraus? Nichts. Ich bin nicht wie Dos, der von seinem Großvater gelernt hat, und manchmal denke ich, daß alles nur Halluzinationen sind und ich möglicherweise wirklich nur epileptische Anfälle habe, weiter nichts.«
»Vor einer Minute haben Sie mir noch dafür gedankt, daß ich Sie mitgenommen habe, und jetzt scheint es Sie unglücklich zu machen. Sie müssen sich für ein Gefühl entscheiden.«
»Ich fühle beides, ich brauche mich nicht zu entscheiden, ich kann mich zwischen gegensätzlichen Gefühlen, meinen Widersprüchen, hin und herbewegen.«
»Ich möchte Ihnen etwas sagen, Mikhail. Auch ich habe mich zwischen gegensätzlichen Gefühlen hin und herbewegt, seit ich Sie kennengelernt habe. Anfangs habe ich Sie gehaßt, dann habe ich gelernt, Sie zu akzeptieren, und daraus ist nach und nach Respekt geworden. Sie sind noch jung, und da ist dieses Gefühl von Ohnmacht vollkommen normal. Ich weiß nicht, wie viele Menschen Ihre Arbeit bislang berührt hat, aber eines kann ich Ihnen versichern: Sie haben mein Leben verändert.«
»Ihnen ging es doch nur darum, Ihre Frau zu finden.«
»Das stimmt immer noch. Aber dazu habe ich mehr als nur die Steppen Kasachstans durchquert: Ich bin durch meine Vergangenheit gegangen, habe gesehen, wo ich etwas falsch gemacht habe, wo ich stehengeblieben bin, habe den Augenblick erkannt, in dem ich Esther verloren habe. Ich habe Dinge erlebt, die ich in meinem Alter nicht mehr erwartet hatte. Alles das, weil Sie bei mir waren und mich geführt haben, ohne daß es Ihnen bewußt war. Und noch etwas. Ich glaube tatsächlich, daß Sie Stimmen hören. Ich glaube, daß Sie als Kind Visionen gehabt haben. Ich habe immer an viele Dinge geglaubt, aber jetzt glaube ich an noch viel mehr.«
»Sie sind nicht mehr der, den ich kennengelernt habe.«
»Das bin ich wirklich nicht. Ich hoffe, Esther freut sich darüber.«
»Freuen Sie sich denn?«
»Und wie!«
»Das reicht. Lassen Sie uns etwas essen und darauf warten, daß sich der Sturm legt und wir weiterreiten können.«
»Stellen wir uns dem Sturm!«
»In Ordnung. Doch aufgepaßt: Der Sturm ist kein Zeichen, er ist nur die Folge der Zerstörung des Aralsees.«
Die Wut des Windes ließ nach, und die Pferde kamen jetzt schneller voran. Wir gelangten in eine Art Schlucht, und die Landschaft veränderte sich vollkommen. An die Stelle des unendlichen Horizonts traten hohe, kahle Felsen.
Zu meiner Rechten entdeckte ich einen Busch, an den lauter Schleifen gebunden waren.
»Hier war es! Haben Sie hier ...?«
»Nein. Mein Busch wurde zerstört.«
»Und was ist das hier?«
»Ein Ort, an dem etwas sehr Wichtiges geschehen sein muß.«
Er stieg vom Pferd, öffnete den Rucksack, zog ein Messer heraus und schnitt ein Stück von seinem Hemdärmel ab, band es an einen Zweig. Sein Blick veränderte sich, vielleicht, weil ›es‹ an seiner Seite war, aber ich mochte ihn nicht fragen.
Ich tat es ihm nach. Ich bat um Schutz, Hilfe, spürte auch eine ›Anwesenheit‹ an meiner Seite: meinen Traum, meine lange Rückkehr zu der Frau, die ich liebte.
Wir stiegen wieder auf. Er erzählte mir nicht, worum er gebeten hatte, und ich erzählte ihm nichts von meiner Bitte.
Fünf Minuten später tauchte eine kleine Ortschaft mit weißen Häusern auf. Ein Mann erwartete uns, wandte sich an Mikhail. Nachdem sie sich eine Weile auf russisch unterhalten hatten, ging der Mann wieder.
»Was wollte er?«
»Er wollte, daß ich zu ihm nach Hause gehe und seine Tochter heile. Nina muß gesagt haben, daß ich heute komme, und die alten Leute erinnern sich noch an die Visionen.«
Mikhail wirkte plötzlich unsicher. Niemand war zu sehen. Die Leute arbeiteten entweder, oder sie waren beim Essen. Wir überquerten die Hauptstraße, die zu einem weißen Gebäude inmitten eines Gartens führte.
»Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen heute morgen gesagt habe, Mikhail. Möglicherweise sind Sie nur ein Epileptiker, der sich weigert, seine Krankheit zu akzeptieren, und dessen Unterbewußtsein eine ganze Geschichte um sie herum geschaffen hat. Aber es kann ebensogut sein, daß Sie eine Mission auf Erden haben: den Menschen beizubringen, ihre eigene Geschichte zu vergessen, offener für die Liebe als reine, göttliche Energie zu sein.«
»Ich verstehe Sie nicht. Während all der Monate, die wir uns jetzt kennen, haben Sie nur von diesem Augenblick gesprochen − Esther wiederzusehen. Und plötzlich, seit heute morgen, scheinen Sie sich mehr Sorgen um mich zu machen. Hat das mit dem Ritual zu tun, das Dos mit Ihnen durchgeführt hat?«