Stadt unter dem Eis
- Автор: Greanias Thomas
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Stadt unter dem Eis». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe
RAISING ATLANTIS
erschien 2005 bei Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc. New York
Zawas war sichtlich verunsichert. Er senkte seine Pistole, um die Flasche aufzudrehen. Serena nutzte die Ablenkung, um ihm die Waffe aus der Hand zu treten. Sie verfehlte die Pistole, traf aber seinen Arm. Ein Schuss löste sich. Der Helikopter schwenkte hoch und warf Zawas aus dem Gleichgewicht. In der Absicht, sie zu töten, schoss Zawas noch zwei weitere Kugeln, die aber nur die Windschutzscheibe trafen.
Serena sah zum Piloten hinüber und stellte fest, dass er getroffen worden war. Sie machte einen Satz nach vorn, schob den Mann zur Seite und übernahm das Steuer. Sie blickte nach hinten und sah gerade noch, wie sich der wütende Zawas wieder aufrichtete.
»Oberst!«, rief sie. »Können Sie einen Hubschrauber fliegen?«
Zawas runzelte die Stirn. »Natürlich.«
»Ich auch.«
Sie ging abrupt in die Querlage, und Zawas stürzte aus der Türöffnung. Er fiel wie ein Stein, wobei er wie wild mit den Armen fuchtelte, bis er auf das strudelnde Wasser auftraf, wo er sofort verschwand.
Serena holte tief Luft und brachte den Hubschrauber wieder ins Gleichgewicht. Eine schnelle Überprüfung der Cockpitanzeigen sagte ihr, dass sie mit ein bisschen Glück genügend Treibstoff hatte, um in Funknähe zur Station McMurdo auf festem Eis zu landen. Allerdings wollte sie unbedingt noch einen letzten Blick nach unten werfen, bevor sie weiterflog. Sie suchte das Eis unter sich ab, während sie mit den Tränen kämpfte. Die Stadt war verschwunden, und ihr Treibstoffpegel sank stetig.
Als sie im stürmischen Himmel über das gefrierende Wasser kreiste, betete sie für Conrad Yeats' Seele. Dann schwenkte sie in Richtung McMurdo, der Station auf dem Ross-Schelfeis, ein und flog los.
38 Der Tag danach
Um sechs Uhr Weltzeit (UTC) führte Major General Lawrence Baylander, ein kampferprobter Neuseeländer, seinen Hägglunds-Konvoi mit den UNACOM-Waffeninspekteuren um eine Spalte im Eis herum ins Zielgebiet.
Auf dem windgepeitschten Terrain würden sie keinerlei Spuren von amerikanischen Atomtests finden. Radioaktivität, unterirdische Anlagen und Ähnliches würde man nur durch Strahlungs- und Wärmemessungen und mittels seismischer Geräte erfassen können. Selbst dann würden sie im Eiskern Probebohrungen durchführen müssen, dachte er. Hätten sie doch nur mehr Zeit.
Aber Baylander hatte seine Such- und Rettungsmannschaften längst zu weit vordringen lassen, stellte er fest, und Vorräte und Zeit wurden allmählich knapp. Er war schon zu dem Schluss gekommen, dass sie ihre Kettenfahrzeuge zurücklassen mussten, um dann zurückzufliegen, sobald die Unterstützung aus der Luft da war. So wie es um die Geldmittel in der internationalen Politik stand, war ihm klar, dass sie nie in dieses Ödland zurückkehren würden. Das Einzige, was er aus dieser Eishölle würde herausziehen können, war die bittere Genugtuung, dass die Amerikaner eine gehörige Tracht Prügel von den Vereinten Nationen einstecken würden.
Er merkte, wie ihm die Gelegenheit, die Amerikaner dranzukriegen, zwischen den Fingern zerrann. Erschöpft und gereizt stand er schon kurz davor, ans Basislager zu funken, dass sein Team zur Umkehr bereit sei, als der Konvoi auf ein Hindernis stieß.
Anscheinend war der rote Hägglunds, der da aus dem Eis ragte, mit blockierten Ketten in eine Spalte gerutscht. Der Transporter stand mit zerstörtem Führerhaus in leichter Schräglage da.
Baylander fluchte und teilte den Konvoifahrzeugen über Funk mit, dass sie anhalten sollten. Während er sich seine maßgefertigten Plastikschneeschuhe anlegte, beschloss er, den Motor laufen zu lassen. Mit einem Ruck riss er dann die Kabinentür auf, sprang nach draußen und bahnte sich mit weit ausholenden Schritten einen Weg durch den hüfthohen Schnee.
Mit grimmiger Miene lief er einmal um das Wrack herum und inspizierte es. Hinter der zersprungenen, beschlagenen Windschutzscheibe erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Er beugte sich vor, um es genauer zu betrachten. Im Inneren befand sich eine wie im Mutterleib zusammengerollte Gestalt. Ein Erfrorener. Wenn es ein Amerikaner war, hätte er endlich den Beweis. Baylander richtete sich wieder auf und lief zum Führerhaus.
Ihm war klar, dass der Türgriff nicht funktionieren konnte, aber er versuchte es trotzdem. Er war wie vermutet festgefroren. Mit seinem Metallstab schlug Baylander das Seitenfenster ein und kletterte dann vorsichtig hinein.
Der Mann lag quer über den Ledersitzen. Baylander drehte ihn auf den Rücken. Das kreidebleiche Gesicht hatte einmal einem relativ jungen, gut aussehenden Mann gehört. Baylander starrte eine Weile auf die geisterhafte Erscheinung und beugte sich dann vor, um zu horchen, ob der Mann noch atmete. Er hörte nichts.
Baylander knüpfte den Mantel der Leiche auf, worauf eine UNACOM-Uniform zum Vorschein kam. Verdammter Mist, dachte er. Das muss einer von uns sein, von der Mannschaft, die zuerst hier war. Er konnte allerdings nichts finden, was den Mann identifiziert hätte.
Um den Todeszeitpunkt festzustellen, sah er sich den Toten genauer an. Lange konnte er noch nicht tot sein, stellte er fest, höchstens 24 Stunden, weil der Körper gerade erst anfing, sich blau zu färben. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass er schon eine ganze Zeit lang hier liegen musste. Das Führerhaus hatte dem Inspekteur wohl ausreichend Schutz vor Wind und Wetter geboten. Jedenfalls hatte er weit länger, als Baylander angenommen hätte, überlebt. Er vermutete, dass die letzten Stunden des Mannes eine Mischung aus halber Bewusstlosigkeit, Delirium und dem langsamen Versagen der lebenswichtigen Organe gewesen war. Alles in allem musste es ein ziemlich unangenehmes Ende gewesen sein.
Baylander zog seine dicken Handschuhe aus und legte zwei Finger auf die Halsschlagader des Mannes. Zu seiner Verwunderung spürte er einen ganz schwachen Pulsschlag.
39 2. Tag danach
Am Nachmittag darauf erwachte Conrad Yeats in einem Einzelzimmer der Krankenstation von McMurdo. Lange Zeit lag er ruhig da und wurde sich erst nach und nach bewusst, dass seine Hände bandagiert waren und seine Schulter sich in einer Schlinge befand. Und in seinem Kopf dröhnte es wie von Paukenschlägen. Mit einer verbundenen Hand betätigte er den Klingelknopf, aber die Navy-Krankenschwester, die hereinkam, beschied ihm lediglich, er solle still liegen bleiben.
Also blieb er liegen und rekonstruierte Stück für Stück die Geschehnisse des Tags zuvor bis zum Vormittag. Er nahm einen Stift in seine bandagierte Hand und fertigte eine Zeichnung an. Danach schlief er wieder ein. Als er erneut aufwachte, saß eine Frau an seinem Bett. Sie lächelte.
Er sah sie eindringlich an. »Genau wie in den Krankenzimmern früher – ein Bett und eine Schwester«, sagte er und versuchte zu lächeln, was aber ziemliche Schmerzen verursachte. Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. »Wie lange sitzt du schon da?«
»Erst seit ein paar Minuten«, sagte Serena mit einem warmen Lächeln.
Conrad wusste, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Als er mitten in der Nacht einmal aufgewacht war, hatte er gesehen, wie sie im Sessel schlief. Er hatte gedacht, es wäre ein Traum gewesen. »Du lebst.« Er hielt ihr die Hand hin, und sie berührte seinen Verband.
»Und du auch, Conrad.«
»Und was ist mit den anderen?«
»Alles in Ordnung.« Eine Träne glänzte auf ihrer Wange. »Das haben wir dir zu verdanken.«
»Was ist mit Yeats?«
Sie schien sich anzuspannen. »Er dürfte schon am Pluto vorbei sein, könnte ich mir denken.«
»Glaubst du, dass das, was er über mich gesagt hat, verrückt war?« Conrad suchte ihren Blick.
»Auch nicht verrückter als eine verlassene Stadt unter dem Eis.«
Conrad überlegte. »Heißt das, ja, es ist verrückt, oder heißt das, nein, es stimmt?«
»Es gibt keine Stadt, Conrad«, sagte sie. »Die ganze Angelegenheit ist abgeschlossen. Ein für alle Mal. Vorbei. Klar?«
»Nicht ganz«, sagte er. »Ich habe eine Wahnsinnsentdeckung gemacht, Serena. Schau dir das mal an.«