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Hagen von Tronje

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Hagen von Tronje
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Die Alte drückte ihn unsanft auf den Stuhl zurück, als er aufzustehen versuchte. Sie nahm ihm den Helm ab und löste den Verband von seiner linken Gesichtshälfte. Hagen hörte sie vor sich hinmurmeln, ohne ihre Worte zu verstehen. Ihre Finger machten sich geschickt an seinem Auge zu schaffen, und der Schmerz erlosch von einer Sekunde auf die andere.

»Ich... danke dir«, sagte Hagen. Seine Stimme zitterte vor Erschöpfung. »Ich glaube, ich hätte den Verstand verloren, wenn der Schmerz noch länger angedauert hätte.«

»Mir scheint, das habt Ihr sowieso«, sagte die Alte kopfschüttelnd. »Seid Ihr verrückt mit einer so schweren Verletzung den ganzen weiten Weg von Worms hierherzureiten? Ihr hättet nicht nur Euer bißchen Verstand, sondern auch Euer Leben verlieren können, Hagen. Wollt Ihr Euch umbringen oder was?« Ihre lebhaften alten Augen blitzten, und zwischen ihren dünnen, in dem pergamentartigen Gesicht kaum erkennbaren Brauen bildete sich eine doppelte, tiefe Falte. »Mir scheint, genau das ist es, was Ihr wolltet«, fügte sie leise und mehr zu sich selbst hinzu. Seufzend ließ sie sich auf dem zweiten Hocker nieder und legte die Hände nebeneinander flach auf die Tischplatte. »Ich hätte Euch für klüger gehalten, Hagen.« Eine Weile starrte sie schweigend vor sich hin. »Das ist eine schlimme Wunde, die man Euch da geschlagen hat«, nahm sie den Faden schließlich wieder auf. »Aber soviel ich sehe, habt Ihr einen guten Arzt gehabt. Mehr kann ich auch nicht für Euch tun.« Ihre Stimme wurde eine Spur schärfer. »Ich hoffe, Ihr seid nicht in der irrigen Hoffnung hergekommen, ich könnte Euch das Augenlicht wiedergeben.« »Ich muß mit dir reden«, sagte Hagen.

Das Gesicht der Alten blieb unbewegt. »Was gäbe es wohl, was ein Mann wie Ihr mit einem verrückten alten Kräuterweib zu besprechen hätte, Hagen von Tronje?«

Hagen fuhr zornig auf. »Halte mich nicht für dumm, Alte«, sagte er scharf. »Du bist nicht verrückt und du bist auch kein harmloses Kräuterweib.« »Und was«, fragte die Alte lächelnd, »bin ich Eurer Meinung nach?« »Das weiß ich nicht«, knurrte Hagen. »Vielleicht eine Hexe, vielleicht Frigg selbst - ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was du nicht bist.« Ein leises, höhnisches Lachen kam über die rissigen Lippen der alten Frau. »Vielleicht Frigg selbst«, wiederholte sie belustigt. »Wenn ich Odins Gattin wäre, Hagen, dann wäre es sehr leichtsinnig von Euch, in einem solchen Ton mit mir zu sprechen, findet Ihr nicht? Als Ihr das erste Mal hier wart, sprachen wir auch über die Götter. Wart Ihr es nicht, der sagte, sie wären rachsüchtig und grausam?«

»Und?« erwiderte Hagen und deutete auf sein Auge. »Was gibt es, was sie mir noch antun könnten?«

»Viel, Hagen«, erwiderte die Alte ernst. Die Antwort schnürte Hagen die Kehle zu und hallte wie ein böses Omen hinter seiner Stirn wider. »Du... weißt sehr wohl, warum ich hier bin«, sagte er. »Weiß ich's?« Wieder lachte die Alte ihr unheimliches, rauhes Lachen, das an den kehligen Laut eines Tieres erinnerte. »Und wenn ich es wüßte, Hagen«, fuhr sie fort, »wer sagt Euch, daß mich Euer Schicksal interessiert? Glaubt Ihr wirklich, daß sich die Götter um die Geschicke einzelner Menschen kümmern?«

»Ja«, antwortete Hagen, »das glaube ich. Weil sie uns brauchen. Weil sie ohne uns nicht existieren können, so wenig wie wir ohne sie.« Die Alte seufzte. »Hagen von Tronje«, sagte sie. »Wie verzweifelt müßt Ihr sein, daß Ihr hierherkommt, um mich um Rat zu bitten.« »Sehr«, murmelte Hagen, ohne sie anzusehen. »Ich ... weiß mir keinen Ausweg mehr.«

»Zum ersten Mal«, nickte die Alte. »Oder irre ich mich? Ihr habt es nie zuvor kennengelernt, dieses Gefühl, nicht weiterzuwissen. Ihr habt nie gewußt, was es heißt, in einer Lage zu sein, in der alles, was Ihr tun könnt, falsch ist Egal, wie Ihr Euch entscheidet, es wird Übles daraus werden. Ihr habt Euch zeit Eures Lebens auf die Kraft Eures Körpers und die Schärfe Eures Geistes verlassen können. Und jetzt fühlt Ihr Euch hilflos und wißt nicht weiter.« Sie lachte, aber diesmal klang es mitfühlend und sanft. Sie schob die Hand über den Tisch und berührte Hagens Rechte mit ihren dürren kalten Fingern. »Habt Ihr gedacht, Ihr wäret dagegen gefeit, Hagen? Habt Ihr schon geglaubt, Ihr wäret ein Gott, der ohne Fehl ist und niemals etwas falsch macht? Der Gedanke gefällt Euch nicht, aber es ist doch so: Ihr habt versagt Zum ersten Mal in Eurem Leben habt Ihr den richtigen Zeitpunkt zum Handeln versäumt. Und jetzt wo Ihr es begreift, beginnt Ihr zu zweifeln. Zu zweifeln an Euch selbst« »Vielleicht hast du recht«, murmelte Hagen. Er wollte seine Hand zurückziehen, aber die Finger der Alten hielten sie mit erstaunlicher Kraft fest »Warum geht Ihr nicht zurück nach Tronje, wo Ihr hingehört? Noch ist Zeit dazu. Ich habe es Euch schon einmal geraten, und es sind schlimme Dinge geschehen seither. Aber trotzdem, noch ist es nicht zu spät.« »Das kann ich nicht«, murmelte Hagen. »Es ... es wäre wie eine Flucht« »Nicht wie eine Flucht«, verbesserte ihn die Alte. »Es wäre Flucht. Ihr würdet davonlaufen. Aber manchmal gehört mehr Mut zum Davonlaufen als zum Sterben, Hagen.«

»Trotzdem.« Hagen zog seine Hand nun doch zurück und setzte sich ein wenig auf. »Es geht nicht«, sagte er. »Und es würde nichts nutzen. Niemandem wäre geholfen. Am allerwenigsten Gunther oder Kriemhild.« »Manchmal muß man einem Freund weh tun, um ihm zu helfen«, sagte die Alte. »Ihr wollt Kriemhild helfen, weil Ihr sie liebt, und Ihr wolltet Gunther helfen, weil Ihr glaubt, ihm Treue schuldig zu sein. Ihr habt einen Fehler begangen, weil Ihr zugelassen habt, daß Siegfried nach Worms kam, und jetzt zahlt Ihr den Preis dafür.« »Dann laß ihn mich zahlen, nicht die, die keine Schuld trifft«

»Wer sagt Euch, daß sie unschuldig sind? Denkt Ihr, Ihr könntet das Schicksal der Welt ändern? Das Geschlecht der Burgunder wird untergehen, so oder so. Nach ihm werden andere kommen, und nach diesen wieder andere. Was Ihr verlangt, ist unmöglich. Ich kann Euch nicht helfen.«

»Warum hast du mich dann hierherkommen lassen, wenn du nichts für mich tun kannst?« begehrte Hagen auf. »Warum hast du mich den Weg zu deinem Haus finden lassen?« »Weil du sonst gestorben wärst, du Narr!«

Hagen starrte sie an. »Das wäre die beste Lösung gewesen«, murmelte er. »Und das wolltet Ihr auch, nicht wahr?« sagte die Alte hart »Ihr seid gar nicht so tapfer, wie Ihr vorgebt zu sein, Hagen. Ihr sagt, Ihr könnt nicht nach Tronje zurückgehen, weil es wie Flucht aussehen würde - und was tut Ihr? Seid Ihr nicht von Worms fortgeritten, um zu sterben? Aber das ist auch keine Lösung.« »Gibt es eine andere?«

»Es gibt sie, und ich habe sie Euch schon zweimal genannt. Nehmt das nächste Schiff und fahrt heim.«

»Das ist alles, was du mir zu sagen hast?«

»Das ist alles«, bestätigte sie. »Und ich werde es kein drittes Mal sagen. Denkt über meine Worte nach, Hagen. Das Geschlecht der Burgunder wird untergehen, und Ihr mit ihm, wenn Ihr in Worms bleibt.« Sie stand auf und ging zur Tür, und nach einer Weile erhob sich auch Hagen, setzte vorsichtig seinen Helm wieder auf und folgte ihr. »Versucht nicht noch einmal an diesen Ort zurückzukehren, Hagen«, sagte die Alte zum Abschied. »Ihr würdet den Weg nicht mehr finden. Hört auf meine Worte und geht nach Hause. Denn wenn wir uns ein drittes Mal wiedersehen, wird es dafür zu spät sein.«

21

Wie er den Weg nach Worms zurückfand, wußte er nicht mehr, und es war wohl auch eher sein Pferd, dem sein Instinkt den Weg in den heimatlichen Stall wies, als die Hand seines Reiters, die es lenkte, denn die nächste klare Erinnerung, die er hatte, war die an Kriemhilds Kemenate und das Bett neben der Feuerstelle, in dem er lag und mit dem Fieber kämpfte. Gesichter kamen und gingen, wechselten sich ab mit bizarren Bildern aus den Fieberträumen, die ihn peinigten, und ein paarmal wachte er auf und schrie und schlug um sich, ohne zu wissen, warum. Wie oft bei einer schweren Krankheit war der Rückfall schlimmer als der Anfang. Zwölf Tage kämpfte er einen zähen Kampf gegen das Fieber. Er verlor dreißig Pfund an Gewicht und war so schwach, daß er gefüttert werden mußte. Und in den seltenen Augenblicken, die sich manchmal zu Stunden dehnten - in den Momenten, in denen er wirklich wach war und nicht phantasierte oder auf dem schmalen Grat zwischen Wachsein und Bewußtlosigkeit balancierte, lag er stumm da und stürzte in immer tiefere Verzweiflung. Er war aus Worms fortgeritten, um zu sterben. Er war zu feige - oder vielleicht auch zu tapfer - gewesen, seinen Dolch zu nehmen und ihn sich selbst ins Herz zu stoßen. Es mußte wohl so sein, wie die Alte gesagt hatte: Die Götter hatten ihre eigenen Pläne mit seinem Schicksal, und nicht einmal er war stark genug, sich gegen ihren Willen zu stellen.

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