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Vor dem Tod sind alle gleich

Электронная книга - «Vor dem Tod sind alle gleich». Краткое содержание книги:

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat.
In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Wegen des großen internationalen Erfolgs seiner Serie um Schwester Fidelma wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt.
Schwester Fidelma ist ins Reich des Königs von Laigin geeilt, um Bruder Eadulf, ihrem engsten Freund und Vertrauten, zu helfen, der dort unter Mordverdacht steht. Schon am nächsten Morgen soll er gehängt werden. Fidelma, fest von seiner Unschuld überzeugt, versucht erst einmal, Berufung gegen das offenbar vorschnell ausgesprochene Todesurteil einzulegen. Doch die Mächtigen in der Stadt und der großen Abtei haben viel zu verbergen und zeigen größeres Interesse an Eadulfs Tod als an der Wahrheit. Ein Fall, bei dem es für Fidelma um alles oder nichts geht.
Die Originalausgabe unter dem Titel »Our Lady of Darkness« erschien 2000 bei Headline Book Publishing, London.
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»Ein Fremder wie du.«

»Aber kein Ausländer«, fügte das zweite Mädchen hinzu.

»Ich glaube, das müßt ihr mir genauer erklären. Wer seid ihr, und woher stammt ihr?«

Die Mädchen schienen jetzt weniger furchtsam, nachdem er ihnen die erste Angst vor Mißhandlung genommen hatte.

»Ich heiße Muirecht«, sagte die ältere. »Ich stamme aus den Bergen im Norden von hier, mehr als einen Tagesritt weit.«

Eadulf wandte sich an die jüngere. »Und wie heißt du?«

»Mein Name ist Conna.«

»Stammst du aus demselben Ort wie Muirecht?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nein«, schaltete sich Muirecht ein und nahm ihr die Antwort ab. »Ich hab sie nie gesehen, bis wir als Gefangene zusammenkamen. Unsere Namen haben wir uns erst jetzt genannt.«

»Wie geschah das? Warum wurdet ihr gefangen?«

Die Mädchen wechselten wieder Blicke und schienen sich wortlos zu einigen, daß Muirecht für beide sprechen sollte.

»Gestern früh, lange vor dem Morgengrauen, hat mich mein Vater geweckt ...«

»Und wer ist dein Vater?« fragte Eadulf dazwischen.

»Ein armer Mann. Er ist ein fudir, aber ein saer-fudir«, setzte sie rasch und stolz hinzu.

Eadulf wußte, daß die fudir die unterste Klasse der irischen Gesellschaft bildeten, nur wenig höherstehend als die Sklaven der angelsächsischen Gesellschaft. Sie setzten sich nicht aus Angehörigen der Clans zusammen, sondern waren gewöhnlich Flüchtlinge, Kriegsgefangene, Geiseln oder Verbrecher, denen die bürgerlichen Rechte zur Strafe aberkannt worden waren. Die fudirs teilten sich in zwei Unterklassen, die daer-fudir oder Unfreien und die saer-fudir, die zwar auch nicht ganz frei waren, aber nicht in der Leibeigenschaft standen wie die untere Schicht. Die saer-fudir waren gemeinhin keine Verbrecher und konnten deshalb bestimmte Rechte in der Gesellschaft zurückerlangen. Sie konnten Land bebauen, das ihnen von ihrem Lord oder König zugeteilt wurde, und in seltenen Fällen konnten sie aus der »unfreien« Klasse in die der ceile aufsteigen, der freien Clan-Mitglieder, und sogar den Rang eines bo-aire erlangen, eines landlosen Fürsten und Friedensrichters.

Eadulf gab den Mädchen zu verstehen, daß er sich in diesen Sachen auskannte.

»Mein Vater hat nur wenig Land«, fuhr Muirecht fort, »aber trotzdem verlangt der Gebietsherr das bia-tad, die Naturalabgabe. Zweimal im Jahr muß mein Vater seine Anleihe aus dem Gemeindevorrat zurückzahlen.«

Eadulf kannte diesen Brauch. Sowohl freie als auch unfreie fudir konnten Kühe, Schweine, Korn, Schinken, Butter und Honig aus dem gemeinsamen Vorrat des Clans ausleihen, unter der Voraussetzung, daß sie ein Drittel des Wertes alles dessen, was sie geliehen hatten, sieben Jahre lang jährlich zurückzahlten. Am Ende dieser Frist wurde das Vieh ohne weitere Zahlungen ihr Eigentum. Die freien fudir hatten außerdem dem Fürsten gegebenenfalls Kriegsdienst zu leisten oder in Friedenszeiten eine festgelegte Zahl von Tagen auf dem Land des Fürsten zu arbeiten. Eadulf kam aus einer Gesellschaft, in der offene Sklaverei normal war, und hatte das Recht einer unfreien Klasse, solche Anleihen aufnehmen und sich die Freiheit erarbeiten zu können, stets als ein merkwürdiges Prinzip betrachtet. Ihm war bewußt, daß ein Mann mit schlechtem Land und von geringer Tüchtigkeit durch eine solche Anleihe unter Umständen in noch tiefere Armut geraten konnte, statt sich aus ihr herauszuarbeiten.

»Sprich weiter«, sagte er. »Gestern weckte dich dein Vater in aller Frühe. Was geschah dann?«

Muirecht schluchzte bitterlich bei der Erinnerung.

»Er hatte gerötete Augen. Er hatte geweint. Er sagte mir, ich solle mich anziehen und mich auf eine lange Reise vorbereiten. Ich fragte, was für eine Reise. Er wollte nicht darauf antworten. Ich vertraute meinem Vater. Er führte mich aus der Hütte. Von meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder war nichts zu sehen, sie kamen nicht zum Abschied. Draußen wartete ein Mann mit einem Karren.«

Sie zögerte und rief sich die Szene in die Erinnerung zurück.

Eadulf wartete geduldig.

»Mit mir passierte dasselbe«, murmelte Conna, das zweite Mädchen. »Mein Vater ist ein daer-fudir. Ich habe keine Mutter mehr, sie starb vor drei Monaten. Ich mußte für meinen Vater kochen und saubermachen.«

Muirecht verzog das Gesicht, und das jüngere Mädchen verstummte.

»Draußen vor der Hütte hielt mein Vater ...«, begann Muirecht und brach erneut in Tränen aus. »Er hielt mir die Arme fest, und der andere Mann fesselte und knebelte mich und warf mich auf seinen Karren. Durch einen Spalt sah ich, wie mein Vater einen kleinen Beutel mit klingendem Metall erhielt. Er drückte ihn an die Brust und lief in die Hütte zurück. Dann kletterte der Mann auf seinen Karren, warf Reisig auf mich und fuhr los.«

Plötzlich begann sie laut und lange zu schluchzen. Eadulf wußte nicht, wie er sie trösten sollte.

»Bei mir war es dasselbe«, ergänzte das kleinere Mädchen. »Ich wurde auf den Karren geladen und fand dieses Mädchen schon vor. Wir konnten nicht miteinander sprechen, denn wir waren ja gefesselt und geknebelt. Und seit gestern morgen haben wir nichts zu essen und zu trinken bekommen.«

Eadulf starrte sie fassungslos an, er vermochte das Schreckliche ihrer Erzählungen kaum zu begreifen.

»Wollt ihr mir damit sagen, daß eure beiden Väter euch tatsächlich an den Mann mit dem Karren verkauft haben?«

Muirecht konnte ihr Schluchzen nun unterdrücken und nickte trübe.

»Was sollen wir sonst glauben? Ich habe schon von armen Familien erzählen hören, die ihre Kinder verkaufen und sie in andere Länder bringen lassen in die . « Sie rang nach Worten.

»In die Sklaverei«, murmelte Eadulf traurig. Er wußte, daß das in vielen Ländern passierte. Jetzt wurde ihm klar, welchen Handel Gabran den Fluß entlang trieb. Er kaufte junge Mädchen von ihren Familien und brachte sie den Fluß hinunter nach Loch Garman an der Küste, wo sie als Sklavinnen in die angelsächsischen Königreiche oder ins Land der Franken verkauft wurden. Arme Leute verbesserten ihre bedrängte Lage oft dadurch, daß sie eine ihrer Töchter verkauften. Er selbst hatte einen solchen Handel beim Volk der fünf Königreiche von Eireann noch nicht erlebt, weil das Rechtssystem so angelegt war, daß es jeden Menschen vor äußerster Armut schützte, und weil die Vorstellung, daß ein Mensch einen anderen in völliger Knechtschaft hielt, nicht bekannt war. Die Enthüllungen der beiden Mädchen waren um so schok-kierender für Eadulf.

Eine Krähe, die kreischend von einem hohen Baum aufflog, ließ Eadulf zusammenfahren und aufblicken.

Ihm fiel ein, daß einer von Gabrans Leuten in die Berge kommen sollte, um die Mädchen abzuholen.

»Wir müssen diesen Ort verlassen, bevor die schlechten Leute kommen und euch holen«, sagte er, beugte sich nieder und schnitt mit seinem Messer die Fesseln der Mädchen an Händen und Füßen durch. »Wir sollten uns gleich aufmachen.«

Muirecht rieb ihre Handgelenke und Knöchel.

»Wir brauchen noch etwas Zeit«, wandte sie ein. »Meine Hände und Füße sind ganz taub.«

Conna folgte ihrem Beispiel, um den Kreislauf wieder in Gang zu bringen.

»Aber wir müssen uns beeilen«, mahnte Eadulf. Ihm war die Gefahr bewußt geworden, in der sie alle schwebten.

»Wohin denn?« protestierte Muirecht. »Zu unseren Vätern können wir nicht zurück ... nicht nach dem, was passiert ist.«

»Nein«, gab Eadulf zu und half ihnen auf. Sie stampften mit den Füßen, um das Blut in Bewegung zu bringen. Eadulf überlegte angestrengt. Nach Fearna konnte er die beiden Mädchen kaum mitnehmen. Dann erinnerte er sich plötzlich daran, was Dalbach ihm über die Gemeinschaft auf dem Gelben Berg erzählt hatte. »Kennt eine von euch diese Gegend hier?« fragte er die Mädchen.

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