Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Die Modellreihe E«, murmelte Herr Ritschel, jede Silbe gleichmäßig betonend. Auf dem Wagen lagen mehrere DIN-A4-große Blöcke aus durchsichtigem Kunststoff, alle von farbigen Linien durchädert.
«Sie sind doch Zoologe, Herr Rohde«, Arbogast winkte ihm näherzutreten,»das wird Sie interessieren. «Es waren Augen mit Nervenfasern und Sehbahnen, die zu einem Stück jeweils hellblau gefärbter Hirnrinde führten, dem Seh-Cortex, wo das Gehirn aus den anströmenden optischen Eindrücken ein Bild von der Welt erzeugt.
«Eichelhäher, Elch, Elritze, Emu, Ente, Esel, Eule«, sagte Herr Ritschel mit seiner seltsam gleichbetonenden Stimme.»Die Augen des Esels ähneln auffallend denen des Ministers für Wissenschaft und Technik«, Arbogast hob einen der Blöcke an und drehte ihn prüfend hin und her,»Ich kann mir nicht helfen, lieber Ritschel, aber diese Augen haben mich schon öfter angeblickt. Sie haben tatsächlich nach der Natur …?«
«Selbstverständlich, Herr Professor. Es handelte sich um Bileam, unseren hiesigen, letzten Sommer leider verwichenen Zoo-Esel. Ich erbat mir seine Augen zum Modell.«
«Er ist mein bester Kunststoff-Arbeiter, Herr Rohde, mit Geld nicht zu bezahlen.«
Ritschel verbeugte sich leicht.
So etwas wie diese Augen in den durchsichtigen Kunststoff-Blöcken hatte Meno noch nie gesehen, selbst an den Zoologischen Instituten von Leipzig und Jena nicht, für die hervorragende Spezialisten arbeiteten. Die Präparate waren mit höchster Präzision in die Kunststoffmasse gegossen, allerdings nicht maßstabsgerecht, denn alle hatten die gleiche Größe; die Augäpfel wirkten wie farbig glasierte Tischtennisbälle. Neben der Sehbahn war jeweils ein einzelnes Auge eingelassen, Sektorenschnitte zeigten die Verhältnisse im Innern: Irisring, Stellmuskel für die Regenbogenhaut, Glaskörper, Ader- und Netzhaut, und daraus wiederum ein Schnitt mit Stäbchen und Zapfen.
«Eines meiner Steckenpferde. «Arbogast hatte sich wieder gesetzt und betrachtete den Stock mit der Greifenkrücke, nickte Ritschel zu, der die Blöcke auf dem Wagen verstaute und hinausrollte.»Ein anderes ist, wie Sie bemerkt haben, die Alarmanlagen-Physik. Wissen Sie, auch ich habe zu spüren bekommen, was es heißt, sein täglich Brot sich verdienen zu müssen — auch wenn es nicht den Anschein haben mag. Ich bin in der Inflationszeit großgeworden. Mit selbstgebastelten Alarmanlagen und Fotoapparaten habe ich mir den Erwerb der Kenntnisse verdient, die ich zum Aufbau meines physikalischen Laboratoriums brauchte. Ich habe in einer Rumpelkammer angefangen, damals, in der schlimmen Zeit um dreiundzwanzig in Berlin. Da war ich knapp sechzehn, Herr Rohde, und freier Unternehmer. Wenn Sie wollen, zeige ich sie Ihnen nachher, wir können einen kleinen Rundgang machen. Aber, lieber Rohde, «Arbogast breitete die Arme und lud Meno ein, sich ebenfalls wieder zu setzen,»reden wir doch lieber über Sie. Wenn ich schon Gäste habe, möchte ich sie gern näher kennenlernen. Man ist doch sehr eingespannt in die Alltagsarbeit, und solche Abende wie den heutigen genieße ich, freue mich schon Wochen im voraus darauf. — Was sagen Sie übrigens zu Ritschels Künsten?«
«Erstaunlich, Herr Arbogast.«
«Nun, von Arbogast. Jaja, Sie haben recht, das ist wirklich erstaunlich. Ritschel ist ein Meister seines Fachs … Sie wissen ja als ehemaliger Zoologe, wie sehr man als Wissenschaftler von den Handwerkern abhängig ist. Sie sind es, die unsere Apparaturen bauen, und was wäre selbst ein Röntgen ohne seinen Labormechanikus gewesen … Diese Augen: Sie betrachten uns, lieber Rohde. Die Augen sind es, die sehen und gesehen werden … Das Entscheidende passiert in den Blicken, sagte die optische Täuschung, kleiner Physikerscherz am Rande. Es ist ein besonderer Reiz für mich, abends, nach getaner Arbeit, durch meinen Augen-Saal zu schlendern und das Herzklopfen zu spüren, das man unter Hunderten stummer Fragen initial empfindet … Kein angenehmes Gefühl, tatsächlich nicht, aber hilfreich. Es scheint gewisse Synapsen zu zünden, sorgt für eine vermehrte Hormonausschüttung, ich hatte dort meine besten jüngeren Einfälle. — Aber wir sprachen von Ihnen. Sie kommen aus der Sächsischen Schweiz?«
«Aus Schandau.«
«Und haben Geschwister?«
«Eine Schwester, einen Bruder.«
«Mit Ihrem Schwager hatten wir auch schon zu tun … Ein aufgeschlossener Mann. Wir haben da gewisse Projekte, die eine Zusammenarbeit mit einer Klinik erfordern. Wir werden noch einmal an ihn herantreten. — Ihnen gefallen meine Bleistifte?«Meno hatte auf den Schreibtisch gestarrt und versucht, die Bleistifte zu zählen, die akkurat nach Größe ausgerichtet in einem durchsichtigen Ritschelschen Kunststoffblock steckten, eine Batterie scharf zugespitzter kleiner Lanzen.
«Es sind dreihundertvierzehn, exakt. Die Zahl Pi, Sie verstehen. Drei Komma eins vier Stifte wären mir zuwenig gewesen, deshalb habe ich das Komma um die ersten beiden Stellen nach hinten verschoben. Aber ich kann Ihnen leider keinen Bleistift geben. Es müssen ganz exakt immer dreihundertvierzehn sein, die Ludolphsche Kreiszahl, das Verhältnis von Kreisumfang zum Durchmesser. Und es müssen auch immer gerade diese Stifte sein. Echte Faberbleistifte. Das Dunkelgrün beruhigt, es ist geradezu ein kleiner Tannenwald, den ich hier vor mir habe, auch wirkt die Farbe frisch und jung; die tschechischen, die es im hiesigen Handel gibt, verwenden minderwertiges Holz, es bricht und splittert. Außerdem sind sie gelb. Das kommt bei diesen hier nie vor. Ich möchte keinen welken Laubwald vor mir sehen. Deshalb mein Spezialvertrag mit der Firma Faber … Ich könnte Sie auf die Liste unserer Bleistiftanwärter setzen, wenn Sie wollen.«
«Sehr freundlich von Ihnen.«
«Mein Stellvertreter, meine beiden Söhne und der Leiter unseres Gasentladungslabors stehen allerdings vor Ihnen. — Wie kommen Sie eigentlich von der Zoologie ins Lektorat eines Belletristikverlags, wenn ich fragen darf? Das wollte ich doch noch klären.«
Ja, dachte Meno, das war in Leipzig, neunzehnachtundsechzig. Es sind zuerst die kleinen Dinge, an die man sich erinnert, bevor sie durchlässig werden: vielleicht ein Streichholz, eine mit Kugelschreiber beschriftete Badekappe, ein Muster auf einem Kleidungsstück. Vielleicht das Streichholz, mit dem sich der Parteisekretär die Zigarette anzündete — waren es F6 oder Juwel, oder rauchte er Karo, die als Arbeitermarke galt —, und dann seine Stimme, unpathetisch, ein wenig enttäuscht: Solange Sie bei diesem Verein sind, können Sie sich Ihre Promotion abschminken, Rohde. Die sozialistische Zoologie fordert Menschen, die sich zu ihr bekennen. Sie sind doch bei Professor Haube. Er sollte Ihnen auch in dieser Hinsicht Vorbild sein. Diese evangelische Studentenrotte ist eine Versammlung konterrevolutionärer Wühler, hüten Sie sich! Wir werden das bald ausgemerzt haben. Denken Sie daran, was in Prag los ist! — Nicht nur ich dachte daran, nicht nur die Studenten und Assistenten am Institut; die Talstraße, die Liebigstraße schwirrten von dem Geflüster, die Cafés, es war Gesprächsthema, wohin man kam. Sozialismus mit menschlichem Antlitz … Wir wünschten es alle.