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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Sie ... ja Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein – ein Engel sind!« rief Rasumichin entzückt. »Gehen wir! ... Nastasja! Lauf sofort hinauf und sitze bei ihm mit dem Licht; in einer Viertelstunde komme ich wieder ...«

Pulcheria Alexandrowna war zwar noch nicht völlig überzeugt, leistete aber keinen Widerstand mehr. Rasumichin faßte beide unter und schleppte sie die Treppe hinab. Übrigens hatte sie doch einige Sorge: »Er ist zwar flink und gut, kann er aber auch das erfüllen, was er verspricht? In diesem Zustande?! ...«

»Ich weiß, Sie denken jetzt an meinen Zustand!« unterbrach sie Rasumichin, ihre Gedanken erratend, während er mit Riesenschritten über das Trottoir weiterging, so daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten, was er übrigens gar nicht merkte. »Unsinn! Das heißt ... ich bin betrunken wie ein Narr, aber die Sache ist die: ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie sah, da stieg es mir in den Kopf ... Aber spucken Sie auf mich! Beachten Sie es nicht: ich rede Unsinn, ich bin Ihrer unwürdig ... ich bin Ihrer im höchsten Grade unwürdig! Sobald ich Sie heimgebracht habe, gehe ich sofort zum Kanal, gieße mir zwei Eimer Wasser über den Kopf und bin gleich ein anderer Mensch ... Wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht, und seien Sie mir nicht böse! ... Allen Menschen dürfen Sie böse sein, nur mir nicht! Ich bin sein Freund, folglich auch Ihr Freund. So will ich es ... Ich habe es vorausgeahnt ... im vergangenen Jahr war mal so ein Augenblick ... Ubrigens habe ich es gar nicht vorausgeahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Vielleicht werde ich diese ganze Nacht gar nicht schlafen ... Dieser Sossimow fürchtete vorhin, daß er verrückt werden könnte ... Darum darf man ihn eben nicht reizen ...«

»Was sagen Sie!« rief die Mutter aus.

»Hat es der Arzt wirklich gesagt?« fragte Awdotja Romanowna erschrocken.

»Er hat es wohl gesagt, aber das ist es nicht. Er hat ihm auch so eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich sah es, und da sind Sie gekommen ... Ach! ... Wären Sie doch lieber morgen gekommen! Es ist gut, daß wir weggegangen sind! Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimow selbst Bericht erstatten. Er ist gar nicht betrunken! Auch ich werde nicht mehr betrunken sein ... Warum habe ich mich bloß so betrunken? Weil diese Verfluchten mich in den Streit hereingezogen haben! Ich habe das Gelübde geleistet, nicht mehr zu streiten! ... So einen Unsinn schwatzen Sie zusammen! Beinahe hätte ich mich mit ihnen geprügelt! Ich habe ihnen meinen Onkel als Präsidenten zurückgelassen ... Nun, können Sie es glauben: sie verlangen nach völliger Unpersönlichkeit und finden darin den richtigen Geschmack! Der Mensch soll nur nicht er selbst sein, soll möglichst wenig sich selbst ähnlich sehen, das halten sie für den größten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens aus dem eigenen lügen wollten, sie aber ...«

»Hören Sie mal«, unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Feuer.

»Ja, was glauben Sie denn?« schrie Rasumichin, die Stimme noch mehr erhebend: »Sie glauben wohl, ich bin Ihnen böse, weil Sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn die Menschen lügen. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen anderen Organismen. Wenn man lügt, gelangt man zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Man hat noch keine einzige Wahrheit erreicht, ohne daß man vorher vierzehn und vielleicht auch hundertvierzehnmal gelogen hat, und das ist in seiner Art ehrenvoll; wir verstehen aber nicht mal auf eigene Art zu lügen! Lüge, so viel du willst, aber lüge auf deine eigene Art, und ich werde dich dafür küssen. Auf eigene Art zu lügen, ist beinahe besser, als die Wahrheit einem anderen nachzuplappern; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren aber bloß ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht entrinnen, wie leicht kann man aber sein Leben vernageln; es hat auch schon solche Fälle gegeben. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle ohne Ausnahme sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungsgeist, Ideale, Streben, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles erst in der Vorbereitungsklasse eines Gymnasiums! Es gefällt uns so gut, mit fremdem Verstand zu leben, und wir sind es schon gewöhnt! Ist es nicht so? Hab ich nicht recht?« schrie Rasumichin, die Hände der beiden Damen zusammendrückend und schüttelnd: »Ist es nicht so?«

»Mein Gott, ich weiß es nicht!« versetzte die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, es ist so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin«, fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu und schrie im gleichen Augenblick auf: so fest hatte er ihr diesmal die Hand zusammengepreßt.

»Ja? Sie sagen: ja? Nun, in diesem Falle sind Sie ... sind Sie ...« schrie er entzückt, »eine Quelle der Güte, der Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie sie ... geben auch Sie die Ihrige, ich will Ihre Hände küssen, hier gleich, auf den Knien!«

Und er kniete mitten auf dem Trottoir nieder, das jetzt glücklicherweise menschenleer war.

»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die aufs höchste beunruhigte Pulcheria Alexandrowna.

»Hören Sie auf, hören Sie auf!« rief auch Dunja lachend, doch besorgt.

»Um nichts in der Welt, wenn Sie mir Ihre Hände nicht geben! Ja, so! Und jetzt ist's genug, ich bin aufgestanden, und wir wollen weitergehen! Ich bin ein unglücklicher Narr, ich bin Ihrer unwürdig, ich bin betrunken und schäme mich ... Sie zu lieben, bin ich nicht wert, doch vor Ihnen niederzuknien – das ist die Pflicht eines jeden, der kein vollkommenes Vieh ist. Ich bin auch in die Knie gesunken ... Da sind auch schon Ihre möblierten Zimmer, und Rodion hat schon darum allein recht gehabt, als er gestern Ihren Pjotr Petrowitsch hinauswarf! Wie wagte er es, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier aus und eingeht? Sie sind ja eine Braut! Sie sind doch eine Braut, nicht wahr? Und darum muß ich Ihnen sagen, daß Ihr Bräutigam nach alledem ein Schuft ist!«

»Hören Sie mal, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...« begann Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!« rief Rasumichin einsehend, daß er zu weit gegangen war. »Aber, aber ... Sie dürfen mir nicht zürnen, daß ich so spreche! Denn ich sage es aufrichtig und nicht etwa, weil ... Hm! Das wäre gemein; mit einem Worte, nicht etwa, weil ich in Sie ... hm! ... nun, es darf nicht sein, ich will nicht sagen, warum, ich wage es nicht! ... Wir aber hatten alle gleich, als er hereinkam, eingesehen, daß er nicht in unsere Gesellschaft gehört. Nicht weil er mit gekräuseltem Haar kam, nicht weil er sich beeilte, seinen Geist zu zeigen, sondern weil er ein Spitzel und ein Spekulant ist; weil er ein Jud und ein Gauner ist, das sieht man. Sie glauben wohl, er sei klug? Nein, er ist ein Dummkopf, ein Dummkopf; nun, paßt er zu Ihnen? Oh, mein Gott! Sehen Sie, meine Damen,« sagte er, plötzlich auf der Treppe zu den möblierten Zimmern stehenbleibend, »meine Gäste sind zwar betrunken, dafür sind sie alle ehrliche Menschen, und obwohl wir lügen, denn ich lüge auch, werden wir durchs Lügen schließlich doch zur Wahrheit gelangen, weil wir auf einem ehrlichen Wege gehen; aber Pjotr Petrowitsch ... geht nicht auf einem ehrlichen Wege. Ich habe zwar auf sie alle ordentlich geschimpft, doch ich achte sie alle; selbst den Samjotow, wenn ich ihn auch nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist ein junger Hund. Sogar den Sossimow, dieses Vieh, weil er ehrlich ist und seine Sache versteht ... Aber genug davon, alles ist gesagt und vergeben. Ist es auch vergeben? Wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne diesen Korridor, bin schon mal hier gewesen; hier, auf Nummer drei war mal ein Skandal ... Nun, wo ist Ihr Zimmer? Welche Nummer? Acht? Also schließen Sie sich für die Nacht ein, und lassen Sie niemand herein. Nach einer Viertelstunde komme ich mit dem Bericht zurück, und dann nach einer halben Stunde noch einmal mit Sossimow, Sie werden es sehen! Leben Sie wohl, ich muß laufen!«

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