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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Danach ist eine Delegation von Tabakhändlern an der Reihe. Sie hat um eine Audienz ersucht, genau wie eine der Weber; beide bitten um einen Steuererlass, weil die Zeiten so schwer sind. Meine Lady braucht meinen Rat nicht, ihnen zu sagen, dass es für alle schwere Zeiten sind. Dann wartet da noch eine Gruppe ausländischer Kaufleute, eine ziemlich große Gruppe. Sie wollen Euch alles Gute wünschen, natürlich auf eine Weise, die sie zu nichts verpflichtet; sie wollen sich bei Euch einschmeicheln, ohne sich jemand anderen zum Feind zu machen. Trotzdem schlage ich vor, dass Ihr sie kurz empfangt.« Frau Harfor legte dicke Finger auf die Mappe unter ihrem Arm. »Außerdem benötigen die Haushaltsbücher des Palasts Eure Unterschriften, bevor sie an Meister Norry weitergereicht werden können. Ich fürchte, sie werden ihn seufzen lassen. Ich habe zwar im Winter nicht damit gerechnet, aber ein großer Teil der Kornvorräte ist voller Getreidekäfer und Motten, und die Hälfte des geräucherten Schinkens ist schlecht geworden, genau wie ein Großteil des Räucherfischs.« Ziemlich respektvoll. Und entschieden.

Ich beherrsche Andor, hatte Elaynes Mutter ihr einmal unter vier Augen gesagt, aber manchmal glaube ich, dass Reene Harfor mich beherrscht. Ihre Mutter hatte dabei gelacht, aber sie hatte auch so geklungen, als wäre ihr das ernst gewesen. Wenn sie so darüber nachdachte, würde Frau Harfor als Behüterin zehnmal schlimmer als Birgitte sein.

Elayne wollte weder mit Halwin Norry noch mit den Kaufleuten sprechen. Sie wollte sich ungestört hinsetzen und über Spione nachdenken und wer Naean und Elenia abgefangen hatte und was sie dagegen unternehmen konnte. Aber ... Meister Norry hatte Caemlyn seit dem Tod ihrer Mutter am Leben gehalten. Und den alten Haushaltsbüchern zufolge hatte er das fast von dem Tag an getan, an dem sie in Rahvins Fänge geraten war, obwohl Norry darüber keine genauen Angaben machte. Die Geschehnisse jener Tage schienen ihn auf eine ziemlich unklare Weise gekränkt zu haben. Elayne konnte ihn nicht einfach abwimmeln. Außerdem war bei ihm noch nie etwas dringend gewesen. Und der gute Willen von Kaufleuten war auch nicht zu verachten, nicht einmal der von Ausländern. Und die Haushaltsbücher mussten abgezeichnet werden. Getreidekäfer und Motten? Und verdorbener Schinken? Im Winter? Das war allerdings sehr seltsam.

Sie hatten die mit geschnitzten Löwen versehenen Flügeltüren ihrer Gemächer erreicht. Kleinere Löwen als jene ihrer Mutter und kleinere Gemächer, aber sie hatte nicht einen Augenblick lang daran gedacht, die Gemächer der Königin zu beziehen. Das wäre genauso anmaßend gewesen, als hätte sie auf dem Löwenthron Platz genommen, bevor ihr Anspruch auf die Rosenkrone anerkannt worden war.

Seufzend griff sie nach der Mappe.

Am anderen Ende des Korridors erblickte sie Solain Morgeillin und Keraille Surtovni, die sich so schnell bewegten, wie sie konnten, ohne den Eindruck zu erwecken, sie würden rennen. Am Hals der mürrischen Frau, die zwischen sie gequetscht war, blitzte es silbern auf, obwohl die Schwestern ihr ein langes grünes Tuch umgebunden hatten, um die Leine des Adam zu verbergen. Das würde Gerede geben und früher oder später würde es auffallen. Es war besser, wenn man sie und die anderen nicht umherführte, aber es gab keine Möglichkeit, das zu vermeiden. Um die Kusinen und die Windsucherinnen des Meervolks aufnehmen zu können hatte man Räume in den Dienerquartieren gebraucht, selbst wenn sich zwei oder drei nun ein Bett teilen mussten, und die Palastkeller waren Lagerräume, keine Verließe. Wie schaffte es Rand eigentlich immer, genau das Falsche zu tun? Ein Mann zu sein reichte nicht als Entschuldigung. Solain und Keraille verschwanden mit ihrer Gefangenen um die Ecke.

»Frau Corly hat heute Morgen darum gebeten, mit Euch sprechen zu dürfen, meine Lady.« Reenes Stimme war mit Bedacht neutral gehalten. Sie hatte die Kusinen ebenfalls beobachtet und auf ihrem breiten Gesicht zeichnete sich noch immer die Spur eines Stirnrunzeins ab. Das Meervolk war seltsam, aber sie konnte die Herrin der Wogen eines Clans und ihr Gefolge in ihr Weltbild einbauen, selbst wenn sie nicht genau wusste, was eine Herrin der Wogen eigentlich war. Eine hochrangige Ausländerin war eine hochrangige Ausländerin, und von Ausländern erwartete man, dass sie seltsam waren. Aber sie konnte nicht verstehen, warum Elayne fast einhundertfünfzig Kauf- und Handwerksfrauen eine Unterkunft gegeben hatte. Auch Begriffe wie »Kusinen« oder »Nähkränzchen« hätten ihr nichts gesagt, hätte sie sie gehört, und sie verstand die seltsamen Spannungen zwischen jenen Frauen und den Aes Sedai nicht. Genauso wenig wie sie die Frauen verstand, die die Asha'man gebracht hatten; auch wenn sie nicht in Zellen eingesperrt waren, handelte es sich doch um Gefangene, die man in aller Abgeschiedenheit festhielt und die mit niemandem sprechen durften außer mit den Frauen, die sie durch die Korridore eskortierten. Die Haushofmeisterin wusste, wann sie keine Fragen stellen durfte, aber es gefiel ihr nicht, wenn sie nicht verstand, was im Palast vor sich ging. Ihr Tonfall veränderte sich um keine Nuance. »Sie sagte, sie hätte gute Neuigkeiten für Euch. Gewissermassen. Sie hat aber nicht um eine Audienz gebeten.«

Alle guten Neuigkeiten waren besser, als sich die Haushaltsbücher ansehen zu müssen, und Elayne hatte eine gewisse Hoffnung, worum es sich bei dieser Neuigkeit handelte. Sie gab der Haushofmeisterin die Mappe zurück. »Bitte legt sie auf den Schreibtisch. Und richtet Meister Norry aus, dass ich ihn nachher empfange. Es wird nicht lange dauern.«

Sie ging in die Richtung, aus der die Kusinen mit ihrer Gefangenen gekommen waren, und sie bewegte sich trotz ihres Reitrocks schnell. Gute Neuigkeiten oder nicht, Norry und die Kaufleute mussten empfangen werden, ganz zu schweigen von den Haushaltsbüchern, die überprüft und abgezeichnet werden wollten. Herrschen bedeutete endlose Wochen der Schinderei und seltene Stunden, in denen man das tat, was man wollte. Sehr seltene Stunden. Birgitte machte sich in ihrem Hinterkopf bemerkbar, ein Knoten aus purer Gereiztheit und Ungeduld. Zweifellos arbeitete sie sich durch den mit Papieren übersäten Aktenberg. Nun, ihre eigene Entspannung an diesem Tag würde in der Zeit bestehen, die es dauerte, das Reitgewand auszuziehen und eine hastige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Also ging sie schnell, in Gedanken versunken und ohne eigentlich zu sehen, was sich vor ihr befand. Was hatte Norry so dringendes? Es ging mit Sicherheit nicht um Straßenreparaturen. Wie viele Spione? Unwahrscheinlich, dass Frau Harfor sie alle entfernte.

Als sie um eine Ecke bog, verhinderte nur die Fähigkeit, andere Frauen wahrzunehmen, die die Macht lenkten, dass sie direkt in Vandene hineinlief. Überrascht wichen sie voneinander zurück. Anscheinend war auch die Grüne tief in Gedanken versunken gewesen. Beim Anblick ihrer beiden Begleiterinnen runzelte Elayne die Stirn.

Kirstian und Zarya trugen schmucklose weiße Gewänder und hielten sich genau einen Schritt hinter Vandene, die Hände demütig vor dem Körper gefaltet. Ihr Haar waren lediglich nach hinten gebunden und sie trugen keinen Schmuck. Es wurde Novizinnen deutlich nahe gelegt, auf allen Schmuck zu verzichten. Sie hatten zu den Kusinen gehört — Kirstian war sogar Mitglied des Nähkränzchens gewesen —, aber sie waren aus der Weißen Burg weggelaufen, und es gab in den Gesetzen der Burg festgelegte Verfahren, wie man solche Frauen behandeln musste, ganz egal, wie lange sie fort waren. Zurückgeholte Ausreißerinnen mussten in all ihren Tätigkeiten absolut perfekt sein, vorbildlich in ihrem eifrigen Bestreben, die Stola zu erringen, und kleine Fehler, die man bei anderen übersah, wurden schnell und streng bestraft. Außerdem sahen sie zusätzlich einer viel schlimmeren Strafe entgegen, wenn sie die Burg erreichten, einer öffentlichen Auspeitschung mit Ruten, und selbst danach mussten sie mindestens ein ganzes Jahr auf ihrem vorgezeichneten und qualvollen Pfad wandeln. Einer zurückgekehrten Ausreißerin wurde bis in die Tiefen ihres Inneren klargemacht, dass sie niemals wieder weglaufen wollte. Niemals! Nur zur Hälfte ausgebildete Frauen waren einfach zu gefährlich, als dass man sie hätte allein herumlaufen lassen können.

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