Engelsstimme [Röddin - de]
- Автор: Индридасон Арнальд
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Verlagsgruppe L
- ISBN: 3-7857-1551-X
- Переводчик: Coletta Burling
- Жанр: Криминальные детективы
Электронная книга - «Engelsstimme [Röddin - de]». Краткое содержание книги:
Er war älter und trug die Verantwortung für seinen Bruder. So war es immer gewesen. Er hatte auf ihn aufgepasst, bei allen Spielen, wenn sie allein zu Hause waren, wenn sie mit kleinen Aufträgen in die Nachbarschaft geschickt wurden. Er hatte die Verantwortung gehabt und sich ihr gestellt. Doch dieses Mal hatte er versagt. Und wenn sein Bruder sterben musste, hatte er es nicht verdient, gerettet zu werden. Er wusste nicht, wozu er lebte. Und er dachte manchmal daran, dass es besser gewesen wäre, wenn er verschollen geblieben wäre.
Seinen Eltern erzählte er nie von diesen Gedanken, denn in seiner Verzweiflung war er sich manchmal sicher, dass auch sie so über ihn denken mussten. Sein Vater war versunken in seinen eigenen Schuldgefühlen und ließ sich durch nichts davon abbringen. Seine Mutter brach unter der Trauer fast zusammen. Jeder Einzelne von ihnen war davon überzeugt, die Schuld daran zu tragen, was passiert war. Zwischen ihnen herrschte ein seltsames Schweigen, das lauter hallte als Schreie. Erlendur kämpfte seinen Kampf allein und quälte sich mit seinen Gedanken über Verantwortung, Schuld und Glück.
Wenn er nicht gefunden worden wäre, hätten sie dann vielleicht seinen Bruder finden können?
Er stand am Fenster und hing den Gedanken nach, welche Auswirkungen der Verlust des Bruders auf sein Leben gehabt hatte, und ob sie vielleicht weitreichender gewesen waren, als ihm bewusst war. Er hatte oft diese Ereignisse wieder heraufbeschworen, seit Eva Lind angefangen hatte, ihn auszufragen. Er hatte keine simplen Antworten auf ihre Fragen, wusste aber im Innersten, wo die Antworten zu finden waren. Er hatte sich selber nur allzu oft genau diese Fragen gestellt, die Eva Lind nun auf dem Herzen lagen. Wenn sie darauf bestand, dass er sich rechtfertigte.
Erlendur hörte ein Klopfen an der Tür und wandte sich vom Fenster ab.
»Herein!«, rief er. »Es ist offen.«
Sigurður Óli öffnete die Tür und kam ins Zimmer. Er war den ganzen Tag in Hafnarfjörður gewesen und hatte mit Leuten geredet, die Guðlaugur kannten.
»Gibt’s was Neues bei dir?«, fragte Erlendur.
»Ich habe rausgekriegt, was für einen Spitznamen er hatte. Du erinnerst dich, er bekam einen neuen Spitznamen, nachdem die Katastrophe eingetreten war.«
»Ja. Von wem hast du das erfahren?«
Sigurður Óli setzte sich seufzend aufs Bett. Bergþóra hatte sich beklagt, dass er viel zu wenig zu Hause war, ausgerechnet jetzt, wo Weihnachten vor der Tür stand; sie musste ganz allein den ganzen Weihnachtskram erledigen. Er war auf dem Weg nach Hause, um mit ihr den Weihnachtsbaum zu kaufen, aber zuvor musste er sich mit Erlendur besprechen. Er hatte mit ihr auf dem Weg zum Hotel telefoniert und gesagt, dass er sich beeilen würde, aber das hatte sie viel zu oft zu hören bekommen, um dem noch Glauben zu schenken, und sie war ziemlich sauer, als sie auflegte.
»Willst du wirklich Weihnachten hier in diesem Zimmer verbringen?«, fragte Sigurður Óli.
»Nein«, sagte Erlendur. »Was hast du also in Hafnarfjörður herausgefunden?«
»Warum ist es hier drinnen so kalt?«
»Der Heizkörper. Der wird nicht warm. Willst du nicht zur Sache kommen?«
Sigurður Óli grinste.
»Kaufst du dir einen Weihnachtsbaum? Zu Weihnachten?«
»Wenn ich mir einen Weihnachtsbaum kaufen würde, würde ich das in der Tat zu Weihnachten tun.«
»Zuerst habe ich auf einigen Umwegen einen Mann ausfindig gemacht, der Guðlaugur früher gekannt hat«, sagte Sigurður Óli. Er wusste, dass er etwas in Erfahrung gebracht hatte, was Einfluss auf den Gang der Ermittlung haben könnte, und er genoss es in vollen Zügen, Erlendur etwas auf die Folter zu spannen.
Sigurður Óli und Elínborg hatten sich vorgenommen, mit allen zu reden, die zusammen mit Guðlaugur zur Schule gegangen waren und ihn von früher kannten. Die meisten erinnerten sich an ihn und an seine viel versprechende Karriere. Und an die Hänseleien, die mit seiner Berühmtheit verbunden gewesen waren. Einige erinnerten sich sehr genau an ihn und wussten, was passiert war, als er seinen Vater zum Krüppel gemacht hatte. Einer war enger mit ihm bekannt gewesen, als Sigurður Óli sich vorstellen konnte.
Eine Schulkameradin von Guðlaugur verwies ihn auf diesen Mann. Sie wohnte in einem Einfamilienhaus in einem der neuen Stadtteile von Hafnarfjörður. Er hatte sie frühmorgens angerufen, und sie erwartete ihn nun, als er kurze Zeit später eintraf. Sie begrüßten sich mit Händedruck, und sie führte ihn ins Wohnzimmer. Sie war mit einem Piloten verheiratet und arbeitete halbtags in einem Buchladen. Ihre Kinder waren erwachsen.
In allen Einzelheiten berichtete sie ihm von ihrer Bekanntschaft mit Guðlaugur, die aber keineswegs eng gewesen war; von der Schwester wusste sie kaum mehr, als dass sie älter als Guðlaugur war. Sie konnte sich dunkel erinnern, dass er seine Stimme genau zu dem Zeitpunkt verloren hatte, als alles genau nach Wunsch zu laufen schien, wusste aber nicht, was später aus ihm geworden war, nachdem sie die Schule verlassen hatten. Es hatte sie ziemlich geschockt, als sie der Zeitung entnahm, dass er der Mann war, der in einem Kellerloch in einem Hotel ermordet aufgefunden worden war.
Sigurður Óli hörte zu, war aber mit seinen Gedanken ganz woanders. Das Meiste hatte er bereits von anderen Schulkameraden von Guðlaugur gehört. Als sie geendet hatte, fragte er, ob sie von einem Spitznamen wüsste, mit dem Guðlaugur als Kind gehänselt wurde. Sie konnte sich nicht daran erinnern, fügte aber hinzu, dass sie vor langer Zeit etwas über Guðlaugur gehört hätte, was für die Polizei interessant sein könnte, falls sie es nicht bereits wüssten.
»Und was ist das?«, fragte Sigurður Óli, der bereits aufgestanden war, um zu gehen.
Sie erzählte es ihm und war sehr erfreut, als sie merkte, dass es ihr gelungen war, das Interesse des Kriminalbeamten zu wecken.
»Lebt dieser Mann noch?«, fragte Sigurður Óli die Frau. Sie nannte den Namen, stand auf und holte das Telefonbuch.
Sigurður Óli fand den Namen und die Adresse. Er wohnte in Reykjavik und hieß Baldur.
»Ist das ganz bestimmt dieser Mann?«, fragte Sigurður Óli.
»Soweit ich weiß, ja«, sagte die Frau und lächelte zufrieden, weil sie der Polizei einen Dienst erwiesen hatte. »Das war damals in aller Munde«, fügte sie hinzu.
Sigurður beschloss, sofort zu der Adresse zu fahren, in der Hoffnung, dass der Mann zu Hause war. Es war später Nachmittag. Der Verkehr war zäh, und auf dem Weg nach Reykjavik telefonierte Sigurður Óli mit Bergþóra, die …
»Würdest du vielleicht endlich zur Sache kommen«, unterbrach Erlendur ungeduldig Sigurður Ólis Ausführungen.
»Nein, denn das betrifft dich«, sagte Sigurður Óli und setzte ein süffisantes Lächeln auf. »Bergþóra wollte wissen, ob ich dich für Heiligabend zu uns eingeladen hätte. Ich habe ihr gesagt, dass ich es getan habe, aber von dir immer noch keine Antwort hätte.«
»Ich werde Heiligabend mit Eva Lind bei mir zu Hause verbringen«, sagte Erlendur. »Das ist die Antwort, und würdest du jetzt endlich zur Sache kommen?«
»Okay«, sagte Sigurður Óli.
»Und hör auf, okay zu sagen.«
»Okay.«
Baldur wohnte in einem gepflegten Holzhaus im Þingholt-Viertel und war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen; er war Architekt. Sigurður Óli klingelte bei ihm und stellte sich als Mitarbeiter der Kriminalpolizei vor, der mit dem Mordfall Guðlaugur Egilsson befasst war. Der Mann war keineswegs erstaunt. Er taxierte Sigurður von oben bis unten, lächelte dann und bat ihn hinein.