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Drei Menschen
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Zuweilen jedoch – namentlich wenn er bei seinem Handel nichts verdient hatte – wandelte sich diese Wehmut in eine unruhige Verdrießlichkeit. Die Hühnchen, Büchschen und Eierchen ärgerten ihn dann. Er hätte sie am liebsten auf den Boden werfen und zertreten mögen. Sobald diese Stimmung über ihn kam, schwieg er trotzig, sah immer nach einem Punkt und fürchtete sich zu sprechen, um die lieben Leute nicht durch irgend etwas zu beleidigen. Eines Abends, als er mit seinen Wirtsleuten Karten spielte, fragte er Kirik Awtonomow, während er ihm trotzig ins Gesicht sah:

»Sagen Sie, Kirik Nikodimowitsch – den Mörder, der den Kaufmann in der Dworjanskaja erwürgt hat – den haben sie noch nicht gefaßt? ...«

Als er die Frage heraus hatte, fühlte er in der Brust ein angenehmes, prickelndes Kitzeln.

»Den Kaufmann Poluektow?« sprach der Revieraufseher nachdenklich, während er in seine Karten sah. »Den Poluektow? Wa–wa–wa! Nein, den Poluektow haben sie noch nicht gefaßt. Wa–wa–wa ... Das heißt natürlich nicht den Poluektow, sondern den, der ihn ... Ich hab' ihn ja gar nicht gesucht ... ich brauch' ihn überhaupt gar nicht ... ich brauch' nur zu wissen: wer hat die Pikdame? Pikpikpik! Du hast die Drei gegen mich ausgespielt, Tanja – Treffdame, Karodame, und was noch?«

»Die Karosieben ... mach' doch schneller! ...«

»Er ist also einfach verschwunden?« fragte Ilja mit höhnischem Lachen.

Doch der Revieraufseher achtete nicht weiter auf ihn, er war ganz in den Gang des Spiels vertieft.

»Einfach verschwunden«, wiederholte er mechanisch. »Und dem armen Poluektow hat er den Hals umgedreht – wa–wa–wa ...«

»Kirja, laß doch dein Wa–wa–wa«, sagte seine Frau. »Mach' rascher!...«

»Ein geschickter Kerl muß es sein, der ihn ermordet hat«, setzte Ilja ihm von neuem zu. Die Gleichgültigkeit, mit der Kirik seine Worte aufnahm, reizte ihn nur noch mehr dazu an, von dem Morde zu sprechen.

»Ein geschickter Kerl?« sprach der Revieraufseher gedehnt. »Nein – ein geschickter Kerl bin ich! Schwapp!«

Und mit den Karten laut auf den Tisch aufschlagend, spielte er eine Fünf aus. Ilja verlor die Partie. Die beiden Ehegatten lachten über ihn, was seinen Trotz nur noch steigerte.

»Am hellen Tage, in der Hauptstraße der Stadt einen Menschen zu ermorden – dazu muß man wirklich Kühnheit besitzen«, sagte er, während er die Karten gab.

»Glück war's, nicht Kühnheit«, belehrte ihn Tatjana Wlaßjewna.

Ilja sah zuerst sie und dann ihren Gatten an, lachte leise und fragte:

»Jemand totschlagen – das nennen Sie Glück haben?«

»Totschlagen und nicht ins Loch kommen ...«

»Wieder haben sie mir den Karodaus aufgebrummt«, rief der Revieraufseher.

»Den könnt' ich jetzt gerade brauchen«, sagte Ilja ernst.

»Schlagen Sie einen reichen Geldprotzen tot – das ist der beste Daus«, scherzte Tatjana Wlaßjewna.

»Wart' noch mit dem Totschlagen – hier ist vorläufig ein Kartendaus«, rief Kirik laut lachend und warf zwei Neunen und ein Aß zu.

Lunew musterte wiederum ihre fröhlichen Gesichter, und er verlor die Lust, noch weiter über den Mord zu reden.

Seite an Seite mit diesen Leuten lebend, nur durch eine dünne Wand von ihrem behaglichen, ruhigen Leben getrennt, hatte Ilja immer häufiger Anfälle eines schmerzlichen Mißbehagens. Von neuem tauchten in ihm Gedanken über die Kontraste des Lebens auf, und über Gott, der alles weiß und nicht straft, sondern geduldig wartet ... Worauf mag Er warten?

Aus Langerweile begann Lunew wieder zu lesen. Seine Wirtin hatte ein paar Bände der »Niwa« und der »Illustrierten Rundschau« und noch einige andere zerlesene Bände.

Ganz wie in seiner Kindheit gefielen ihm auch jetzt nur solche Erzählungen und Romane, in denen ein ihm unbekanntes Leben geschildert war, wie er es selbst nicht führte. Erzählungen aus der Wirklichkeit, aus den Kreisen des einfachen Volkes fand er langweilig und voll falscher Darstellungen. Manchmal belustigten sie ihn, noch häufiger jedoch schien es ihm, als seien sie von schlauen Leuten geschrieben, die dieses düstre, trostlose Leben absichtlich mit hellen Farben malten. Er kannte dieses Leben und lernte es immer genauer kennen. Wenn er durch die Straßen ging, sah er jeden Tag irgend etwas, das ihn zu kritischen Betrachtungen stimmte. So beobachtete er einst, als er auf dem Wege nach dem Krankenhause zu seinen Freunden war, eine Szene, die er sogleich Pawel erzählte:

»Schöne Zustände! Da sah ich vorhin, wie ein paar Zimmerleute und Stukkateure auf dem Trottoir gingen. Plötzlich erscheint ein Polizist: ›Heda, ihr Teufelskerle!‹ schreit er und jagt sie vom Trottoir herunter. ›Geht dort, wo die Pferde gehen, sonst macht ihr mit euren schmutzigen Kitteln den besseren Leuten Flecke in die Kleider! ...‹ Bau' mir ein Haus – dich aber werf ich 'raus! ...«

Pawel war gleichfalls voll Empörung und schürte noch den Brand. Er fühlte sich beengt in dem Krankenhause, wie in einem Gefängnis, seine Augen glühten in Schwermut und grimmem Trotz, und er wurde mager und elend. Jakow Filimonow gefiel Pawel nicht, er hielt ihn für einen halben Narren.

Jakow aber, bei dem sich Anzeichen der Schwindsucht eingestellt hatten, verlebte im Krankenhause glückliche Tage. Er hatte sich mit seinem Bettnachbar befreundet, einem Kirchenwächter, dem vor kurzem das Bein amputiert worden war. Es war ein dicker Mann von kleinem Wuchse, mit einem großen, kahlen Kopf und einem schwarzen Vollbart, der ihm die ganze Brust bedeckte. Seine Augenbrauen waren voll und buschig, wie ein Schnurrbart, und er bewegte sie ständig auf und nieder; seine Stimme klang hohl, wie wenn sie aus dem Bauche käme. Jedesmal, wenn Lunew im Krankenhause erschien, traf er Jakow auf dem Bett des Wächters sitzend an. Der Wächter lag da und bewegte schweigend seine Brauen, Jakow aber las ihm halblaut aus der Bibel vor, die ebenso kurz und dick war wie der Wächter.

»Des Nachts kommt Verstörung über Ar in Moab,« las Jakow, »sie ist dahin. Des Nachts kommt Verstörung über Kir und Moab; sie ist dahin!«

Jakows Stimme klang schwach und knarrend, wie das Geräusch einer Säge, die in Holz einschneidet. Wenn er las, hob er die linke Hand empor, als wollte er die Kranken des Saales herbeirufen, damit sie die unheilvollen Prophezeiungen des Jesaias anhörten. Die großen, grüblerischen Augen gaben seinem gelben Gesichte einen unheimlichen Ausdruck. Sobald er Ilja sah, warf er jedesmal das Buch hin und richtete an den Freund die besorgte Frage:

»Hast du Maschutka nicht gesehen?«

Ilja hatte sie nicht gesehen.

»O Gott!« sprach Jakow traurig. »Wie seltsam ist das doch ... ganz wie im Märchen! Sie war da, und plötzlich hat ein Zauberer sie geraubt, und sie ist verschwunden!«

»Hat dein Vater dich besucht?« fragte Ilja.

Ein Zittern ging über Jakows Gesicht, und seine Augen irrten ängstlich hin und her.

»Ja, er war da«, erwiderte er. »›Hast dich lange genug hier herumgewälzt‹, sagte er. ›Laß dich gesund schreiben!‹ Ich hab' aber den Doktor gebeten, daß er mich noch nicht weglassen soll ... Hier ist es hübsch ... so still, so gemütlich ... Da ist Nikita Jegorowitsch – wir lesen zusammen – in der Bibel. Sieben Jahre lang hat er darin gelesen. Alles kennt er auswendig und versteht die Prophezeiungen auszulegen ... Wenn ich gesund werde, will ich mit Nikita Jegorowitsch zusammen leben, will weggehen vom Vater! Ich werde Nikita Jegorowitsch in der Kirche helfen und auf dem linken Chor singen ...«

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