Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Er suchte sich einen Weg in die weniger schönen Wohnviertel, aber er mied die Gegenden der Wirtshäuser und Schänken und wählte verlassene Straßen.
Schließlich fand er ein mehrstöckiges Wohnhaus, das seinen Vorstellungen entsprach. Er hatte hier einmal ein Paket für Mone Flamm abgeholt, und er wusste, wie der Hinterhof aussah und wie man über die Mauer dahinter kam.
Er sah sich nach allen Seiten um, als wolle er sichergehen, dass er unbeobachtet war. An der Straßenecke kam ein Mann mit Mantel und Melone vorbei, ohne in die Straße einzubiegen oder Tigwid anzusehen. Sein Verfolger hatte ihn also entdeckt.
»Dann mal los«, murmelte Tigwid, lief die Stufen zur Haustür hinauf und drückte die Klinke hinunter. Die Haustüren waren hier selten mit einem Schloss versehen, in dieser Gegend gab es nämlich kaum Stehlenswertes. Als Dieb wusste Tigwid das.
Er schlüpfte in ein stockdunkles Treppenhaus und schloss leise die Tür hinter sich. Aber er erinnerte sich, wo der Hinterausgang war - er hatte ein gutes Gedächtnis, wenn es um Häuser und Fluchtmöglichkeiten ging. Eilig tastete er sich an der Wand entlang, bis er ein niedriges Fenster erreichte. Es gab zwar eine Tür, die ein Stockwerk tiefer in den Hinterhof führte, aber die war für gewöhnlich verrammelt, damit die Ratten nicht ins Haus kamen, die draußen im Müll hausten. Tigwid kniete nieder, schob das Fenster auf und zwängte sich hindurch. Glücklicherweise berührten seine Füße bald festen Untergrund: Die Mauer, die den Hof von der nächsten Straße und den anderen Wohnhäusern trennte, war direkt unter ihm. Irgendwo drang das Klappern von Kochtöpfen aus einem Fenster, begleitet von streitenden Stimmen. Tigwid entschuldigte sich in Gedanken bei den Hausbewohnern, denn heute Nacht würde die Polizei ihnen noch einen Besuch abstatten. Und zwar, wenn er längst über alle Berge war.
Geduckt huschte er über die Mauer, erreichte einen Kastanienbaum, der sich aus dem Hof zur Straße hinausbeugte, griff nach den Ästen und schwang sich hinunter. Er kam leichtfüßig auf dem Bürgersteig auf. Nur ein paar Eissterne rieselten von den Zweigen des Kastanienbaumes und glitzerten im schwachen Mondschimmer. Tigwid erhob sich aus seiner geduckten Landeposition und zog sich das Jackett zurecht.
Angesichts seines trickreichen Manövers kam er nicht umhin, sich mit einem stolzen Grinsen zu beglückwünschen. Dann vollführte er ein kurzes Freudentänzchen, das aus einer Pirouette und einem übermütigen Sprung bestand und damit endete, dass er sich den Kragen seines Jacketts aufrichtete. So setzte er sich endlich in Bewegung und ging beschwingt die Straße hinunter. Allerdings kam er nur drei Schritte weit. Dann rutschte er auf dem Eis aus und knallte auf den Hosenboden.
»Aaahhh ...« Mit schmerzverzerrtem Gesicht rollte er sich auf die Knie und versuchte aufzustehen. »Verdammte ...« Als hätte er nicht schon genug Beulen und blaue Flecken! Gott sei Dank war diese Peinlichkeit in der Dunkelheit unbeobachtet geblieben.
Humpelnd und sich die schmerzende Stelle reibend, machte Tigwid sich davon.
Bassar konnte nicht anders als zu lächeln. Ganz verlernt hatte er das Beschatten wohl doch nicht! In seinen Block notierte er bereits die Adresse des Hauses, in dem der Junge verschwunden war. Der nächste Polizeiwagen war drei Straßen entfernt, dazu folgten ihm ein paar Kollegen mit Spürhunden; Bassar musste nur noch warten. Dann würde sich herausstellen, wohin das Vögelchen geflogen war.
Aber er hatte jetzt nicht die Geduld zu warten. Zum Teufel mit den Vorschriften - er war Inspektor, kein Postbeamter.
Er trat in ein stockfinsteres Treppenhaus und zückte seine Taschenlampe. Der schmale Lichtstreifen wanderte die grauen Stufen hinauf und hinunter, die in die anderen Stockwerke führten. Bassar legte eine Hand aufs Geländer und wollte die Treppe hinauf, um die Namen an den Wohnungstüren zu prüfen. Vielleicht stieß er gleich auf einen Bekannten. Plötzlich erklangen ein gedämpfter Wutschrei und ein markerschütterndes Klirren draußen im Hof. Bassar sprang zurück und leuchtete in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war. Der Schein der Taschenlampe tänzelte über ein schmales Fenster im Flur. Es war einen Spalt geöffnet.
Bassar ging hin. Aus irgendeiner Wohnung über ihm drangen streitende Stimmen. Gerade war er vor dem Fenster angekommen und spähte hinaus, da fiel etwas vom Himmel, kurz gefolgt von einem neuerlichen, ohrenbetäubenden Klirren: Ein Blumentopf samt Inhalt zerschellte im Hinterhof.
Bassar schob das Fenster auf. Unter ihm war eine schmale, etwa zwei Meter hohe Mauer, die von Frost überzogen war. Und da im Frost - da waren Fußspuren.
»Nein... nein!« Ohne die Taschenlampe auszuknipsen, stopfte er sie in seine Manteltasche zurück und rannte aus dem Haus.
Die Hochstimmung, den Polizeispion abgehängt zu haben, hielt nicht lange an. Sobald Tigwid den Weg zu seinem wahren Ziel eingeschlagen hatte, erwachte ein Gefühl in ihm, als würde er sich mit dem Teufel zum Würfeln treffen.
Während er durch die dunklen Straßen lief, begann er, sich gut zuzureden. War er nicht schon unzählige Male in die schwierigsten Gebäude eingebrochen? Er war noch nie erwischt worden und in brenzligen Situationen hatten das Glück und ein gewisses Talent ihn nie verlassen. Aber ob seine Mottengabe diesmal reichen würde, wenn etwas schiefging?
Tigwid atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen. Er lockerte die Fäuste und legte den Kopf nach links und rechts. Es gab keinen Grund zur Sorge. Bloß weil er in das Büro des gefährlichsten Mannes der Stadt einbrechen wollte ...
Aber es ließ sich nicht umgehen. Tigwid wusste weder, wo Apolonia und Vampa steckten, noch hatte er eine Ahnung, wo Professor Ferol wohnte. Und vielleicht gab es noch einen anderen Weg, um die Dichter ans Messer zu liefern. Wenn er tatsächlich nur ausreichend Beweise brauchte - dann war die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass er ebendiese in Mone Flamms Akten fand.
Denn Mone Flamm oder Flammen-Mo, wie manche ihn nannten, hatte seine Finger überall im Spiel, wo es um Geld und Geheimnisse ging. Die Akten seiner Klienten waren wie ein Reiseführer durch die Unterwelt. Womöglich ließ sich in Mone Flamms Büro auch etwas über Morbus und die Dichter finden.
Plötzlich schnürte es Tigwid die Kehle zu. Er blieb stehen. Wie sollte er einen Beweis finden, wenn er nicht lesen konnte?
Wütend setzte er sich wieder in Bewegung. Es war ja nicht seine Schuld, dass er es nie hatte lernen können. Aber dass er einmal so hilflos sein würde wegen ein paar Tintezeichen, das hätte er nie gedacht.
Und wenn schon. Ein paar Buchstaben kannte er schließlich. Er würde einfach alles mitnehmen, was unter Ferol oder Morbus abgeheftet war.
Die Straßen führten ihn in eine schmucke Gegend voller Geschäfte und mehrstöckiger Bürogebäude. In der Nähe strömte ein Arm des Flusses durch die Stadt, gesäumt von Ahornbäumen, die sich mit frostigen Ästen über die schwarzen Fluten beugten. Eine steinerne Brücke führte über den Kanal und verband die gegenüberliegende Einkaufsallee mit den Geschäften, die auf dieser Uferseite die Häuser füllten. Wie friedlich und still und menschenleer war hier die Nacht! Tigwid hatte es immer geliebt, zu später Stunde durch diesen Stadtteil zu laufen - was er überdies mit seinem gelegentlichen Nebenberuf gut hatte vereinbaren können. Im Sommer war nachts mehr los, stets hörte man von irgendwo Stimmen oder grölende Betrunkene, Musik wehte aus den Fenstern und verliebte Paare trafen sich im Schutz der Dunkelheit. In der Kälte dieser Jahreszeit hielt es allerdings niemand lange draußen aus. So war Tigwid der Einzige, der noch auf den Beinen war. Er spähte an den Ahornbäumen vorbei auf die silbrigen Wellen des Flusses und fröstelte. Wie kalt das Wasser jetzt wohl sein mochte?