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Autobiographische Schriften
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Bei einem Besuch des Justizpalais versahen wir uns in der Salle des pas perdus und gelangten, statt in die Abteilung für Kriminalsachen, in die der Zivilprozesse Ein Rechtsanwalt mit lockigem Haar, in langer Robe, das Barett auf dem Kopf, hielt eine Rede, in der er mit wahren Perlen der Redekunst nur so um sich streute. Der Vorsitzende, die Richter, die Zuhörer schwammen in Wonne und Entzücken. Andächtige Stille herrschte im Raum: wir schlichen auf den Fußspitzen hinein. Es handelte sich um eine Erbschaftsgeschichte, in die eine Ordensbruderschaft verwickelt war. Ordensbrüder sind jetzt oft in Rechtsstreite verwickelt, namentlich in solche, wo es sich um Erbschaften handelt. Die skandalösesten, die schmutzigsten Begebenheiten werden aufgedeckt; doch das Publikum schweigt und ist sehr wenig schockiert, da die Patres gegenwärtig eine beträchtliche Macht haben und der Bourgeois ja so ungemein folgsam ist. Die geistlichen Väter stellen sich immer mehr auf den Boden der Ansicht, daß Geld doch das Beste sei, besser als alle diese Schwärmereien und dergleichen, und daß man, wenn man erst Geld beisammen hat, dann auch Macht haben kann, Redekunst dagegen sei doch nur Redekunst! Mit der allein mache man's jetzt nicht mehr. Aber darin irren sie sich ein wenig, wie mir scheint. Freilich ist so ein Kapitälchen eine lobesame Sache, aber auch mit der Redekunst kann man beim Franzosen viel erreichen. Besonders die Epousen sind's, die sich dem Einfluß der Ordensväter ergeben, jetzt sogar noch mehr, als es früher zu bemerken war. Und es steht zu hoffen, daß auch der Bourgeois einlenken wird. In jenem Prozeß stellte sich nun heraus, wie die Väter durch langjährige, schlaue, ja sogar wissenschaftliche Quälerei (sie haben zu dem Zweck eine ganze Wissenschaft entwickelt) eine gute und sehr reiche Dame veranlaßt hatten, ins Kloster überzusiedeln, wie diese Dame dort von ihnen so lange geängstigt worden war, bis sie krank wurde, wie man sie bis zur Hysterie mit allen Schrecknissen geschreckt hatte, und alles das mit seiner Berechnung, in wissenschaftlich abgewogener Steigerung. Und schließlich, als man das Opfer richtig krank und fast idiotisch gemacht hatte, begann man ihr noch vorzuhalten, daß es vor Gott dem Herrn doch eine große Sünde sei, an irdischen Verwandten zu hängen und sich mit ihnen abzugeben, und so hatten die Väter schließlich jedes Wiedersehen mit ihren Verwandten zu hintertreiben und diese von ihr vollkommen fernzuhalten gewußt. »Selbst ihre Nichte, diese jungfräuliche, kindliche Seele, dieser fünfzehnjährige Engel der Reinheit und Keuschheit, – selbst dieser Engel durfte sich nicht mehr unterfangen, die Zelle der vergötterten Tante zu betreten, dieser Tante, die ihre Nichte über alles auf der Welt liebte und nun infolge jener ränkevollen Hinterlist der Möglichkeit beraubt ward, le front virginal dieses Mädchens zu küssen, diese Stirn, auf der noch der weiße Engel der Unschuld thront...« Kurz, alles war in dieser Art; es war erstaunlich schön. Der redende Rechtsanwalt schmolz sichtlich selber vor Freude darüber, daß er so schön zu reden verstand, desgleichen schmolz der Vorsitzende, schmolz der Gerichtshof, schmolz das Publikum. Die Ordensväter verloren die Schlacht einzig dank der Redekunst. Natürlich werden sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen... Einmal haben sie verloren, fünfzehnmal werden sie gewinnen.

»... ist dieser Rechtsanwalt?« fragte ich einen jungen Studenten, der dort unter den andächtigen Zuhörern mir am nächsten stand. Studenten gab es da eine Menge und alle benahmen sie sich so artig. Der Student sah mich verwundert an.

»Jules Favre!« sagte er schließlich, sagte es aber mit so verachtendem Mitleid, daß ich mich natürlich ganz verwirrt fühlte. So hatte ich denn Gelegenheit gehabt, die Blüten der französischen Redekunst und ihren Geist sozusagen aus der ersten Quelle kennen zu lernen.

Doch solcher Quellen gibt es eine Menge. Der Bourgeois ist bis in die Fingerspitzen mit Redekunst durchtränkt. Einmal gingen wir ins Pantheon, um die Ruhestätte der großen Männer Frankreichs zu sehen. Es war aber nicht die vorschriftsmäßige Besuchszeit und man verlangte von uns zwei Franken. Darauf nahm der vor Alter zitterige Invalide die Schlüssel und führte uns in die Grabgewölbe. Unterwegs sprach er noch wie ein Mensch, wenn auch aus Mangel an Zähnen ein wenig undeutlich. Doch kaum waren wir unten beim ersten Sarge angelangt, da begann er auch schon zu singen.

»Ci-gît Voltaire, – Voltaire, dieses große Genie des schönen Frankreich – de la belle France! Er rottete die Vorurteile aus, vernichtete die Unwissenheit, kämpfte mit dem Engel der Finsternis und hielt die Leuchte der Aufklärung hoch. In seinen Tragödien hat er Großes erreicht, obschon Frankreich bereits Corneille besaß.«

Er sprach offenbar auswendig Gelerntes. Irgend jemand wird ihm wohl einmal diese Litanei auf ein Blatt Papier geschrieben haben und die hatte er dann für sein ganzes Leben auswendig gelernt. Sein altes, gutmütiges Gesicht verklärte sich förmlich vor Wonne, als er seinen hohen Stil vor uns ausbreiten konnte.

»Ci-gît Jean Jacques Rousseau,« fuhr er fort, an einen anderen Sarg tretend. »Jean Jacques, l'homme de la nature et de la vérité

Mich wandelte plötzlich Lachlust an. Durch hochtrabende Rede kann man tatsächlich alles lächerlich machen. Und zudem sah man doch, daß der arme Alte, als er von der nature und der vérité sprach, selber entschieden keine Ahnung hatte, um was es sich handelte.

»Sonderbar!« sagte ich. »... diesen beiden großen Männern hat der eine den andern sein Lebelang einen Lügner und üblen Menschen genannt, und dieser den ersteren wiederum einfach einen Dummkopf. Und nun liegen sie hier fast Seite an Seite.«

»Mßjö, mßjö!« entfuhr es dem Invaliden – offenbar wollte er mir widersprechen, aber dann tat er es doch nicht, sondern führte uns schneller zu einem anderen Sarkophag.

»Ci-gît, Lannes, der Marschall Lannes,« begann er von neuem zu singen, »einer der größten Helden Frankreichs, das so überreich mit Helden gesegnet ist. Das war nicht nur ein großer Marschall, der geschickteste Heerführer, ausgenommen den großen Kaiser, sondern ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund...«

»... ja, er war der Freund Napoleons,« sagte ich, um die Rede abzukürzen.

»Mßjö! Erlauben Sie, daß ich rede,« unterbrach mich der Invalide mit gleichsam ein wenig gekränkter Stimme.

»Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.«

»... ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein Vaterland fiel...«

»... ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.«

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