Der Untergang
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: vgs Verlagsgesellschaft
- ISBN: 3-8025-2798-4
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Der Untergang». Краткое содержание книги:
»Schon vorbei«, sagte Andrej in bewusst beiläufigem Ton. »Es tut mir wirklich Leid. Ich wollte dich nicht verletzen.«
»Meine Schuld«, sagte Bason gepresst. Nach einem Moment und mit einem schiefen Grinsen fügte er hinzu: »Aber deshalb tut es nicht weniger weh.«
»Du solltest die Wunde verbinden lassen«, sagte Andrej. Er stand auf und streckte die Hand aus, um Bason hochzuhelfen, aber der Sinti schüttelte nur den Kopf und rappelte sich ungeschickt, aber aus eigener Kraft auf. Die verletzte Hand hatte er gegen die Brust gepresst und mit der anderen abgedeckt, aber sein weißes Hemd war jetzt mit hässlichen roten Flecken übersät.
Andrej betrachtete sie, und der Anblick machte ihm jetzt nichts mehr aus. Aber er war trotzdem verunsichert und verwirrt wie selten zuvor in seinem Leben. Es war das zweite Mal innerhalb weniger Stunden, dass er die finstere Macht, die er so viele Jahre lang sorgsam unter Kontrolle gehalten hatte, nicht mehr beherrscht und um ein Haar zu ihrem Gefangenen geworden wäre. Vielleicht hat Abu Dun Recht, dachte er. Vielleicht sollten wir von hier verschwinden, solange wir noch können.
»Was war das, Andreas?«, fragte Bason mit leiser, zitternder Stimme. »Du bist -«
»- ein unvorsichtiger Narr, ich weiß«, fiel Andrej ihm ins Wort. »Ich hätte nicht so fest zuschlagen sollen. Es tut mir Leid.«
Bason sah einen Moment lang auf seine verletzte Hand hinunter, schüttelte den Kopf und blickte ihn dann auf noch sonderbarere Weise an; auf eine Art, die Andrej einen kalten Schauer über den Rücken jagte. »Das habe ich nicht gemeint«, sagte er. »Ich meine das, was du getan hast.«
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, erwiderte Andrej.
»Ich glaube schon«, beharrte Bason. Der Ausdruck in seinen Augen änderte sich, aber er wurde sonderbarerweise nicht härter, zorniger oder gar vorwurfsvoll. »Du bist -«
»Was ist denn hier passiert?«
Andrej hätte um ein Haar erleichtert aufgeatmet als er die Stimme hinter sich hörte und somit einen Anlass hatte, Bason nicht zu antworten, sondern sich rasch herumzudrehen. Er war nicht sicher, ob er die Kraft gehabt hätte, dem jungen Sinti nicht die Wahrheit zu sagen.
Als er sich umdrehte, wandelte sich das Gefühl der Erleichterung jedoch schlagartig. Hinter ihm stand nicht Laurus oder einer der anderen Sinti, wie er angenommen hatte. Während er mit Bason gesprochen hatte, waren drei Berittene näher gekommen, die jetzt unmittelbar neben der Bühne angehalten hatten. Da sie auf den Pferderücken saßen, befanden sie sich praktisch auf gleicher Höhe mit ihm. Einen der drei Männer kannte er von gestern - Schulz -, die beiden anderen waren ihm fremd, aber ihr Anblick mahnte ihn zur Vorsicht. Sie trugen Kettenhemden und Schwerter, und beide waren ausgesucht große, kräftige Kerle mit harten Gesichtern und gnadenlosen Augen.
»Schulz«, sagte er. »Ihr kommt früh.«
Der Grauhaarige deutete auf Bason. »Hat es einen Unfall gegeben, oder kommen wir im falschen Moment?«
»Ein Unfall«, bestätigte Andrej. »Ich war ungeschickt.«
Schulz lächelte kühl. Sein Blick klebte einen Moment an Basons Hand, dann sah er Andrejs ins Gesicht. »Das scheint mir auch so. Aber wie ich zu meiner Erleichterung sehe, scheint Ihr selbst ja unverletzt zu sein. Offensichtlich kommen immer nur die zu Schaden, die den Fehler begehen, Euch zu nahe zu kommen, Andreas.«
Andrej beschloss, nicht darauf einzugehen. »Ich nehme an, Ihr seid gekommen, um mit Laurus zu sprechen?«
»Unter anderem«, bestätigte Schulz.
»Dann führe ich Euch zu ihm.« Andrej wandte sich noch einmal an Bason. »Geh und lass deine Hand verbinden.«
Er wartete bis Bason gegangen war, um seiner Aufforderung Folge zu leisten, dann sprang er geschmeidig von der Bühne und sah auffordernd zu Schulz und seinen beiden Begleitern hoch. Weder der Grauhaarige noch die beiden anderen Männer machten Anstalten, aus den Sätteln zu steigen, und so drehte sich Andrej achselzuckend um und ging - schon fast provozierend - langsam vor ihnen her. Die Männer und Frauen, an denen sie vorüberkamen, blieben überrascht stehen oder hielten in ihrem Tun inne, und Andrej war sich bewusst, dass er wie ein Gefangener aussah, der vor seinen Häschern einher schritt. Und er fragte sich, ob es tatsächlich so war. Die Anwesenheit der beiden Bewaffneten irritierte ihn. Vielleicht hatte ihn die grimmige Sachlichkeit, die Schulz gestern an den Tag gelegt hatte, dazu verleitet, diesen Mann vorschnell und möglicherweise falsch einzuschätzen.
Auch als sie Laurus' Wagen erreichten, stiegen Schulz und seine beiden Begleiter nicht ab. Der Grauhaarige machte eine auffordernde Kopfbewegung, und Andrej klopfte an die Tür. Sie wurde so schnell geöffnet, als hätte der Sinti bereits dahinter gewartet, und Laurus trat heraus. Schweigend blieb er auf der obersten Treppenstufe stehen und sah Andrej unfreundlich an.
»Wir haben Gäste«, sagte Andrej und deutete auf die drei Männer hinter sich. »Das ist Schulz. Ich habe Euch von ihm erzählt.«
Laurus musterte auch Schulz und seine beiden Begleiter missbilligend, dann deutete er ein Achselzucken an. »Ihr kommt früh.«
»Wir haben eine Menge zu besprechen«, antwortete Schulz. »Meinen Namen kennt Ihr ja schon. Ich nehme an, Ihr seid Laurus, der Anführer dieser ... Familie?«
Laurus' Miene verfinsterte sich ein wenig, als er hörte, wie Schulz das letzte Wort aussprach, und auch Andrej fühlte sich noch ein wenig mehr alarmiert als bisher. Schulz hatte das Wort Anführer ganz gewiss nicht ohne Bedacht gewählt, so wenig wie die winzige Pause vor dem Wort Familie Zufall gewesen war. Konnte es sein, dass er sich so sehr in diesem Mann getäuscht hatte?
»Wir haben keinen Anführer«, antwortete Laurus. »Aber wenn Ihr mit jemandem reden wollt, dann könnt Ihr es genauso gut mit mir wie mit jedem anderen tun.« Er wandte sich an Andrej. »Danke, dass du die Herren hierher gebracht hast. Jetzt geh' wieder an deine Arbeit.«
»Nein«, widersprach Schulz. »Ich möchte, dass er bleibt.«
In Laurus' Augen blitzte es auf, aber er zuckte nur mit den Schultern und ging wieder in seinen Wagen zurück. Andrej folgte ihm, und endlich stiegen auch Schulz und seine beiden Begleiter aus ihren Sätteln. Der Grauhaarige und einer der Bewaffneten gesellten sich zu ihnen, während der andere draußen bei den Pferden zurückblieb. Allein die Art, auf die er sich bewegte, machte Andrej endgültig klar, womit sie es hier zu tun hatten. Auch wenn die beiden Männer bisher kein einziges Wort gesprochen hatten und das wahrscheinlich auch nicht tun würden, so redete ihre Körpersprache doch genug. Er fragte sich, wie viele es noch von ihnen gab. Und wo sie waren.
»Nehmt Platz, die Herren.« Laurus machte eine einladende Handbewegung auf den Tisch, der zusammen mit der an der Wand verschraubten Eckbank und den beiden Stühlen ein Großteil des vorhandenen Platzes einnahm. »Möchtet Ihr etwas trinken?«
Schulz zögerte sichtlich, der Einladung Folge zu leisten, setzte sich aber dann doch, während sein Begleiter mit verschränkten Armen vor der jetzt wieder geschlossenen Tür stehen blieb. Der Blick des Grauhaarigen glitt rasch durch das Innere des Wagens, aber es war nicht festzustellen, ob ihm das, was er sah, gefiel oder nicht. »Nein«, sagte er. »Ich bin nicht hierher gekommen, um mit Euch zu trinken, Laurus.«
Laurus hob die Schultern. »Ich sehe, Ihr seid ein Mann, der das offene Wort schätzt«, sagte er. »Also, warum seid Ihr dann hier?« Er nahm Schulz gegenüber Platz, und Andrej fiel plötzlich auf, wie ähnlich sich die beiden Männer doch waren. Beide hatten ungefähr das gleiche Alter, beide waren grauhaarig und mit denselben offenen, zugleich aber auch energischen Zügen ausgestattet. Und ganz offensichtlich hielten beide nicht allzu viel davon, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Das Gespräch versprach interessant zu werden.