Über den Wassern [The Face of the Waters - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-06209-4
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Über den Wassern [The Face of the Waters - de]». Краткое содержание книги:
Dann tastete Lawler mit den Händen den Abdominalbereich ab und spürte im Innern starren Widerstand, Knoten und Klumpen, wo eigentlich alles weich und geschmeidig hätte sein müssen. Seine Hände hatten inzwischen endlich ihre Stumpfheit wieder verloren, und er vermochte die Topographie im Leib des Geschöpfes zu entziffern, als hätte er es mit dem Skalpell aufgeschnitten. Wo immer er hintastete, er konnte die Symptome eines inneren Wucherwuchses ertasten. Er rollte das Geschöpf auf den Rücken und sah, daß Strähnen des gleichen holzartigen Geflechts direkt über dem Schwanzansatz auch aus dem Anus hervorragten.
Plötzlich stieß das Tier einen trocknen, keuchenden Schnarrlaut aus. Das Maul öffnete sich weiter, als Lawler es für möglich gehalten hätte. Das faserige Holzgeflecht darin wurde sichtbar, schob sich aus dem Tiermaul, als säße es auf einer Plattform, und begann von einer Seite zur anderen zu schwingen. Lawler stand rasch auf und trat zurück. Etwas, das wie eine kleine rosa Zunge aussah, trat aus der Faserkugel hervor und zuckte wild über die Decksplanken, zog sich zurück und schoß wieder hervor, wie von einer irren Kraft angetrieben. Lawler trat gerade noch rechtzeitig mit dem Stiefel zu, ehe die Zunge an ihm vorbei auf Sundira zufuhr. Aus der Kugel trat eine zweite unabhängige Zunge hervor. Auch diese zertrat er. Die Kugel wackelte träge, wie um neue Energie zu sammeln, um noch ein paar weitere dieser Zungen hervorzustülpen.
Er zischte Kinverson zu: »Schmeiß das Ding ins Meer, und schnell!«
»Waas?«
»Heb’s schon auf und schaff es rüber. Schnell!«
Kinverson hatte der ärztlichen Untersuchung verblüfft und ein wenig überheblich zugesehen. Doch Lawlers scharfer Befehlston drang zu ihm durch. Er schob seine breite Pranke unter die Mittelpartie des Tieres, hob es hoch und warf es in einer einzigen raschen Bewegung in die Luft. Das Tier fiel klatschend ins Wasser wie ein lebloser Sack. Aber im letzten Moment gelang es ihm, sich zu strecken, und es tauchte mit dem Kopf voraus glatt ins Wasser, als ob angeborene Reflexe noch immer partiell funktionierten. Es folgte ein geglückter heftiger Schlag des Schwanzes, dann glitt das Geschöpf sekundenschnell unter Wasser und außer Sicht.
»Was hat denn das, verdammt, alles bedeuten sollen?« fragte Kinverson.
»Parasitenbefall. Das Tier da war von der Schnauze bis zum Schwanz von irgendeinem pflanzlichen Gewächs durchwuchert, das Maul war ganz voll davon, hast du das nicht gesehen? Und so war es durch den ganzen Leib hindurch bis zum anderen Ende. Es war völlig durchwachsen davon. Und diese kleinen rosa Zungen — also, ich vermute, das waren Ableger, die nach einem neuen Wirtsorganismus suchten.«
Sundira schauderte zusammen. »So etwas wie die Killerfungi?«
»Sowas ähnliches, ja.«
»Und du glaubst, es hätte uns befallen können?«
»Na, es hat es ja ziemlich deutlich versucht«, sagte Lawler trocken. »Außerdem, in einem Ozean von dieser Größe können es sich Parasiten nicht leisten, wirtsspezifische Vorlieben zu pflegen. Sie müssen sich festsetzen, wo immer es nur geht.« Er schaute starr über Bord, als rechne er fast damit, daß unzählige von Parasiten befallene Tiere hilflos überall um das Schiff herumschwimmen könnten. Doch da drunten war nur der gelbliche, rotgestreifte Schaum. Er wandte sich wieder Kinverson zu. »Ich wünsche, daß vorläufig jeglicher Fischfang eingestellt wird, bis wir aus diesem Seebereich raus sind. Ich geh jetzt zu Dag Tharp und sage ihm, er soll den gleichen Befehl an die übrigen Schiffe senden.«
»Aber wir brauchen frisches Fleisch, Doc.«
»Möchtest du persönlich die Verantwortung übernehmen und jeden Fang dahingehend untersuchen, ob er von diesem Pflanzenparasiten frei ist?«
»Verdammt, nein!«
»Schön, dann wird vorläufig hier nicht mehr gefischt. So einfach ist das. Ich lebe wirklich lieber eine Weile von Trockenfisch, als daß mir so was im Bauch wächst. Du nicht?«
Kinverson nickte ernst.
»Und dabei war es so ein hübsches kleines Ding.«
Einen Tag später, sie segelten noch immer durch das Gelbe Meer, liefen sie in die erste große Tidenwoge. Dabei war eigentlich nur überraschend, daß sie so lange auf sich hatte warten lassen, wenn man bedachte, daß sie nun schon wochenlang übers Meer fuhren.
Es war unmöglich, diesen ozeanischen Flutwellen ganz zu entgehen. Die drei kleinen, rasch kreisenden Monde des Planeten zogen in komplizierten, sich überschneidenden Orbits unablässig um den Planeten, und in regelmäßigen Zeitabständen lagen sie auf Positionen, durch die sie eine starke Gravitationswirkung auf den gewaltigen Wasserglobus ausübten, den sie umkreisten. Dadurch wurde eine große mächtige Gezeiten-‚Beule‹ ausgelöst, die kontinuierlich mit der Umdrehung des Planeten um dessen Mittelbereich wanderte. Kleinere Gezeitenwirkungen, die von den Gravitationsfeldern der einzelnen Monde ausgelöst wurden, liefen im Winkel dazu. Die Gillies hatten ihre Inseln in einer Weise konstruiert, daß sie den unausweichlichen Tidenwogen standhalten konnten, wenn diese auf sie zurollten. Manchmal, selten allerdings, gerieten die kleineren Tidenbewegungen auf den Weg der Großen Tide, und dann entstand diese gewaltige Turbulenz, die als die ›Woge‹ bekannt war. Die Inseln der Gillies waren so gebaut, daß sie auch der Großen Woge standhalten konnten, doch kleine einzelne Boote oder auch Schiffe waren ihr hilflos ausgeliefert. Darum fürchtete jeder Seefahrer sie mehr als irgend etwas sonst.
Die erste Tidenschwellung war eher eine von der milderen Art. Der Tag war irgendwie bleiern und dumpfig, die Sonne sah fahl, verschwommen, kraftlos aus. Das erste Team hatte Wache, Martello, Kinverson, Gharkid, Pilya Braun. »Kabbelsee voraus!« rief Kinverson vom Auslug. Onyos Felk am Ruder griff nach seinem Fernglas. Nach seiner Morgenvisite (über Funk) auf den anderen Schiffen war Lawler gerade auf Deck gekommen und spürte, wie die Planken unter seinen Füßen stießen und bockten, als hinge das Schiff mit seinen Wurzeln an irgendwas Festem. Gelbe Gischt flog ihm wirbelnd ins Gesicht.
Er blickte zum Ruderhaus. Felk dort signalisierte ihm mit brüsken Armbewegungen etwas.
»Die Sturzsee kommt«, brüllte der Kartograph. »Geh unter Deck!«
Lawler sah, daß Pilya und Leo Martello die Taue festmachten, die das Segelwerk hielten. Und im nächsten Augenblick kamen sie aus der Takelung herab. Gharkid war schon unter Deck. Kinverson kam vorbeigetrabt und nickte ihm zu. »Komm runter, Doc. Gleich geht’s hier draußen los.«
»Ja«, sagte Lawler, blieb aber doch noch einen Augenblick an der Reling. Jetzt sah er es. Sie kam aus dem Nordwesten wie ein kleiner Gruß des fernen Grayvard auf sie zugelaufen — eine dicke graue Wasserwand, die im scharfen Winkel über den Horizont zog und mit beeindruckender Geschwindigkeit auf sie zurollte. Lawler stellte sich vor, daß eine Art Stange dicht unter der Oberfläche durch die See fuhr und diesen langen unausweichlichen Wall hochdrückte. Vor ihm her kam ein kalter salziger Wind, ein freudloser Vorbote.
»Doc!« rief Kinverson noch einmal von der Deckluke her. »Manchmal fegen die glatt das ganze Deck sauber, wenn sie aufprallen!«
»Ich weiß«, sagte Lawler. Doch die Wucht der heranbrausenden Flutwelle hielt ihn wie gebannt fest. Mit einem Achselzucken verschwand Kinverson nach unten. Lawler war nun allein auf Deck. Er begriff, daß die anderen möglicherweise die Luke dichtmachen und ihn hier allein lassen würden. Er warf noch einen letzten Blick auf die Flutwelle, dann rannte er schnell zum Einstiegsloch. Drunten waren alle, außer Henders und Delagard, im Kajütsniedergang versammelt und machten sich auf den bevorstehenden Zusammenprall bereit. Kinverson knallte den Lukendeckel hinter Lawler zu und sicherte ihn mit Krampen.
Aus der Tiefe des Schiffs, irgendwo auf das Heck zu, drang ein eigenartiges mahlendes Knirschen.