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Piratin der Freiheit

Электронная книга - «Piratin der Freiheit». Краткое содержание книги:

Port-Royal, Jamaika, am 7. Juni 1692: Ein verheerendes Erdbeben hat die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Auch Sebastian, Kapitän des Piratenschiffes Jacare und leidenschaftlicher Kämpfer gegen den Sklavenhandel, fällt der Katastrophe zum Opfer. Doch seine unerschrockene, schöne Schwester Celeste schwört, die Mission ihres toten Bruders fortzuführen und den skrupellosen Machenschaften der Sklavenhändler ein Ende zu bereiten. Mit einem perfekt ausgestatteten Schiff und einer schlagkräftigen Besatzung sticht die verwegene junge Frau in See, und tatsächlich gelingt es ihr, ihren verhaßten Widersachern übel mitzuspielen. In einer spektakulären Serie von Attacken versenkt sie mit ihrer Besatzung, die sie mit eiserner Hand führt, vor der Küste Afrikas eine ganze Armada von Sklavenschiffen. Doch die entscheidende Schlacht steht ihr noch bevor: Wird es ihr gelingen, unterstützt von einer Legion rachedurstiger einheimischer Frauen, über den gefürchteten »König des Niger« und mächtigen Drahtzieher des Sklavenhandels zu triumphieren?
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Es war finstere Nacht, als sie zusammen mit ihren vier Kindern und sechs Dienern auf ihr Boot gingen, ein langes Kanu, auf dem sie allen Besitz verstaut hatten, der ihnen wirklich etwas galt. Als sie zum letzten Mal über die Schwelle ihres Hauses gingen, mußte der Schamane seine kummervolle Familie trösten.

»Weint nicht«, bat er. »Wir kommen zurück.«

»Wann?«

»Bald«, versprach er. »Sehr bald.«

»Aber vielleicht gibt es dann das Haus nicht mehr«, beklagte sich Zeud Sekature bitter. »MulayAli wird es in Brand stecken lassen.«

»Das bezweifle ich…«, erwiderte ihr Ehemann überzeugt, während er ihr half, an Bord zu klettern. »Mauer und Dächer sind deshalb so massiv, weil ich sie mit gebrannten Ziegeln errichtet habe.« Er lächelte etwas geheimnisvoll und murmelte: »Und keiner wird es wagen, die Schwelle dieser Tür zu überschreiten.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es eben.«

Er sagte nichts mehr, aber kaum hatten die Ruderer in die Riemen gegriffen, da drang verzweifeltes Jaulen aus den Innenhöfen und Gärten des jetzt verschlossenen Palasts. Die Angst, die darin zu hören war, ließ einem das Blut gefrieren. Hunde, Katzen, Schweine, Esel, Ziegen, Kühe, Affen und was für Tiere sonst noch gerade im Inneren des massiven Gebäudes waren, schienen sich verabredet zu haben, auf so verzweifelte Weise zum Himmel zu rufen.

Eines der Kinder stand plötzlich auf, so daß das Boot ins Schwanken geriet.

»Was ist los?« fragte es alarmiert. »Was hast du mit den Tieren angestellt?«

»Nichts…!« beruhigte es sein Vater mit einem leichten Lächeln. »Ihnen geschieht nichts, aber mit diesem Lärm verteidigen sie das Haus wesentlich besser.«

»Und wie hast du es geschafft, daß sie sich so aufführen?« wollte seine Frau wissen.

»Ich habe ihnen etwas Brennesselsaft ins Wasser getan«, lautete die einfache Erklärung. »Sie werden die ganze Nacht hindurch jaulen, weil ihnen die Schnauzen brennen, und da sie von diesem Wasser nichts mehr trinken wollen, wird jeder annehmen, daß sie die Tollwut haben.«

»Die Armen…!« stöhnte die kleinste Tochter. »Sie werden vor Durst sterben.«

»Mach dir keine Sorgen, Kleine«, tröstete sie der Weise des Feuers und fuhr ihr durch die kurzen Ringellöckchen. »Manhud ist bei ihnen geblieben, und schon morgen gibt er ihnen anderes Wasser.«

Er schnalzte mit den Fingern, und die Ruderer setzten die Fahrt fort, immer nah am Ufer entlang. Hinter ihnen blieb der Chor aus durchdringendem und schmerzerfülltem Bellen, Miauen, Blöken, Muhen und Wiehern zurück, der sich für immer der afrikanischen Landschaft bemächtigt zu haben schien.

Es war schon nach Mitternacht, als sich ihnen deutlich zu vernehmende Stimmen näherten. So versteckten sie sich zwischen den Ästen eines Busches, der direkt über dem Fluß hing, und bald konnten sie im Licht von Millionen Sternen zwei riesige Kanus erkennen, die mit fast zwanzig Kriegern an Bord in der Flußmitte stromaufwärts fuhren.

Als diese endgültig hinter ihnen verschwunden waren, fuhren sie weiter flußabwärts, bis sie die riesige Silhouette der schlafenden Zitadelle erblickten. Sie sah wie ausgestorben aus, obwohl ihre hohen Mauern und quadratischen Türme von zahllosen Feuern erleuchtet wurden, die die »Flüchtlinge« in ihren provisorischen Lagern entzündet hatten. Als der Weise des Feuers sie so sah, scheinbar so verlassen, mußte er sich fragen, was wohl in diesem Augenblick im verwirrten Hirn des mächtigen Herrn der imposanten Festung vorging.

Er malte sich aus, wie MulayAli auf einer der schimmernden Kanonen saß, deren drohende Mündungen zwischen den Zinnen herausragten. Vielleicht suchte er inständig nach der Mondsichel, die erst in drei Tagen wieder erscheinen würde. Den Weisen des Feuers machte es froh, sich den Schrecken bestens vorstellen zu können, der in diesen Augenblicken das Herz des abstoßendsten Menschen gefrieren ließ, den er je kennengelernt hatte.

Sakhau Ndu wußte besser als jeder andere, daß der König vom Niger den Tod mehr als verdient hatte, aber er fand auch, daß es ungerecht gewesen wäre, den Mulatten sterben zu lassen, ohne daß er nicht wenigstens etwas von all den Schmerzen, die er so vielen Unglücklichen zugefügt hatte, zu spüren bekam.

Er hatte es so deutlich wie nie im Rauch der Scheite gelesen, daß die Götter für MulayAli ein grauenvolles Ende vorgesehen hatten, dem wahrscheinlich eine Ewigkeit voller unbeschreiblicher Leiden folgen würde. Und es freute ihn, daß er dazu beigetragen hatte, die schreckliche Agonie des Mulatten ein wenig vorzuverlegen, indem er ihm eine Vorahnung davon gegeben hatte, welches Grauen die Zukunft für ihn bereithielt.

Vatermörder, Schänder, Henker, Folterer, Renegat, Verräter an seiner Rasse und Sklavenhändler: JeanClaude Barriere hatte sich alles Übel, das ihn erwartete, mehr als verdient. Man konnte lediglich bedauern, dass ihm so wenig Zeit blieb, die Bitterkeit seiner Strafe schon zu Lebzeiten voll auszukosten.

»Das Herz soll dir im Leib verfaulen und sein Gestank dich zwingen, es auszukotzen«, murmelte er, während er einen letzten Blick auf die Mauer warf, als wäre er absolut sicher, daß ihn der andere dort oben hören konnte. »Hoffentlich tötet dich die Angst tausend Male, bevor man dich umbringt!«

In einer solchen Nacht wollte er nicht schlafen, und als am Morgen die Sonne aufging, da glaubte er, daß das Licht dieses Morgenrots der langersehnten Freiheit seiner Rasse leuchten würde.

Mit Ausnahme des Steuermanns schliefen alle an Bord des Boots, und der Weise des Feuers genoß die Stille des magischen Augenblicks. Dieser fand seinen Höhepunkt, als die Strahlen der aufgehenden Sonne auf den kahlen Ast eines halbversunkenen Baums fielen, auf den sich in trautem Nebeneinander ein großer Adler und eine kleine blaue Ente niederließen.

Als er sie betrachtete, wußte er, das war der lang ersehnte Tag, der prophezeite Tag, an dem Räuber und Beute friedlich miteinander leben würden: vielleicht der Tag, an dem der Mensch aufhörte, seine Brüder zu versklaven.

Der Tag der erträumten Freiheit, die seit Anbeginn der Zeiten einem ganzen Kontinent verwehrt worden war.

Kurz darauf sah er sie.

Hier kamen sie…!

Die Götter!

Jeder andere Afrikaner hätte die Galeone und die Fregatte vielleicht für die angekündigten Feuerwagen gehalten, auf denen diese Götter fuhren. Für einen so eingefleischten Anhänger des Fetischkults, wie es der BamilekeSchamane war, verwandelten sich jene Schiffe selbst in einen wesentlichen Teil der Gottheiten.

»Feitico«, nannten die ersten portugiesischen Seeleute die afrikanischen Zauberer, was soviel wie »Träger magischer Kraft« bedeutete. Diese Schamanen waren überzeugte Animisten, für die sich die Präsenz der Götter in jeder Pflanze, in jedem Ding oder Tier manifestieren konnte.

Für die Christen bedeutete ein religiöses Gemälde lediglich ein Abbild Gottes, der Jungfrau oder der Heiligen, aber für die westafrikanischen Animisten konnte das Bild selbst Teil dieses Gottes werden und als solcher verehrt, ja angebetet werden.

Ein Christ, der frei von Sünde ist, glaubt, in der Hostie den Leib Christi zu sich zu nehmen. Ebenso konnten die Götter der Eingeborenen in einem bestimmten Objekt wohnen, und wer sich diesem frei von Sünde näherte, der näherte sich körperlich besagter Gottheit.

Eine majestätische Galeone, die gemächlich in der Mitte eines ruhigen Flusses fuhr und deren weißes Segelwerk durch eine leichte Südwestbrise in spektakulärer Weise aufgebläht wurde, mußte einem Fetischanhänger, dessen Leben stets die alten Glaubensvorstellungen des BamilekeVolks bestimmt hatten, als physische Erscheinung des Gottes der Gerechtigkeit vorkommen, der endlich aus seinem Exil zurückkehrte, um den Menschen sein Gesetz aufzuerlegen.

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