Der Leuchtturm von Alexandria
- Автор: Bradshaw Gillian
- Год: 1988
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Leuchtturm von Alexandria». Краткое содержание книги:
Der Untergang des Römischen Reiches ist unabwendbar, politische Wirren und Intrigen sind am Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus an der Tagesordnung. In dieser unruhigen Zeit wächst das Mädchen Charis in Ephesus auf. Charis scheint über geheimnisvolle, ja magische Fähigkeiten zu verfügen, die ihr Bewunderung ebenso wie Neid und Mißtrauen eintragen. Dabei ist es nicht Zauberei, sondern ihre fürsorgliche Liebe zur Kreatur, die ihr die wunderbare Kraft des Heilens und Pflegens verleiht. Das friedvolle Leben ihrer angesehenen Familie wird jäh zerstört, als der neue machtgierige Statthalter Festinus seine Aufmerksamkeit der zur Frau erblühenden Charis zuwendet. Sie entzieht sich seinen Nachstellungen durch eine tollkühne Flucht nach Alexandria als Eunuch verkleidet. In dieser Maske gelingt ihr, was einer Frau im Römischen Reich versagt war: sie läßt sich in Alexandria, der damaligen Hochburg der Medizin, zur Heilkundigen ausbilden. Doch die neue Rolle bewirkt eine schicksalhafte Wende in ihrem Leben: Als Charon avanciert sie zum Militärarzt im wilden Thrazien. Wegen ihrer Heilkunst wird sie von den Goten entführt – bis der Mann, den sie seit langem liebt, sie errettet und ihre wahre Identität erkennt. Ein hinreißend erzählter historischer Roman, der eine turbulente Epoche farbenprächtig und abenteuerlich spannend vergegenwärtigt.
Der Autor
Gillian Bradshaw wurde in Falls Church, Virginia, geboren, wuchs auf in Chile und studierte englische Literaturgeschichte an den Universitäten von Michigan und Cambridge. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrer großartigen Trilogie um König Artus hat sich Gillian Bradshaw auch beim deutschen Leserpublikum einen Namen gemacht.
»Nichts, womit er mir schaden könnte«, sagte ich. »Noch irgendwelche Krämpfe, Blähungen, Brechreiz?«
Er murmelte etwas auf Latein. »Dann bist du also wirklich ein fanatischer Nizäer?« erkundigte er sich.
»Wie soll ich dich denn behandeln, wenn du meine Fragen nicht beantwortest?« wollte ich wissen. »Bist du wirklich ein fanatischer Arianer?«
Er zuckte die Achseln. »Um die Wahrheit zu sagen, ich interessiere mich nicht so furchtbar für theologische Fragen. Aber ich bin unseren Erhabenen Majestäten treu ergeben. Jede Instabilität in der reichsten Diözese des Imperiums ist höchst gefährlich. Dieser alte, eifernde Demagoge, der seine eigenen Vorstellungen von Göttlichkeit über das allgemeine Wohl stellt und die römische Armee angesichts der angriffslustigen Perser einem Risiko aussetzt, nur weil er mit dem Kaiser nicht über das Verwandtschaftsverhältnis dieses oder jenes Gottes in der Heiligen Dreifaltigkeit übereinstimmt. Wenn man sieht, wie er sich aufführt, könnte man meinen, er sei selbst der Kaiser! Dabei hat er keinerlei Machtbefugnisse: Die heilige Kongregation verleiht ihm noch lange nicht das Recht, über Ägypten zu herrschen. Man kann unmöglich zwei unabhängige Mächte im Staat dulden; dergleichen beeinträchtigt die öffentliche Sicherheit. Von seinem Fanatismus einmal abgesehen, verstehe ich nicht, warum ihn auch nur ein einziger Mensch unterstützt.«
Ich erwiderte nichts und begann, meine medizinischen Instrumente zusammenzupacken. Was meine religiösen Neigungen anbetraf, fühlte ich mich inzwischen durchaus zu den Nizäern hingezogen. Ich war von Athanasios’ Buch hinreichend beeindruckt, um in diesem Punkt mit ihm überein zu stimmen. Doch das Thema interessierte mich im Grunde genommen nicht so sehr. Dennoch war ich unseren Erhabenen Majestäten wohl nicht wirklich treu ergeben. Zwar gefiel mir der Gedanke auch nicht, daß römische Truppen durch die Perser gefährdet waren, aber der überall spürbaren Willkürherrschaft, der allgegenwärtigen kaiserlichen Tyrannei, vor der es keine Berufung gibt und die nur durch Gewalt herrscht und ihre Verordnungen unter Androhung von Folter und Tod durchsetzt – dieser Macht gegenüber verspürte ich keinerlei Zuneigung. Ich war der Ansicht, es müsse der Kirche erlaubt sein, ihre eigenen Geschicke zu bestimmen, sich ihre eigene theologische Glaubensrichtung zu wählen, sich ihre eigenen Bischöfe auszusuchen und sie sich nicht von Konstantinopel aufzwingen zu lassen. Abgesehen von der Kirche gab es in der ganzen Welt keine Macht, die sich den beiden Kaisern entgegenstellen konnte. Abgesehen von Athanasios gab es keinen Menschen, dem es je gelungen wäre, als ein Gleichgestellter gegen sie anzutreten, ohne den Purpur für sich selbst zu beanspruchen. Das war auch der eigentliche Grund dafür, warum sämtliche Ägypter und nicht nur die Christen den Erzbischof unterstützten. Und deshalb würde auch ich ihn unterstützen.
Aber all dies konnte ich Athanaric kaum sagen. »Du solltest dich noch ein paar Tage lang ausruhen«, forderte ich ihn auf.
»Und deine klare Brühe trinken. Ich komme dich morgen besuchen.«
Er fluchte erneut auf lateinisch. »Warum muß der einzige rechtschaffene Eunuch der Welt«, klagte er, als ich das Zimmer verließ, »ausgerechnet dem Erzbischof dienen?«
»Du hast wohl kaum alle Eunuchen der Welt kennengelernt«, erwiderte ich und sah mich noch einmal nach ihm um. »Woher willst du wissen, daß die übrigen nicht ebenfalls rechtschaffen sind?«
11
Zwei Tage später wachte ich auf und fühlte mich unwohl und fiebrig. Es war ein feuchter, frostiger Tag Ende Dezember, und morgens war mir sonst oft kalt. Aber diesmal hatte ich das Bettzeug heruntergeworfen und lag schwitzend da.
Ich mußte unbedingt Patientenbesuche machen, fünf Leute, denen es sehr schlecht ging, und ich mußte auch zu einem Dutzend Genesender. Aber als ich aufstand, merkte ich, daß mir die Gelenke weh taten und mein Magen rumorte. Ich war offensichtlich nicht in der Lage, den ganzen Tag lang zu arbeiten. Darüber hinaus wäre es unverantwortlich von mir gewesen, meine Besuche zu machen und die Patienten der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. In ihrem geschwächten Zustand könnte dies schlimme Folgen haben. Ich gab Agata, einer der Nonnen, ein paar Drachmen, und bat sie, bei den Patienten vorbeizugehen und auszurichten, ich sei krank. Ich gab ihr für jeden einzelnen ein paar Behandlungsanweisungen mit und bereitete einige Heilkräuter zu. Außerdem nannte ich die Namen einiger anderer Ärzte, falls der eine oder andere eine persönliche Betreuung benötigte. Dann ging ich wieder zu Bett. Amundora kam herauf und brachte mir etwas frisches Kümmelbrot und heißen Wein mit Honig - beides Leckerbissen, die sie extra für mich gekauft haben mußte, da sie selbst niemals etwas dergleichen aß oder trank. Aber ich fühlte mich inzwischen sehr elend und konnte nicht einmal den Geruch dieser Dinge ertragen. Ich dankte ihr, sagte ihr jedoch, alles, was ich brauchte, sei Ruhe. Sie blieb zögernd auf der Türschwelle stehen. »He, du siehst wirklich krank aus! Nun schön, ich bin den ganzen Tag über zu Hause; ruf einfach, wenn du etwas brauchst.«
Ich nickte. Als sie draußen war, erbrach ich mich in das Nachtgeschirr.
Ich war noch nie in meinem Leben schwerkrank gewesen. Natürlich hatte ich diese oder jene Erkältung gehabt und ein paarmal Andertagsfieber, aber nicht so etwas wie jetzt. Ich fühlte mich wie aus dem Wasser gezogen, und bis zum späten Nachmittag war ich total erschöpft. Es war eigentlich das gleiche Fieber wie bei Athanaric, obwohl man unmöglich sagen konnte, ob ich mich bei ihm oder bei einem meiner anderen Patienten angesteckt hatte. Nachdem ich mich erbrochen hatte, machte ich mir einen Schwamm mit etwas Opium und Honigwasser zurecht und saugte daran, in der Hoffnung, ein wenig schlafen zu können und die Krämpfe zu lindern. Aber ich hatte nicht den Eindruck, daß es viel half. Ich konnte auch sonst nichts bei mir behalten, obwohl ich gegen das Fieber gefleckten Schierling versuchte und gegen die Übelkeit Nardensalbe und Aloe.
Am späten Nachmittag kam Amundora noch einmal herauf und stimmte ein großes Wehgeschrei an. Sie trug den überlaufenden Nachttopf hinaus und wischte den Fußboden, dann wollte sie auch mich waschen. »Laß mich bitte allein«, wehrte ich sie ab.
»Es geht mir sicher bald wieder besser. Ich kenne dieses Fieber: Es kommt ganz plötzlich, geht aber ebenso schnell wieder.«
Sie verließ mich nur widerwillig, dann kam sie mit frischem Wasser zurück. Ich bat sie, den Schwamm hineinzutauchen. Mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck reichte sie ihn mir. Reines Wasser ist bei akuter Krankheit gar nicht gesund, dachte ich bei mir selbst. Man sollte zumindest Honigwasser nehmen oder eventuell eine Mischung von Honigwasser und Salzlauge und außerdem etwas Opium.
Aber es bedeutete eine viel zu große Anstrengung, Amundora dies alles zu erklären. Ich nahm den Schwamm mit reinem Wasser, steckte ihn mir in den trockenen Mund und zitterte. Das unglückliche und besorgte Gesicht der Nonne schien in weite Ferne zu entschwinden. Ich wünschte mir, Maia wäre bei mir gewesen.
»Du bist zu krank, um dich selbst zu behandeln«, meinte Amundora. »Ich werde einen anderen Arzt holen.«
»Nein!« rief ich und riß mich mit letzter Kraft zusammen.
»Es ist schon gut. Niemand kann irgend etwas tun, was ich nicht auch schon tue. Ich muß mich nur ein wenig ausruhen. Laß mich alleine!«
Ich ließ meinen Kopf auf das Kissen sinken. Ich hörte, wie sich die Schritte in Richtung auf die Tür entfernten, dann hörte ich einen Augenblick lang nichts mehr, endlich, wie die Schritte die Treppe hinunter leiser wurden. Ich fing an zu weinen, unfähig, mir irgendwie zu helfen. Es war sehr heiß und dunkel im Zimmer, und ich sehnte mich nach Maia. Mir wurde erneut übel, aber ich benötigte das Nachtgeschirr nicht: Mein Magen zog sich zusammen, doch er gab nichts mehr her. Er bestand aus nichts als Blähungen und Schmerzen. Die Krämpfe hielten lange, lange Zeit an.