Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Verdammt!«, stieß er hervor. »Wir müssen hier raus!«
Plötzlich huschte ein Schatten zur Tür hinein. Es war Alexej Davydov. In seiner Hand lag ein schwerer Trommelrevolver und in der anderen ein Schnellfeuergewehr.
»Los, los«, keuchte er. »Ich zeige euch einen Fluchtweg. Folgt mir!«
Leonard war für einen Moment unsicher. Nichts rechtfertigte ein noch so geringes Maß an Vertrauen in diesen Taugenichts. Und doch blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, um einen Ausweg aus diesem Chaos zu finden. Hinter einer dichten Hecke folgten sie Alexej in ge-ducktem Laufschritt in Richtung Nebereznaya Ulitsa, um unbeschadet zum Friedhof zu gelangen. Vielleicht konnten sie sich dort in der Kirche verstecken, hinter dem Altar oder darunter, ganz gleich wo. Hauptsache, sie waren in Sicherheit. Doch als sie die Straße überqueren wollten, stellte sich ihnen ein älterer, fülliger Polizist in den Weg. Sekundenlang starrten sich Davydov und der alte Mann in die Augen, dann erhob der Polizist seine Waffe, um auf Katjas Bruder zu schießen. Ein Schuss krachte. Stöhnend brach der Uniformierte zusammen. Ein Bauchschuss hatte ihn niedergestreckt. Doch es war nicht Alexej, der geschossen hatte.
Katja hielt, weiß wie eine Wand, eine Pistole in Händen, wo auch immer sie diese hergeholt hatte. Für einen Moment stiegen kleine Rauchwölkchen aus der Mündung.
Im Nu waren Berittene im Anmarsch. Leonard dachte nicht nach und achtete auch nicht mehr auf Alexej, der sich ohnehin aus dem Staub gemacht hatte. Er zog das Mädchen von den Füßen und rannte mit ihr davon. Quer über den Friedhof, zwischen mannshohen Marmorengeln und uralten Bäumen konnten sie einen Vorsprung herauslaufen, doch ihre Verfolger blieben ihnen dicht auf den Fersen.
Sie liefen um ihr Leben. Die Kamskaya Ulitsa entlang, dann zwischen Häuserreihen, im Schutz von Ladeneingängen und deren Vorbauten erkämpften sie sich Meter um Meter. Kein Denken mehr daran, sich in irgendeiner Kirche zu verschanzen.
Einen Moment hielt Leonard inne. Das hechelnde Mädchen im Arm suchte er fieberhaft nach einem Ausweg, während er hinter einem Bretterverschlag hervorlugte. Nach Hause wollte er. Sie mussten es schaffen, unbemerkt zu seiner Wohnung zu gelangen. Im Keller des alten Eisenstein würde sie niemand vermuten - zumindest vorerst nicht.
Umgeben von einem Heer von Pilgern, die sich vor der Haseninsel, auf Höhe der Peter- und-Paul-Kathedrale versammeln wollten, schoben sie sich zurück über den Tutschkow-Most. Beinahe erleichtert erreichten sie das gegenüberliegende Ufer.
Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Kosaken bahnten sich Säbel schwingend den Weg über die Brücke, und ihre unerschrockenen Rösser trampelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Ein Teeverkäufer ging mit seinem Samowar zu Boden und schrie gellend auf, als ihn das überschwappende heiße Gebräu verbrühte. Frauen stießen hysterische Schreie aus. Männer fluchten, und Kinder begannen, lauthals zu weinen. Leonard trieb Katja abermals voran und mischte sich mit ihr unter eine Traube von flüchtenden Menschen, die geradewegs in die falsche Richtung über den breiten Bol-schoi-Prospekt stürmten. Hastig bogen er und seine völlig erschöpfte Begleiterin in die Wedenskaya Ulitsa ab. Während die lauten Trillerpfeifen der Straßenpolizisten in einem Echo von den Häuserfassaden schrillten, erreichten Leonard und Katja mit hochroten Köpfen den Kronwerski-Prospekt. Nun waren es nur noch wenige Meter bis zu Leonards Wohnung. Er betete stumm, dass sie unerkannt im Haus verschwinden konnten. Doch auf der davor liegenden Kreuzung bot sich ihm ein abscheuliches Bild. Vier oder fünf Männer in heruntergekommenen Mänteln prügelten auf einen alten, ganz in Schwarz gekleideten Mann ein, der bereits wimmernd am Boden lag. Er hatte seinen Pelzhut verloren, und sein Gesicht war mit Blut besudelt. Der schmutzige, festgetretene Schnee unter seinem Kopf hatte sich rot gefärbt.
»Scheißjuden!«, brüllte einer der Angreifer und trat den Alten erbarmungslos in die Seite. Leonard vergaß für einen Moment seine Flucht. Zweifellos war es Jakov Eisenstein, der sich dort schwer verletzt im Schnee krümmte. Um ihn hatte sich ein Kreis von Schaulustigen gebildet. Mit einer wilden Entschlossenheit durchbrach Leonard den Ring, packte den ersten Kontrahenten an dessen Jacke und riss ihn herum. Mit einem Fausthieb schlug er dem stämmigen Mann die Nase blutig. Der Zweite, der wie die übrigen Kerle von Eisenstein abgelassen hatte, war aufgesprungen und riss Leonard am Kragen seines Mantels. Doch bevor er ihn treffen konnte, hatte Leonard erneut ausgeholt und den Mann mit einem Schwinger unter dem Kinn getroffen. Röchelnd ging der andere zu Boden. Jetzt machte es sich bezahlt, dass Leonard in seiner Studentenverbindung nicht nur den Säbel führte, sondern auch regelmäßig am Faustkampf teilnahm.
Gespannt wie eine Bogensehne stand er da und wartete auf weiteren Widerstand, doch seine Gegner hatten offenbar die Lust an ihrem Opfer verloren und zogen sich fluchend zurück. Leonard ging auf die Knie und packte seinen kauzigen Vermieter vorsichtig bei den Schultern. Eisenstein rührte sich kaum noch, als Leonard dessen Kopf an-hob. Plötzlich spürte er die klebrige Nässe, die seine Lederhandschuhe durchtränkte. Der Schädel des Alten war am Hinterkopf zerschmettert.
Katja kauerte neben ihm. Ihr Atem ging stoßweise, und ihre Augen waren geweitet vor Entsetzen. Geistesgegenwärtig hatte sie sich ihres sibirischen Pelzmuffs entledigt und schob ihn dem schwer verletzten Juden unter den Kopf. Doch es nützte nichts mehr. Der weiße Pelz tränkte sich stetig mit Blut, und hilflos mussten Leonard und Katja mit ansehen, wie unter einem letzten, heiseren Flüstern der wasserblaue Blick des Jakov Eisenstein brach.
Mit einem Mal erhob sich eine laute, nach Atem ringende Männerstimme über ihnen.
»Waffen weg! Ihr Rebellenschweine!« Verwirrt schaute Leonard auf und sah, dass sie von Kosaken und Polizisten umstellt waren.
Die Peter-und-Paul-Festung war ein eindrucksvolles Bauwerk, breit wie mehrere Häuserblöcke, mit Mauern so dick, dass man glatt fünf Wände daraus hätte errichten können. Leonard kannte dieses monumentale Gebäude, das in seiner Gestalt einem unregelmäßigen Sechseck glich, nur von außen. Aus dessen Mitte ragte die russisch-orthodoxe Peter-und-Paul-Kathedrale hervor, deren schmaler Turm wie eine aufrecht stehende Nadel wirkte. Mit einem sieben Meter aufragenden Engel auf der Turmspitze war sie das höchste Gebäude von Sankt Petersburg, und bereits seit dem 18. Jahrhundert hatte man in ihrer Obhut die meisten Zaren begraben.
Eines Engels hätte es auch bedurft, als man Leonard zusammen mit Jekatherina in einem geschlossenen Gefangenentransporter in das berüchtigtste Gefängnis von ganz Russland verbrachte.
Die Trubezkoi-Bastion im Südwesten der Festung gehörte mit ihren 36 Einzelzellen auf zwei Etagen zu den meistgefürchteten Einrichtungen des Zarenreiches.