Электронная книга - «Im Abgrund». Краткое содержание книги:
Buch
Der erfahrene Himalaya-Experte Dwight David Crockett, genannt Ike, sucht mit seiner Expeditionsgruppe Schutz vor einem Unwetter in einer Höhle in Nepal. Zu ihrem Entsetzen stoßen sie dort auf die Leiche eines Mannes, die über und über mit unbekannten Schriftzeichen bedeckt ist. Wenig später sind alle Mitglieder der Expeditionsgruppe tot, und Ike wird für lange Monate Gefangener der »Hadals«. Jahre später ist es fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden, dass die Erde von einem tief liegenden Tunnelsystem unterminiert ist, das von den Hadals bewohnt wird. Niemand weiß, wer - oder was - sie sind, aber wenn sie erscheinen, verheißt das nichts Gutes. Eines Tages wird eine wissenschaftliche Expedition zusammengestellt, mit dem Auftrag, das Tunnelsystem zu kartografieren, Ressourcen zu entdecken - und das Geheimnis des Lebens in der ewigen Dunkelheit zu ergründen. Gibt es eine natürliche Erklärung, wie die Wissenschaftler hoffen? Oder hat das Phänomen übernatürliche Ursachen? Ist der rätselhafte Anführer der Hadals nur ein charismatischer Freak oder tatsächlich Satan, die Verkörperung des Bösen? Die junge Nonne Ali, die sich seit Jahren mit primitiven Sprachen und Kulturen beschäftigt, nimmt an dieser Reise in die steinerne Unterwelt teil. Und in diesen gefährlichen Abgründen, in denen Wissenschaftler und Militärs nicht nur Opfer ihrer Angreifer werden, sondern auch ihrer eigenen Gier und Unmenschlichkeit, trifft sie den einen Mann, der einen klaren Kopf behält: Ike ...
Autor
Jeff Long ist ein erfolgreicher Extrem-Bergsteiger, der seine eigenen Erfahrungen im Himalaya in seine Romane einfließen lässt. Jeff Long lebt in Boulder, USA.
Ein anderer Anschlag des Gesundheitsministeriums listete eine Hitparade der zwanzig beliebtesten Tiefendrogen mitsamt ihren Nebenwirkungen auf. Ali war nicht sehr erfreut darüber, dass sie auch zwei der Drogen in ihrer Ausrüstung wieder fand. Die vorangegangenen sechs Wochen waren ein einziger Wust an Vorbereitungen inklusive Schutzimpfungen und Genehmigungen von Helios sowie körperlichen Trainings gewesen, der ihr keine Stunde Freizeit gelassen hatte. Tag für Tag hatte sie gelernt, wie wenig der Mensch wirklich vom Leben im Subplaneten wusste.
»Deklarieren Sie alle mitgeführten explosiven Stoffe«, plärrte der Lautsprecher. »Explosive Stoffe müssen deutlich gekennzeichnet und im Tunnel K nach unten transportiert werden. Zuwiderhandlungen werden ...«
Die Schlange bewegte sich peristaltisch vorwärts, streckte sich und zog sich wieder zusammen. Im Gegensatz zu Alis Rucksack tendierte das Gepäck hier eher zu Metallkoffern und zentnerschweren Seesäcken mit schusssicheren Vorhängeschlössern. Noch nie in ihrem Leben hatte Ali so viele Gewehrfutterale gesehen. Es sah aus wie bei einem Treffen von Warlords, bei dem sich die Teilnehmer sämtliche Spielarten von Tarn- und Schutzkleidung, Patronengurten und Pistolenhalftern vorführten. Starke Körperbehaarung und Stiernacken waren oberstes Gebot. Ali war froh, dass es so viele waren, denn einige der Männer machten ihr allein mit ihren Blicken Angst.
In Wahrheit machte sie sich selbst Angst. Sie war völlig aus der Bahn geworfen. Selbstverständlich hatte sie diese Reise aus freiem Willen angetreten, und wenn sie aussteigen wollte, musste sie lediglich stehen bleiben.
Aber etwas nahm hier seinen Anfang.
Auf dem Weg durch die Sicherheitskontrolle sowie die Pass- und Fahrkartenkontrolle näherte sich Ali einer großen Öffnung aus schimmerndem Stahl. Fest in das solide schwarze Gestein eingepasst, sah das gewaltige Tor aus Stahl, Titan und Platin unverrückbar aus. Es war einer der fünf Fahrstuhlschächte, der das Nazca-Depot mit den oberen Regionen des Erdinneren, drei Kilometer unter ihnen, verband. Die Anlage des gesamten Komplexes aus Tunneln und Entlüftungsschächten hatte über vier Milliarden Dollar gekostet. Und mehrere hundert Menschenleben. Betrachtete man sie als öffentliches Verkehrssystem, unterschied sie sich kaum von einem modernen Flughafen oder dem amerikanischen Eisenbahnsystem vor einhundertfünfzig Jahren. Sein Sinn und Zweck bestand darin, für die kommenden Jahrzehnte der Kolonisierung Tür und Tor zu öffnen.
Notgedrungen wurde das Gedrängel der Soldaten, Siedler, Arbeiter, Ausreißer, Sträflinge, Almosenempfänger, Drogensüchtigen, Fanatiker und Traumtänzer allmählich zivilisierter, beinahe manierlich. Endlich hatten sie kapiert, dass es hier Platz für alle gab. Ali ging auf eine Reihe rostfreier Stahltüren zu. Drei waren bereits geschlossen. Als sie näher kam, schloss sich langsam eine vierte. Der Rest stand offen. Ali hielt auf den entferntesten, am wenigsten umlagerten Eingang zu. Die Kammer dahinter war wie ein kleines Amphitheater, mit konzentrischen Reihen aus Plastiksitzen, die sich bis zu einem leeren Mittelpunkt senkten. Es war dunkel und kühl, eine Wohltat nach dem Gedränge der verschwitzten Körper draußen. Sie ging auf die andere Seite, gegenüber der Tür. Nach einer Minute hatten sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt, und sie suchte sich einen Platz aus. Mit Ausnahme eines Mannes am Ende der Sitzreihe war sie nun für kurze Zeit allein. Ali stellte ihr Gepäck auf den Boden, atmete tief ein und genoss das Gefühl der sich entspannenden Muskeln.
Der Sitz war ergonomisch geformt, mit einer geschwungenen Lehne und einem Gurt, der sich über der Brust schließen ließ. Zu jedem Sitz gehörten ein Klapptisch, ein tiefer Behälter für persönliches Hab und Gut sowie eine Sauerstoffmaske. In die Rückenlehne jedes Sitzes war ein LCD-Bildschirm eingebaut. Er zeigte einen Höhenmesser mit dem Eintrag »0000 Meter« an. Die Uhr wechselte zwischen der tatsächlichen Uhrzeit und ihrer Abfahrtszeit in Minusminuten. Der Fahrstuhl sollte in 24 Minuten abfahren.
Jetzt erst bemerkte sie ihren Nachbarn. Er saß nur wenige Plätze von ihr entfernt, aber in dem gedämpften Licht konnte sie seine Silhouette kaum erkennen. Er sah sie nicht an, doch Ali spürte instinktiv, dass sie beobachtet wurde. Er hatte das Gesicht nach vorne gerichtet und trug eine dunkle Brille, fast so eine, wie man sie beim Schweißen benutzte. Also war er ein Arbeiter, entschied sie. Bis sie seine Tarnhosen sah. Dann also ein Soldat, korrigierte sie sich. Ihr fiel auf, dass der Mann die Nase witternd in die Luft hielt. Er roch sie.
Er drehte den Kopf etwas und sah sie an. Die Brille war so dunkel und die Gläser so verkratzt, dass sie sich fragte, ob er damit überhaupt etwas sah. Einen Moment später entdeckte Ali die Muster in seinem Gesicht. Sogar im Dämmerlicht erkannte sie, dass die Tätowierungen nicht einfach mit Tinte in die Haut geritzt waren. Wer auch immer ihn verziert hatte, war mit einem Messer vorgegangen. Seine großen Wangenknochen waren eingekerbt und vernarbt. Diese offenkundige Brutalität versetzte ihr einen Schlag.
»Darf ich?«, fragte er und rückte näher heran. Um besser riechen zu können? Ali sah rasch zur Tür hinüber, durch die immer mehr Passagiere hereinmarschiert kamen.
»Was wollen Sie?«, fuhr sie ihn an. Unglaublich, aber die Brille war auf ihre Brust gerichtet. Um besser sehen zu können, beugte er sich sogar nach vorne. Er schien zu blinzeln, abzuwägen.
»Was tun Sie da?«, zischte sie.
»Es ist schon eine Weile her«, sagte er. »Früher kannte ich solche Dinger ...«
Seine Unverfrorenheit verblüffte sie. Wenn er noch einen Zentimeter näher kam, würde sie ihn ohrfeigen.
»Was sind das für welche?« Er zeigte direkt auf Alis Brüste.
»Sind Sie noch ganz dicht?«, flüsterte Ali.
Er reagierte nicht darauf. Als hätte er sie überhaupt nicht gehört.
»Glockenblumen?«, fragte er und wackelte unsicher mit der Fingerspitze.
Ali seufzte erleichtert. Der Kerl betrachtete ihr Kleid.
»Immergrün«, sagte sie und sah ihn misstrauisch an. Sein Gesicht war monströs.
»Genau, so heißen sie«, murmelte der Mann vor sich hin, ging zu seinem Sitz zurück und richtete das Gesicht wieder nach vorne.
Ali fiel ein, dass sie einen Pullover im Rucksack hatte und zog ihn an. Jetzt füllte sich die Kammer rasch. Mehrere Männer besetzten die Sitze zwischen Ali und dem seltsamen Fremden. Als keine Plätze mehr frei waren, schlossen sich die Türen mit einem leisen schmatzenden Geräusch. Das LCD zeigte noch sieben Minuten an.
In der Kammer hielt sich keine andere Frau und auch kein Kind auf. Ali war froh um ihren Pullover. Einige Männer hyperventilierten und starrten mit großen Augen zur Tür. Andere ballten die Fäuste, einige klappten tragbare Computer auf, lösten Kreuzworträtsel oder drängten sich Schulter an Schulter aneinander, um zu tuscheln.
Der Mann links von ihr hatte das Tablett aus dem Vordersitz herausgeklappt und legte in aller Ruhe zwei Plastikspritzen darauf. Die Nadel der einen war von einer babyblauen Kappe geschützt, die der anderen von einer rosafarbenen. Er hielt die babyblaue Spritze hoch, damit Ali sie besser sehen konnte. »Syloban«, sagte er. »Betäubt die Zäpfchen der Netzhaut und vergrößert die Stäbchen. Mit anderen Worten: Man wird hyperlichtempfindlich. Nachtsicht. Das einzige Problem besteht darin, dass man es nicht mehr absetzen darf. Da oben gibt es viele Soldaten mit grauem Star. Haben nicht regelmäßig weitergemacht.«
»Und was ist in der anderen?«, erkundigte sie sich.
»Bro«, sagte er. »Russische Steroide. Zur Akklimatisierung. Damit haben die Russen ihre Soldaten in Afghanistan gedopt. Kann nicht schaden, stimmt’ s?« Er streckte ihr eine weiße Pille entgegen.