Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Tritt nur ein, wenn du schon da bist!«
»Ich trete schon ein! Ist das ein süßes Leben!«
Und er kugelte hinunter.
Raskolnikow ging weiter.
»Hören Sie, Herr!« rief ihm das Mädchen nach.
»Was denn?«
Sie wurde verlegen.
»Lieber Herr, ich werde mich immer freuen, mit Ihnen meine Stunden zu vertreiben, aber jetzt kann ich mir vor Ihnen kein Herz fassen. Schenken Sie mir, mein angenehmer Kavalier, sechs Kopeken zu einem Schluck Branntwein!«
Raskolnikow holte aus der Tasche, was er mit den Fingern gerade erwischte: drei Fünfkopekenstücke.
»Ach, was für ein gütiger Herr!«
»Wie heißt du?«
»Fragen Sie nach der Duklida.«
»Nein, das geht doch nicht«, bemerkte plötzlich ein anderes Frauenzimmer aus der Gruppe, über Duklida den Kopf schüttelnd. »Ich weiß gar nicht, wie man nur so betteln kann! Ich würde, glaube ich, vor lauter Scham in die Erde versinken!«
Raskolnikow sah die Sprechende neugierig an. Es war ein pockennarbiges Mädel, an die dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken im Gesicht und mit geschwollener Oberlippe. Sie sprach und kritisierte ruhig und ernst.
»Wo habe ich bloß gelesen,« dachte sich Raskolnikow im Weitergehen, »daß ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor dem Tode sagt oder denkt: wenn er nur irgendwo in der Höhe, auf einem Felsen, auf einem so schmalen Plateau, das nur für seine zwei Füße Platz hätte, leben könnte – rings Abgründe, Ozean, ewige Finsternis, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm –, und so auf diesem nur einen Arschin breiten Raum sein ganzes Leben lang, tausend Jahre, eine Ewigkeit bleiben sollte – so wäre es besser, so zu leben, als jetzt gleich zu sterben! Wie das Leben auch sei, nur leben, leben, leben! ... Wie wahr! Mein Gott, wie wahr! Gemein ist doch der Mensch! ... Und gemein ist auch der, der ihn deswegen gemein nennt«, fügte er nach einer Minute hinzu.
Er kam in eine andere Straße. »Ach, das ist ja der ›Kristallpalast‹? Rasumichin sprach vorhin vom ›Kristallpalast‹! Ja, aber was wollte ich eigentlich? Ja, lesen! ... Sossimow sagte, er hätte es in der Zeitung gelesen ...«
»Gibt es Zeitungen?« fragte er, in ein geräumiges und sogar sauberes Lokal tretend, das aus einigen, übrigens recht leeren Zimmern bestand. Zwei oder drei Gäste tranken Tee, und in einem der entfernteren Zimmer saß eine Gesellschaft von etwa vier Menschen, die Champagner tranken. Raskolnikow kam es vor, als ob unter ihnen auch Samjotow säße. Von weitem konnte man es übrigens nicht genau sehen.
»Und wenn auch!« dachte er sich.
»Befehlen der Herr einen Schnaps?« fragte der Kellner.
»Bring mir Tee. Und bring mir alte Zeitungen, so von den fünf letzten Tagen hintereinander, du bekommst ein Trinkgeld dafür.«
»Zu Befehl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch einen Schnaps?«
Bald kamen die alten Zeitungen und der Tee. Raskolnikow setzte sich hin und begann zu suchen: »Isler – Isler – Azteken – Azteken – Isler – Bartold – Massimo – Azteken – Isler ... pfui Teufel! Und hier die kleinen Notizen: von der Treppe gestürzt – ein Kleinbürger im Rausche verbrannt – eine Feuersbrunst – eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – noch eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – und noch eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – Isler – Isler – Isler – Isler – Massimo ... Ja, hier ...«
Er fand endlich das, was er suchte, und fing zu lesen an: die Zeilen hüpften ihm vor den Augen, trotzdem las er diesen ganzen »Bericht« und suchte voll Gier in den folgenden Nummern nach weiteren Mitteilungen. Seine Hände zitterten, als er in den Zeitungen blätterte vor krampfhafter Ungeduld. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er blickte auf: es war Samjotow, der gleiche Samjotow, im gleichen Aufzuge, mit den Ringen und Uhrketten, mit dem Scheitel im schwarzen, gekräuselten pomadisierten Haar, in einer eleganten Weste und in einem etwas schäbigen Rocke und nicht ganz sauberer Wäsche. Er war sehr heiter, jedenfalls lächelte er sehr lustig und gutmütig. Sein gebräuntes Gesicht war von dem getrunkenen Champagner etwas gerötet.
»Wie! Sie sind hier?« begann er erstaunt und in einem Ton, als wäre er mit Raskolnikow Gott weiß wie lange bekannt. »Rasumichin hat mir aber erst gestern erzählt, daß Sie immer noch bewußtlos seien. Wie merkwürdig! Ich war doch bei Ihnen ...«
Raskolnikow hatte gewußt, daß er sich zu ihm heransetzen würde. Er legte die Zeitungen weg und wandte sich zu Samjotow. Auf seinen Lippen spielte ein spöttisches Lächeln, und aus diesem Lächeln sprach eine neue Reizbarkeit und Ungeduld.
»Ich weiß es, daß Sie bei mir waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie haben den Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz bezaubert von Ihnen, er sagt, Sie seien mit ihm bei der Lawisa Iwanowna gewesen, bei derselben, um die Sie sich damals so sehr bemühten und dem Leutnant Pulver zuzwinkerten; er begriff aber immer nicht, erinnern Sie sich noch? Was gab es da nicht zu verstehen, eine klare Sache ... nicht wahr?«
»Was ist er doch für ein Radaumacher!«
»Pulver?«
»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«
»Ein schönes Leben haben Sie, Herr Samjotow; die angenehmsten Orte dürfen Sie gratis besuchen! Wer hat Sie soeben mit Champagner bewirtet?«
»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Niemand hat mich bewirtet!«
»Ein Honorar! Sie genießen!« Raskolnikow lachte. »Macht nichts, guter Junge, macht nichts!« fügte er hinzu und klopfte Samjotow auf die Schulter. »Ich sage es ja nicht aus Feindschaft, sondern ›aus Freundschaft, im Spiele‹, wie Ihr Arbeiter sagte, als er den Mitrej puffte, wissen Sie, in der Sache der Alten.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich weiß vielleicht mehr als Sie.«
»Sie sind so sonderbar ... Wahrscheinlich sind Sie noch krank. Das war dumm, daß Sie ausgegangen sind.«
»Komme ich Ihnen sonderbar vor?«
»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«
»Ja, Zeitungen.«
»Man schreibt viel von den Feuersbrünsten.«
»Nein, ich lese nicht von den Feuersbrünsten.« Er blickte Samjotow rätselhaft an; ein spöttisches Lächeln verzerrte wieder seine Lippen. »Nein, ich lese nicht von den Feuersbrünsten«, fuhr er fort, Samjotow zublinzelnd. »Gestehen Sie doch, lieber Junge, daß Sie furchtbar gerne wissen möchten, was ich gelesen habe?«
»Das möchte ich gar nicht; ich habe nur so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Warum sind Sie immer gleich so ...«
»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter Mensch mit literarischen Interessen, nicht wahr?«
»Ich habe sechs Gymnasialklassen absolviert«, antwortete Samjotow mit einiger Würde.
»Sechs Klassen! Ach du mein kleiner Spatz! Mit einem Scheitel und mit Ringen, ein reicher Mann! Gott, was für ein lieber Junge!«
Raskolnikow lachte nervös Samjotow direkt ins Gesicht. Jener rückte weg, weniger gekränkt als erstaunt.
»Gott, wie sonderbar Sie sind!« wiederholte Samjotow sehr ernst. »Mir scheint, daß Sie noch immer phantasieren.«
»Ich phantasiere? Unsinn, kleiner Spatz! ... Ich bin also sonderbar? Erscheine ich Ihnen interessant? Interessant?«
»Ja, Sie sind wohl interessant.«
»Soll ich Ihnen sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? So viele Nummern habe ich mir doch bringen lassen! Das ist ja verdächtig, wie?«
»Nun, sagen Sie es.«
»Sie spitzen die Ohren, was?«
»Was für Ohren?«
»Das werde ich Ihnen später sagen, was für Ohren, aber jetzt mein Lieber, erkläre ich Ihnen ... oder besser: ›ich gestehe‹ ... Nein, das ist nicht das Richtige! ›Ich sage aus, und Sie nehmen es zu Protokoll,‹ – ja, so! Also ich sage aus, daß ich gelesen, mich interessiert, gesucht ... nachgeforscht habe ...« Raskolnikow kniff die Augen zusammen und hielt inne. »Nachgeforscht habe und eigens dazu hergekommen bin – das von der Ermordung der alten Beamtenwitwe«, sagte er schließlich fast im Flüstertone, indem sein Gesicht das des Samjotow beinahe berührte. Samjotow sah ihn unverwandt an, ohne sich zu regen und ohne sein Gesicht von dem seinigen zurückzuziehen. Am sonderbarsten erschien später Samjotow, daß dieses Schweigen eine volle Minute gedauert und daß sie sich eine volle Minute angestarrt hatten.