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Das Ungeheuer

Электронная книга - «Das Ungeheuer». Краткое содержание книги:

Eine der wichtigsten Gegenwartsautorinnen.
«Solche Geschichten gibt's, zu Hauf. Ingenieur gewesen, Job verloren, Frau verloren, auf der Straße gelandet«: Kein außergewöhnliches Schicksal vielleicht auf den ersten Blick, doch Terézia Moras Romanheld Darius Kopp droht daran zu zerbrechen. Denn Flora, seine Frau, die Liebe seines Lebens, ist nicht einfach nur gestorben, sie hat sich das Leben genommen, und seitdem weiß Darius Kopp nicht mehr, wie er weiter existieren soll. Schließlich setzt er sich in seinen Wagen, reist erst nach Ungarn, wo Flora aufgewachsen ist, und dann einfach immer weiter. Unterwegs liest er in ihrem Tagebuch, das er nach ihrem Tod gefunden hat, und erfährt, wie ungeheuer gefährdet Floras Leben immer war — und dass er von alldem nicht das Geringste mitbekommen hatte.
Arbeit und Schlaf, Arbeit, Arbeitsweg und Schlaf. So sah das erfolgreiche Leben von Darius Kopp aus. Bis er eines Tages den Job verlor. Und bis sich bald darauf seine Frau das Leben nahm und ihm zum zweiten Mal in kürzester Zeit der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde. Seitdem lebt er apathisch dahin, tötet die Zeit mit stumpfem Fernsehen und Fertigpizzen. Sein Freund Juri versucht Darius zwar wieder zurück in sein altes Leben als IT-Experte zurückzubefördern, doch dieser beschließt, eigene Wege zu gehen. Er wollte doch das geheime Tagebuch seiner Frau lesen, und er muss auch noch ihre Urne beisetzen. Aber wo? In ihrem ungarischen Heimatdorf oder in Budapest oder an den Hängen des Ararat? Und so begibt sich Darius Kopp auf eine lange Reise — auf der Suche nach der Wahrheit über seine Frau. Über sich selbst. Und über diese dunkle und ungeheuere Welt.
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Kopp weiß nicht, was dazu sagen. Eine einschränkende Bemerkung wäre charmant, aber unwahr. Sie winkt ab.

But it's ok now. Zum Glück musste ich ja nicht Flüchtling bleiben. Ich hab's mir angesehen, es hat mir nicht gefallen, da bin ich wieder zurück zu meiner Oma.

Mein Vater hatte immer diese Sehnsucht nach Italien. Das heißt: eigentlich nach Quebec, wegen des Französischen. Mein Vater spricht 4 Sprachen. Er hat immer Globus mit mir gespielt. Globus und Hauptstädte. Er spielte nichts anderes mit mir, immer nur: Länder suchen, Hauptstädte wissen. Ich mochte das nicht besonders, aber als sie dann weg waren, habe ich trotzdem so weitergemacht. Ich spielte: lernen. Wir Albaner sind sehr stolz auf unsere Bildung. Mein Vater hat mir von irgendwoher ein Buch über das kaiserliche Rom besorgt, und ich habe die Abfolge der römischen Kaiser auswendig gelernt. Das war mein Spiel. Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vespasian, Titus, Domitian undsoweiter. Es ging besser als die Hauptstädte. Vielleicht, weil man sich Menschen dazu vorstellen konnte. Mein Liebling war selbstverständlich Hadrian. Er war meine erste Liebe. Eine Weile dachte ich, weil ich noch naiv war, ich könnte ihm eines Tages begegnen. Ich wusste, ich muss mich dann als Junge ausgeben, denn er mochte Jungen. Natürlich wußte ich noch nicht, was das wirklich bedeutete: ein Favorit. Wobei es heißt, der größte Link zwischen ihm und Antinoos war, dass sie beide Melancholiker waren. Als ich kleiner war, dachte ich, das bedeute, dass sie gemeinsam ein Geheimnis, ein geheimes Wissen bewahrten. Ich stellte mir vor, ich könnte die Dritte sein, der sie es verraten. (Lacht.) Als ich dann dort war, lernte ich den Unterschied zwischen Geschichte, wenn sie vergangen ist, und Geschichte, die gerade geschieht. That's the way it goes. Und du? Was ist deine Story?

Ich… bin Deutscher und muss mich nicht nur im Ausland, sondern auch zu Hause dafür rechtfertigen.

Lachen. So geht es. Ja, so geht es.

f

Aristoteles: Peri Psyches: Störung der Vitalität.

(Dass die Psyche gleichzusetzen sei mit der Vitalität eines Menschen:

ein schöner Gedanke.)

#

[Datei: barth92] Barthes 92

«Ein Verrückter, der schreibt, ist nie ganz und gar verrückt.«

Was die Existenz wirklich bedroht, kann man mit Worten nicht ausdrücken. Solange ich noch sprechen kann, kann ich nichts darüber mitteilen. Und wenn es einmal soweit ist, habe ich keine Worte mehr.

Depression oder Tod, was die Mitteilbarkeit anbelangt, ist das beides gleich.

(Frau Dr. H. macht mich darauf aufmerksam, dass auch positive Extreme nicht verbalisierbar sind. Das stimmt, sage ich. Aber das Leiden darüber, dass man eine positive Ekstase nicht beschreiben kann, ist doch ein anderes als das Leiden über die Nichtmitteilbarkeit der negativen Ekstasen. Seine Freude nicht mit anderen zu teilen kann diese schmälern, aber sein Leid nicht mitteilen, also keine Hilfe erfahren zu können, kann einen umbringen.)

#

[Datei: Das_Ausmaß_unserer_Beseelung]

Kann sein, dass wir den Schmerz des anderen nicht fühlen können, aber wir können ihn verstehen, sagt Frau Dr. H. Wenn es nicht so wäre, gäbe es uns längst nicht mehr.

«Das Ausmaß unserer Beseelung hat mit unserer Empathiefähigkeit zu tun« (Emrich.) Einfühlungsvermögen. Das Beste in uns. Selbst wenn Sie zu viel davon haben, sollten Sie das nicht negativ sehen. Besser so als andersherum. Leiden ist unausweichlich. Sich gekränkt zu fühlen, weil man leidet, ist Nonsens. Du leidest nicht wie ein Hund, sondern wie ein Mensch.

#

[Datei: lombik]

Ich bin ein Retortenbaby, sagte ich zu den anderen. Retortenbabys haben keine Eltern, sie sind Kinder des Staates, er hat sie herstellen lassen, von den besten Wissenschaftlern des Landes, in einem Labor, einem Reagenzglas. Dort wachsen sie heran, bis jemand das Glas zerbricht oder es mithilfe eines Scharniers aufklappt und sie herausholt. Retortenkinder sind nicht aus einem Vater und einer Mutter zusammengesetzt, sondern aus einem ganz besonderen, geheimen Stoff, der unter direkter Aufsicht des Staates steht. Man hat Pläne mit uns. Eine Weile war das ein gutes Spiel. Aber dann erzählte jemand zu Hause davon, und die Eltern sagten: es gibt überhaupt keine Retortenbabys.

d

Und was machst du? For your living?

Well… (Zu viel Zögern! Automatische Antworten!) Ich bin Ingenieur für drahtlose Kommunikation.

Oh?…

Die Autogeräusche. (Ja, ich bin langweilig. Tut mir leid. Aber sie wäre nicht Oda, gäbe sie so leicht auf.) Enfemili? Pardon?

Familie? Hast du Familie?

Nein. Man hat mich auf der Kirchentreppe gefunden. Really?

Sie fragt es so, als ob es möglich wäre, und Kopp muss lachen. Nein. Vater, Mutter, Schwester.

Du bist Single? Oder geschieden?

Wieso denkst du, ich könnte geschieden sein?

Verheiratet, liiert.

Nein. I am a widower.

Oh…, sagt sie. Das erste Mal, dass sie beeindruckt scheint. Damit hat sie nicht gerechnet. (Ist es so? Muss ich damit» hausieren «gehen? Um auch eine» Story «zu haben?) Aber es gibt wahrscheinlich wenige Dinge, die sie länger als eine Minute sprachlos machen könnten. Sie kann alles fragen. Diesmaclass="underline"

Schon lange?

Nein.

Etwas mehr als ein Jahr. Krankheit oder Unfall?

Kopp wirft einen Blick in den Rückspiegel. Jutka ist vor Stunden ausgestiegen. Auf dem Rücksitz nur noch ein Rucksack. Sie hat sich das Leben genommen.

Ich kannte auch jemanden. Einen jungen Mann von der Uni. Wir waren nicht befreundet. Nur vom Sehen. Aber seitdem denke ich an ihn. Er hat sich vor den Zug geworfen.

Bist du unterwegs, um zu trauern?

Ich weiß nicht genau, sagt Darius Kopp der Wahrheit entsprechend. Sie nickt.

You should visit Albania. Sollte ich das? Unbedingt.

Unser Lächeln ist hilfloser geworden, aber von echter Hinwendung, anstatt nur von Höflichkeit, erfüllt.

Als das Meer das erste Mal aufscheint, kehrt ihre alte Fröhlichkeit zurück. Sie klatscht in die Hände, wie Kopp das bei einem Menschen außerhalb von Filmen noch nicht gesehen hat, und fängt wieder an, mit fliegenden Händen zu reden, diesmal über Venedig, das zum großen Teil auf Baumstämmen aus Dalmatien steht, die Serenissima Repubblica hat die Markusreliquien geklaut, und bumm sind wir vom heiligen Markus gegründet, halten Galeerensklaven bis ins 16. Jahrhundert hinein und einmal im Jahr werfen wir einen Ring in die Lagune, um uns mit dem Meer zu vermählen und um Schutz vor den Piraten zu bitten, die sich, von der Geographie begünstigt, überall zwischen den Inseln des heutigen Kroatien verstecken, stell dir das vor, die kleinen Schiffe der Piraten, wie sie aus den Buchten geschossen kommen. Sie erzählt es wie ein Märchen zur Tröstung, und in der Tat ist Darius Kopp jetzt für Minuten getröstet: der Anblick des Meers, der Inseln, ihre Gesellschaft.

Du! ruft Oda, sag mal! Please tell me honestly! Hättest du was dagegen, wenn ich mitkäme auf deine Insel?

10

Hier verdirbt es wieder ein wenig.

Was will sie eigentlich? Wie ist es gekommen, dass sie mir, kaum dass wir uns ein paar Stunden kennen, nicht mehr von der Seite weicht und sogar mit auf eine Insel fährt? Über Land kannst du mit manchem lange Zeit mitfahren. In dem Moment, wenn du auf eine Insel übersetzt…

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