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Der Leuchtturm von Alexandria

Электронная книга - «Der Leuchtturm von Alexandria». Краткое содержание книги:

Das Buch
Der Untergang des Römischen Reiches ist unabwendbar, politische Wirren und Intrigen sind am Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus an der Tagesordnung. In dieser unruhigen Zeit wächst das Mädchen Charis in Ephesus auf. Charis scheint über geheimnisvolle, ja magische Fähigkeiten zu verfügen, die ihr Bewunderung ebenso wie Neid und Mißtrauen eintragen. Dabei ist es nicht Zauberei, sondern ihre fürsorgliche Liebe zur Kreatur, die ihr die wunderbare Kraft des Heilens und Pflegens verleiht. Das friedvolle Leben ihrer angesehenen Familie wird jäh zerstört, als der neue machtgierige Statthalter Festinus seine Aufmerksamkeit der zur Frau erblühenden Charis zuwendet. Sie entzieht sich seinen Nachstellungen durch eine tollkühne Flucht nach Alexandria als Eunuch verkleidet. In dieser Maske gelingt ihr, was einer Frau im Römischen Reich versagt war: sie läßt sich in Alexandria, der damaligen Hochburg der Medizin, zur Heilkundigen ausbilden. Doch die neue Rolle bewirkt eine schicksalhafte Wende in ihrem Leben: Als Charon avanciert sie zum Militärarzt im wilden Thrazien. Wegen ihrer Heilkunst wird sie von den Goten entführt – bis der Mann, den sie seit langem liebt, sie errettet und ihre wahre Identität erkennt. Ein hinreißend erzählter historischer Roman, der eine turbulente Epoche farbenprächtig und abenteuerlich spannend vergegenwärtigt.
Der Autor
Gillian Bradshaw wurde in Falls Church, Virginia, geboren, wuchs auf in Chile und studierte englische Literaturgeschichte an den Universitäten von Michigan und Cambridge. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrer großartigen Trilogie um König Artus hat sich Gillian Bradshaw auch beim deutschen Leserpublikum einen Namen gemacht.
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Ich nahm meinen Platz gegenüber dem Prüfungsausschuß ein, und nach dem üblichen Scharren und Rascheln der Zuhörerschaft und dem Hüsteln der Kommission begann die Prüfung.

Die Fragen waren – genau wie Philon gesagt hatte – so formuliert, daß die Antworten eindeutig und zur Zufriedenheit aller ausfallen mußten. Sie bezogen sich sowieso nur auf die gängigen medizinischen Schriftsteller und Kräuterbücher. Beschreibe den Aufbau des Herzens. Wie würdest du eine Schulterverrenkung behandeln? Wie bereitest du das Zeitlosengewächs zu, und wofür braucht man es? Nur einer der Prüfer wollte Ärger machen. Er war einer der beiden Gelehrten des Ausschusses, ein Philosoph, Astrologe und überzeugter Heide, und er wollte unbedingt demonstrieren, daß christliche Ärzte den alten heidnischen unterlegen waren. Er war als letzter an der Reihe, mich zu befragen. Nachdem er mich mit einem heimtückischen Lächeln bedacht hatte, fragte er: »Welche Wirkung haben die Sterne auf die Gesundheit?«

Einen Augenblick lang war ich verwirrt und wußte keine Antwort. Ich merkte, daß Adamantios die Stirn runzelte.

»Hippokrates schreibt, daß die Sonnenwende, das Aufsteigen des Sirius, des Arkturus und der Plejaden am Himmel kritische Zeiten für die Gesundheit sind«, sagte ich schließlich. »Doch abgesehen davon können sich die medizinischen Autoren nicht einig darüber werden, welche Sterne einen guten Einfluß ausüben und welche nicht.«

»Genauso hätte auch Hippokrates geantwortet!« rief einer meiner Kommilitonen, und alle übrigen lachten schallend los. Adamantios lächelte. Der Philosoph fand das jedoch gar nicht komisch. Er warf mir einen finsteren Blick zu und zitierte Aratus und die anderen astrologischen Schriftsteller. Adamantios gebot ihm Einhalt. »Das sind keine medizinischen Schriftsteller, vorzüglicher Theon. Ihre Autorität in bezug auf medizinische Fragen muß als nicht gesichert angesehen werden, und du kannst nicht erwarten, daß der höchst geschätzte Chariton sie gelesen hat!«

Theon gab sich zufrieden, bedachte mich allerdings mit dem selbstgefälligen Blick eines Mannes, der seinen Stich gemacht hat. »Meine Tochter ist – obwohl sie eine Frau ist – auf diesem Gebiet ebenso belesen wie in den Werken Plotins«, verkündete er.

»Ich sehe nicht ein, warum wir das nicht auch von diesem christlichen Arzt erwarten sollten.«

»Vortrefflicher Herr«, sagte ich, »ich zolle der Bildung deiner Tochter Beifall und wünsche ihr viel Erfolg bei ihren philosophischen Bemühungen, aber ich bezweifle, daß sie Krateuas gelesen hat, und deshalb sehe ich nicht ein, warum ich Aratus und Plotin gelesen haben sollte.«

Daraufhin klatschten einige der übrigen Anhänger des Hippokrates Beifall. Adamantios lächelte erneut, dann hüstelte er und wechselte mit seinen Kollegen im Ausschuß einen schnellen Blick. Sie nickten und ich wurde als Arzt der medizinischen Fakultät des Museums von Alexandria bestätigt. Mir wurde überdies bescheinigt, auf allen medizinischen Gebieten wohl bewandert zu sein. Dann wurde ich – da ich mich vorher dazu bereit erklärt hatte – dazu aufgefordert, den Eid des Hippokrates zu schwören. Nicht jeder Arzt ist dazu bereit; die Bestimmungen sind sehr streng. Aber ich hatte ihn seit Jahren zu meiner Richtschnur gemacht und hätte seine Bestimmungen auch dann befolgt, wenn mich nicht ein ganzer Raum voller Zeugen für alle Zukunft daran gebunden hätte. Theon grinste hämisch, als ich statt bei Apollo und Äskulap im Namen »der heiligen und ehrwürdigen Dreifaltigkeit« schwor. Doch sonst war es der gleiche Eid. Seit sieben Jahrhunderten hatten Ärzte ihn geschworen. Jetzt versprach auch ich, meinen Lehrmeister in der Heilkunst genau wie meinen eigenen Vater in Ehren zu halten; den Kranken zu helfen und niemandem Schaden zuzufügen; keine Arzneimittel zu verabreichen, die Tod oder Abtreibung verursachen; in meinem privaten und beruflichen Leben tugendhaft und fromm zu sein; niemals eine Operation durchzuführen, um aus einem Mann einen Eunuchen zu machen (bei diesem Schwur ging ein Raunen durch die Zuhörerschaft); meine Stellung nicht dazu zu benutzen, sexuelle Vorteile zu erlangen (erneutes Raunen); Dinge geheimzuhalten, von denen ich wußte, daß sie nicht ausgeplaudert werden sollten. »Wenn ich diesen Eid halte und ihn nicht verletze, möge ich in meinem Leben und in meinem Beruf Erfolg haben«, schloß ich. »Wenn ich mich dagegen versündige und eidbrüchig werde, möge mein Schicksal anders verlaufen.«

Adamantios erhob sich, kam um den Tisch herum und schüttelte mir die Hand. »Ich bin sicher, daß du Erfolg haben wirst«, sagte er und lächelte, dann trat er auf Philon zu und unterhielt sich mit ihm. Es war vorbei. Die übrigen Prüfer kamen und gratulierten mir. Sie freuten sich so, als hätten sie mich niemals abgewiesen, als ich damals an ihrer Tür geklopft hatte. Danach kamen meine Kommilitonen und schüttelten mir die Hand, schlugen mir auf die Schulter, gratulierten mir und luden mich zum Wein ein. Ich bot ihnen meinerseits Wein an, und so wanderten wir alle miteinander lärmend den Hügel hinunter zur Taverne, wo ich eine beträchtliche Summe für Wein ausgab. Als die Gesellschaft ein wenig rüpelhaft zu werden begann, schlüpfte ich mit Theogenes zusammen hinaus, und wir gingen zu Philon und seiner Familie. Rüpelhafte Gesellschaften mochte ich nicht. Man behauptet immer: »Im Wein liegt die Wahrheit«, doch die Wahrheit sollten die Leute ja gerade nicht entdecken. Deborah und die Sklaven hatten eine Abendgesellschaft im Familienkreis vorbereitet, um die bestandene Prüfung zu feiern. Das war für mich sowieso eine viel größere Freude, als mich zu betrinken und anschließend in den Brunnen des Tempels geworfen zu werden, was die übliche Art war, das Ende der Studentenzeit zu feiern.

»Was wirst du jetzt tun, Chariton?« fragte Theophila mich schüchtern, als die Gesellschaft sich ihrem Ende näherte. Ihre Wangen glühten von dem genossenen Wein: Sie hatte mehr getrunken, als sie gewohnt war. Obwohl ich versucht hatte, mich zurückzuhalten, galt dies auch für mich. Ich hatte den Eindruck, Philons Eßzimmer leuchte von selbst, strahle von dem Licht der Lampen und all dem Glück, das ich in ihm empfunden hatte.

Ich sah Philon an. Er gab mir den Blick zurück und stellte mir dann die gleiche Frage wie seine Tochter. O Gott, dachte ich, wenn er doch nur mein wirklicher Vater und nicht bloß mein Lehrvater der Heilkunst wäre. Ich würde mich ihm so gerne anvertrauen, ihm die Wahrheit sagen und ihn dann fragen, ob er mich immer noch als Partner wolle.

Aber auch er würde seine eigene Tochter nicht Medizin studieren lassen.

Es war zwar richtig, daß Theophila sich nicht so recht für die Heilkunst interessierte. Doch selbst wenn sie einmal eine medizinische Frage stellte, wehrte Philon sie stets freundlich ab. Die Heilkunst, sagte er, sei kein interessantes Thema für hübsche Mädchen.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich. »Es sieht so aus, als werde ich in erster Linie unter Christen praktizieren. All deine zahlenden Patienten sind Juden. Falls ich versuchen sollte, es mit beiden Seiten zu halten, würden mir wahrscheinlich sowohl die einen als auch die anderen mißtrauen.«

Philon seufzte, dann nickte er. »Sie mißtrauen dir bereits. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Chariton. Ich weiß, daß du jetzt deinen eigenen Weg gehen wirst.«

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