Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Weißt du, Marie«, sagte er, »heute kam Ilja Mitrofanowitsch« – der Verwalter – »vom Gut in Tamlow und erzählte mir, daß ihm für den Wald schon achtzigtausend Rubel geboten seien.«
Und mit angeregtem Gesicht fing Nikolaj an, auseinanderzusetzen, daß es vielleicht möglich wäre, Otradnoje in kurzer Zeit zurückzukaufen. »Wenn ich noch so ein Dutzend Jährchen am Leben bin, lasse ich meine Kinder in glänzenden Verhältnissen zurück.«
Gräfin Marja hörte ihrem Mann zu und verstand alles, was er ihr sagte. Sie wußte, daß er sie, wenn er so laut dachte, ab und zu fragte, was er gesagt hatte, und sich dann ärgerte, wenn er merkte, daß sie an etwas anderes dachte. Aber sie mußte sich dabei große Gewalt antun, denn oft interessierte sie das, was er sagte, nicht im geringsten. Sie sah ihn an und dachte zwar nicht an etwas anderes, hatte aber ganz andere Gefühle. Sie empfand eine demütige, zärtliche Liebe zu diesem Mann, der nie all das, was sie verstand, begreifen würde, und es war, als liebte sie ihn gerade aus diesem Grund noch stärker und mit einem Anflug leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Außer diesem Gefühl, das sie ganz überflutete und daran hinderte, in alle Einzelheiten der Pläne ihres Gatten einzudringen, huschten ihr noch andere Gedanken durch den Kopf, die mit dem, was er sagte, nichts gemein hatten. Sie dachte an ihren Neffen – die Erzählung ihres Mannes von Nikolenkas Erregung während seines Gesprächs mit Pierre hatte ihr starken Eindruck gemacht – und stellte sich die einzelnen Züge seines zarten, empfindsamen Charakters vor. Wenn sie aber an ihren Neffen dachte, mußte sie zugleich auch an ihre eignen Kinder denken. Sie verglich nicht ihren Neffen mit ihnen, wohl aber das Gefühl, das sie selber für ihn und für ihre eignen Kinder hegte, und fand zu ihrem großen Kummer, daß ihrer Liebe für Nikolenka doch etwas fehlte.
Manchmal kam ihr der Gedanke, daß dieser Unterschied wohl auch vom Alter kommen könne, aber sie fühlte sich doch vor ihm schuldig und legte im innersten Herzen das Versprechen ab, sich zu bessern und das Unmögliche möglich zu machen, das heißt: in diesem Leben ihren Mann, ihre Kinder, Nikolenka und alle, die ihr nahestanden, so zu lieben, wie Christus die Menschheit geliebt hatte. Gräfin Marjas Seele strebte immer nach dem Unendlichen, Ewigen, Vollkommenen und konnte darum nie Ruhe finden.
Deshalb zeigte sich auf ihrem Gesicht der ernste Ausdruck des geheimen, hohen Leides ihrer Seele, die schwer an ihrem Körper trug. Nikolaj sah sie an. Mein Gott! Was sollte aus uns werden, wenn sie stürbe! Daran muß ich immer denken, wenn ich diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht sehe, dachte er, trat vor das Heiligenbild und fing an, das Abendgebet zu verlesen.
16
Als Natascha mit ihrem Mann allein geblieben war, sprach auch sie mit ihm, wie nur Mann und Frau miteinander zu reden pflegen, mit jener außerordentlichen Klarheit und Schnelligkeit im Auffassen und Mitteilen der beiderseitigen Gedanken auf einem Weg, der allen Regeln der Logik zuwiderläuft, ohne die Vermittlung des Urteils, der Vernunftschlüsse und Folgerungen, auf eine ganz besondere Art. Natascha war dermaßen daran gewöhnt, mit ihrem Mann nur so zu sprechen, daß es für sie das sicherste Zeichen einer Unstimmigkeit zwischen ihr und ihrem Mann war, wenn Pierre ihr seine Gedanken logisch auseinandersetzte. Wenn er einmal anfing zu beweisen und vernünftig und ruhig zu sprechen und sie, durch sein Beispiel verführt, nun ebenso zu reden anfing, dann wußte sie, daß dies unbedingt zu einem Streit führen mußte.
Von dem Augenblick an, da sie allein geblieben waren und Natascha mit glücklichen, weit geöffneten Augen leise auf Pierre zugegangen war, rasch seinen Kopf umfaßt, ihn an ihre Brust gedrückt und gesagt hatte: »Nun bist du ganz, ganz mein. Nun gehst du nicht wieder fort!« – hatte dieses Gespräch seinen Anfang genommen, das allen Gesetzen der Logik zuwiderlief, schon deshalb, weil beide zu gleicher Zeit von völlig verschiedenen Dingen sprachen. Diese gleichzeitige Beurteilung vieler Gegenstände war ihnen nicht nur kein Hindernis für ein klares Verständnis, sondern im Gegenteil sogar das sicherste Zeichen, daß sie einander ganz verstanden.
Wie in einem Traum alles unrichtig, sinnlos und voller Widersprüche ist, das Gefühl ausgenommen, aus dem der Traum hervorgeht, so waren auch bei diesen gegenseitigen Mitteilungen, die allen Gesetzen der Vernunft zuwiderliefen, nicht die Worte folgerichtig und klar, sondern nur das Gefühl, das sie hervorbrachte.
Natascha erzählte Pierre vom Leben und Treiben ihres Bruders, erzählte, wie sie ohne ihren Mann nicht gelebt, sondern nur gelitten habe, wie ihr Marie nur noch lieber geworden sei, und daß diese in jeder Beziehung doch besser sei als sie. Indem sie das sagte, gestand Natascha zwar Marjas überragende Vorzüge offen ein, verlangte aber dabei doch eben mit denselben Worten von Pierre, er solle sie dieser Marie und überhaupt allen anderen Frauen vorziehen und ihr dies besonders jetzt, nachdem er in Petersburg so viele Frauen gesehen hatte, noch einmal sagen.
Als Antwort auf diese Worte Nataschas erzählte Pierre ihr, wie unerträglich ihm in Petersburg bei den Abendgesellschaften und Diners die Gesellschaft der Damen gewesen sei.
»Ich habe ganz verlernt, mich mit Damen zu unterhalten«, sagte er. »Es war mir einfach langweilig. Besonders, da ich so viel zu tun hatte.«
Natascha sah ihn unverwandt an und fuhr fort:
»Marie ist zu reizend!« sagte sie. »Wie sie die Kinder versteht! Als sähe sie nur ihre Seelen. Gestern zum Beispiel war Mitenka unartig …«
»Wie er dem Vater ähnlich wird«, unterbrach sie Pierre.
Natascha begriff sofort, warum Pierre diese Bemerkung über die Ähnlichkeit zwischen Mitenka und Nikolaj machte: ihm war die Erinnerung an seinen Streit mit dem Schwager peinlich, und er wollte Nataschas Meinung darüber hören.
»Es ist eine schwache Seite Nikolajs, daß er sich mit nichts einverstanden erklärt, was nicht von allen anerkannt ist. Du aber, das kann ich verstehen, hast so etwas gerade gern: Ouvrir une carrière«, sagte sie und wiederholte dabei Worte, die Pierre selber einmal gebraucht hatte.
»Nein, die Hauptsache ist«, entgegnete Pierre, »für Nikolaj sind Gedanken und Überlegungen nur Tändelei, fast nur Zeitvertreib. Da häuft er sich eine Bibliothek auf und hat es sich zur Regel gemacht, kein neues Buch zu kaufen, bevor er nicht das vorhergekaufte gelesen hat. Werke von Sismondi[251], Rousseau, Montesquieu …« fügte er lächelnd hinzu. »Du weißt ja, wie ich ihn …« wollte er seine Worte wieder etwas abmildern, aber Natascha unterbrach ihn, um ihm zu verstehen zu geben, daß dies nicht nötig sei.
»Du meinst also, daß Gedanken für ihn nur Tändeleien …«
»Ja; für mich aber sind nur Gedanken wichtig und alles andere Tändelei. Ich habe die ganze Zeit über in Petersburg alles nur wie im Traum gesehen. Wenn mich ein Gedanke beschäftigt, so ist alles andere für mich Nebensache.«
»Wie schade, daß ich nicht dabei war, als du die Kinder begrüßt hast«, meinte Natascha. »Wer hat sich denn am meisten gefreut? Sicher Lisa.«
»Ja«, antwortete Pierre und fuhr dann wieder mit dem fort, was ihn beschäftigte: »Nikolaj sagte, wir sollen nicht denken. Aber ich kann doch nicht anders. Gar nicht davon zu reden, daß ich in Petersburg immer das Gefühl hatte – dir kann ich es ja sagen –, daß ohne mich alles auseinanderlaufen und jeder an einem anderen Strang ziehen wird. Aber es ist mir doch gelungen, sie alle unter einen Hut zu bringen, und mein Gedanke ist ja auch so einfach und klar. Ich sage ja gar nicht, daß wir diesem oder jenem entgegenarbeiten sollen. Auch wir können irren. Ich sage nur: Reicht euch die Hände, ihr, die ihr das Gute liebt, und laßt uns nur dem einen Banner folgen: werktätige Tugend. Fürst Sergej ist ein prächtiger Mensch und äußerst klug.«
251
Sismondi: J. C. L. S. de Sismondi (1713-1842), Schweizer Historiker und Nationalökonom.