Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Morbus nahm ihr Blut und mischte es mit Tinte.
»Das könnt ihr nicht machen! Ich vergesse sie nicht, das könnt ihr nicht tun!«
Die Dichter schoben den Brettertisch zwischen sie und Morbus und legten ihm einen Stapel Papier vor. Er zückte seine Feder. »Sieh mich an, Apolonia.«
Sie kniff die Augen zu. Ein Ausweg... irgendein Ausweg! Sie brauchte Hilfe!
Polizei ...
Tigwid! O Gott, Tigwid ...
Lieber Gott ...
Hilfe. Helft mir!
»Apolonia, öffne die Augen. Es wird nicht wehtun.«
Wer auch immer mich hört, ich brauche Hilfe! Aus allen Laubhöhlen, aus allen Bäumen ...
»Du wirst deine Mutter nicht vermissen, wenn du sie nicht mehr kennst. Schau mich an! Los, öffnet ihr die Augen!«
... aus jedem Flug und jedem Schlaf, aus allen Kanälen und jeder Gasse, aus allen Höhlen und Häusern und Gärten! Helft mir ...
Hände drückten auf ihr Gesicht. Ihr wurden die Augen aufgerissen. Morbus tauchte vor ihr auf, das kalte, schreckliche Grün der Augen bannte sie, strömte in sie hinein. Er tauchte die Feder in die Bluttinte und setzte zum Schreiben an. Fremde Finger durchtasteten ihr Gedächtnis nach Erinnerungen an ihre Mutter. Sie versuchte, sich zu verschließen. Aber die Finger durchdrangen jede Sperre, sickerten wie Fäden aus Rauch durch alle Mauern, die sie setzte ... Sie spürte, wie das Gesicht ihrer Mutter fortgerissen wurde, dem Sog von Morbus’ Augen folgend, und von Sekunde zu Sekunde verblasste.
Sie schluchzte auf. Ihre Hände und Füße begannen zu zucken. Die Dichter brachen in erstauntes Gemurmel aus, als Morbus nicht zu schreiben begann. Sein Kiefer spannte sich, und Tropfen von Bluttinte fielen auf das Blatt, während er tiefer in Apolonias Erinnerungen eindrang. Pochende Hitze durchspülte ihren Kopf, als er ihre Vergangenheit durchwühlte. Sie kämpfte gegen die wilden Wellen von Bildern an, die über ihr zusammenschlagen wollten.
Von überall, von überall, helft mir jetzt!
Morbus riss erschrocken seinen Blick von ihren Augen los, als ihm etwas ins Bein biss. Er sprang hoch und stieß einen Schrei aus: An seiner Hose hing eine Ratte.
Als die Sonne aufging, geschahen in der Stadt mehrere höchst merkwürdige Dinge. Das junge Tageslicht tastete sich über den Horizont und umrahmte die Domspitzen und Staatsgebäude, die klotzigen Fabriktürme und Industrieschornsteine mit glühendem Rot. Die Bäcker holten gerade ihre ersten Brötchen aus den Öfen, und die Arbeiterinnen huschten durch die Gassen, wegen der Kälte fest in ihre geflickten Umhänge gehüllt. Die Pferdebahnfahrer fütterten ihre Tiere und fegten den Schnee von den Rädern. Die Dienstmädchen kamen aus den vornehmen Villen, um die Zeitungen hereinzuholen, die die Zeitungsjungen schon seit Einbruch der Dämmerung austrugen. Die Straßenhunde schlichen von den warmen Küchenfenstern weg, als die Menschen erwachten. Die Marder flitzten über die Straßen, um in den Parks unterzutauchen. Sattgelb wie Eidotter stieg die Wintersonne über der Stadt auf.
Die Hunde blieben witternd stehen. Die Marder erstarrten auf den Straßen, die Vorderpfoten erhoben. Die Ratten in den Kanälen paddelten ans Trockene und spitzten die Ohren. Die Krähen besetzten die Bäume in schweigenden Kolonien und hatten die Flügel gespreizt. Sekunden verstrichen. Ein junger Messdiener wechselte verblüfft die Straßenseite, als vor ihm eine pechschwarze Katze buckelte und erstarrte. Sonst bemerkte kein Mensch das merkwürdige Verhalten der Tiere. Zwei, drei, vier Sekunden. Die Gaslaternen erloschen.
Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin erhoben sich die Krähen. Schwarze Schatten überzogen den Himmel. Aus allen Richtungen schlossen sich ihnen Tauben an, bis die Luft vor flatternden und segelnden Flügeln vibrierte. Die Hunderudel rannten lautlos durch die Gassen, ihnen folgten Katzen, Ratten, Marder. Für Augenblicke scharrten unzählige Krallen über die leer gefegten Gardeplätze und die frische Schneedecke über den Marktstraßen wirbelte auf. Unter der Stadt, in den Kanälen, dröhnten die Rohre und Schächte von trappelnden Füßen.
Das Ziel war klar. Der Ruf eindeutig.
Die Tierscharen näherten sich einem verlassenen Lagerhaus.
Als Morbus aufsprang, kippte er das Schälchen mit der Bluttinte um, und die dunkelrote Flüssigkeit tränkte den Papierstapel. Mit Zähnen und Krallen hangelte die Ratte sich an Morbus’ Bein hoch. Eine zweite sprang wie aus dem Nichts dazu, klammerte sich fest und biss ihm in den Arm. Morbus schlug wild um sich und trat in alle Richtungen aus. Die erste Ratte flog im hohen Bogen durch die Luft und landete auf dem Tisch. Sie rollte sich aber sofort wieder auf die Füße, hüpfte durch die Bluttinte und hinterließ nasse Fußspuren auf dem Holz, als sie zu einem neuen Angriff ausholte.
Die Dichter waren vollkommen perplex. Aus den Schatten der Lagerhalle strömten Ratten wie Bäche einer einsickernden Flut. Quietschend stürzten sie sich auf die Dichter und Apolonia. Sie kletterten an ihrem Stuhl hoch und durchnagten die Fesseln. Dann hüpften sie ihr auf die Schultern, strichen ihr ums Kinn und sandten ihr die Bilder ihrer Namen.
Inzwischen hatten Morbus und seine Lehrlinge sich in einem Kreis zusammengedrängt. Apolonia strich sich die zertrennten Stricke von den Händen und schnellte hoch. »Da habt ihr meine Antwort!«
In der Ferne splitterten Holztüren. Lautes Hundegebell hallte herein. Die schmalen Fenster über ihnen barsten unter hundert hackenden Schnäbeln. Ein plötzlicher Wind ließ die Papiere flattern, als Krähen und Tauben durch die Halle segelten und sich wie eine flirrende Gewitterwolke über Apolonia und die Dichter legten. Hunderte von Begrüßungsbildern durchströmten Apolonia und sie legte den Kopf in den Nacken und streckte den Vogelschwärmen die Hände entgegen.
»Es stimmt! Es stimmt!«, kreischte Morbus durch den Lärm. »Du bist eine Motte!«
Apolonia fühlte sich wie in einem Rausch. Morbus und seine Worte waren nicht mehr von Bedeutung. In diesem Moment spürte sie die Gefühle und Gedanken von Hunderten von Lebewesen, von jeder Ratte, von jeder Taube und Krähe, von allen Tieren, von allen. Sie waren lebendig in Apolonia. Nie hatte sie so viele Tiere auf einmal gespürt. In sich getragen. Und jetzt war es ihr egal, was Morbus sagte und ob es stimmte: Vielleicht war sie eine Motte, so wie ihre Mutter. Vielleicht konnte sie es nicht länger abstreiten, doch das spielte jetzt keine Rolle.
Katzen und Hunde stürmten herbei, geradewegs auf die Dichter zu.
Haltet die Dichter in Schach, flüsterte Apolonia. Bewacht sie und lasst keinen entkommen, bis ich die Polizei gerufen habe.
Ein plötzliches Aufjaulen erklang. Apolonia erstarrte: Ein Hund, der sich gerade auf Morbus hatte stürzen wollen, blieb wie verhext stehen. Er zog den Schwanz ein und machte einen weiten Bogen um die Dichter.
»Ha!« Morbus’ Gesicht war zu einer schrecklichen Fratze verzerrt. Die fettigen Haare wirbelten um seinen Kopf, als er zu den Vogelschwärmen aufblickte, die über ihm kreisten und nicht angriffen. »Glaubst du, du kannst mich besiegen, Apolonia, in meiner eigenen Kunst?!« Seine verkrampften Hände richteten sich auf die Tiere, die knurrend und fiepend und keifend um ihn herumschlichen und nicht näher kamen. »Gedankenlesen und -lenken sind meine Gaben! Das sind die Gaben der Dichter, und du glaubst, der Geist der Tiere bleibt uns verschlossen?!«
Apolonia horchte in die Tiere hinein: Haltet die Dichter in Schach. Bewacht sie und lasst keinen entkommen, bis ich die Polizei gerufen habe.
Dann spürte sie einen zweiten Befehl. Wie an einer Klinge schnitt sie sich an Morbus’ Wort, das durch die Gedanken der Tiere hallte: Verschwindet.
Apolonia ballte die Fäuste. Hört nicht auf ihn! Hört nicht darauf! Werft den Mann zu Boden!